Zeitung Heute : In Abwehrhaltung

In der US-Armee wächst die Kritik an Verteidigungsminister Rumsfeld – genau das macht seine Ablösung unwahrscheinlicher

Christoph Marschall[Washington]

Nach kritischen Äußerungen mehrerer Generäle hat sich US-Präsident Bush demonstrativ hinter seinen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gestellt. Weshalb hält er an Rumsfeld fest?


Das Pensionsalter hat er längst erreicht, auch nach amerikanischen Maßstäben. Im Juli wird Donald Rumsfeld 74 Jahre alt. Amtsmüde sei er aber nicht, betont der US-Verteidigungsminister. Und so wie man ihn und seinen Präsidenten kennt, ist jetzt schon gar nicht mit seiner Ablösung zu rechnen – gerade weil Rumsfeld so sehr in der Kritik steht. In solchen Momenten hat George W. Bush für die „plappernde Klasse“, wie er den Chor der Talkshow-Gäste und Kommentatoren nennt, nur Spott übrig. Diesem Druck will er sich nicht beugen.

„Rumsfeld hat meine volle Unterstützung“, sagte Bush am Wochenende. Er leiste „großartige Arbeit“ bei der Neuausrichtung der Truppe im Hinblick auf die veränderte Weltlage. Das Aufgebot an Verteidigern, das vom Weißen Haus und dem Pentagon nun in die politische Arena geschickt wird, zeigt freilich auch, dass die Angriffe ernst genommen werden.

Die Verteidigungslinie der Regierung sieht so aus: Die Militärs waren in die Planung einbezogen. Rumsfeld suche wie kein Verteidigungsminister vor ihm ihren Rat, behauptet ein Memorandum des Pentagon für hohe Offiziere. Seit Jahresbeginn 2005 habe er sich 139 Mal mit Mitgliedern des Generalstabs und 208 Mal mit Kommandeuren von Kampfeinheiten getroffen. Gegenmeinungen habe man stets intern äußern können, heißt es zu dem Vorwurf, Rumsfeld habe Kritiker gezielt eingeschüchtert. Und was bedeuten schon sechs pensionierte Generäle bei insgesamt 5000?

Am Sonntag ging Richard Myers, Chef des Generalstabs von 2001 bis zum Herbst 2005, in die Wochenschau des Fernsehsenders ABC. „Wir alle haben ihm unseren besten militärischen Rat angeboten. Das ist unsere Pflicht, andernfalls hätte man uns erschießen müssen.“ Er betonte den Primat der gewählten Politiker. „Wenn alle Meinungen ausgetauscht sind, treffen in unserem System Zivilisten die Entscheidung. Und wir Militärs führen sie aus.“

Duncan Hunter, Vorsitzender des Streitkräfte-Ausschusses im Abgeordnetenhaus, lobte Rumsfeld auf CNN: „Seine Entschlossenheit ist eine Qualität, die wir gerade jetzt brauchen“, sagte der Republikaner aus Kalifornien. „Man wechselt die Pferde nicht aus kosmetischen Gründen.“ Der Kampf um Irak sei „langwierig, schwierig und hart“. Richard Lugar, Republikaner aus Indiana und Vorsitzender des Außenpolitischen Senatsausschusses, meinte: „Es kann sein, dass der Präsident sich irgendwann zur Regierungsumbildung entschließt. Aber für absehbare Zeit hält er an Minister Rumsfeld fest. Und das ist eine gute Wahl.“

Die Demokraten forderten am Wochenende erneut Rumsfelds Rücktritt. Dianne Feinstein, Senatorin aus Kalifornien, sagte: „Ein Wechsel liegt im Interesse der Nation und des Präsidenten.“ Wesley Clark, 1997 bis 2000 oberster Nato-General in Europa und 2004 demokratischer Präsidentschaftsbewerber, hielt Rumsfeld „schlechte Arbeit“ vor.

Der Streit schwelt seit der Planung des Kriegs 2002/03. Rumsfeld hielt die klassische US-Strategie der „overwhelming force“, der erdrückenden materialmäßigen Überlegenheit, für zu aufwändig. Kriege ließen sich mit mobilen leichten Truppen besser und billiger führen. In der Öffentlichkeit spitzte sich die Debatte auf die nötige Truppenstärke für den Krieg und die Besatzung zu. General Eric Shinseki, Nato-Befehlshaber in Bosnien, sagte bei einer Anhörung im Kongress im Februar 2003, „angesichts der ethnischen Spannungen“ im Irak brauche man mehrere hunderttausend Mann. Rumsfeld nannte die Schätzung damals „völlig daneben“.

Rumsfelds Strategie der begrenzten Streitmacht ging im Krieg auf, gilt aber als Ursache der Besatzungsprobleme. Es standen nicht genug Truppen bereit, um die Ordnung aufrechtzuerhalten und Widerstand im Keim zu ersticken. Diese These hat zum Beispiel der Militärkorrespondent der „New York Times“, Michael Gordon, in seinem Buch „Cobra II. The Inside Story of the Invasion and Occupation of Iraq“ belegt. Auch er hat Rumsfelds Rücktritt gefordert.

Manche Kommentatoren sehen in Rumsfelds Fehlern allerdings ein Argument, warum er bleiben sollte: Er hat Amerika die Probleme eingebracht. Nun soll er sie auch lösen und sich nicht zu früh aus dem Staub machen.

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