Zeitung Heute : In Ackerfurchen wachsen Heimatgefühle

„Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch“: Kommen regionale Produkte wirklich aus der Region?

Susanna Hoke
„So schmeckt unsere Heimat“. Derartigen Werbeslogans kann man trauen, muss es aber nicht. Gelegentlich wurden die Rohstoffe nur in der Heimatregion verpackt. Foto: dapd
„So schmeckt unsere Heimat“. Derartigen Werbeslogans kann man trauen, muss es aber nicht. Gelegentlich wurden die Rohstoffe nur in...Foto: dapd

Slogans wie „Ein gutes Stück Heimat“, „Unser Land“ oder „Aus unserer Region“ spielen mit Heimatgefühlen, suggerieren frische Produkte und kurze Transportwege. Aber ist dem wirklich zu trauen? Was steckt dahinter?

Immer mehr Kunden achten auf die regionale Herkunft von Lebensmitteln und sind bereit, mehr Geld dafür auszugeben. Denn auch die Biosupermärkte sind voll von spanischen Tomaten oder italienischem Schinken mit einer schlechten Ökobilanz. Nach etlichen Lebensmittelskandalen vertrauen die Verbraucher lieber den örtlichen Bauern und wollen die heimische Wirtschaft unterstützen.

Der Handel hat den Trend erkannt, legt den Begriff „Region“ allerdings recht großzügig aus: So haben Tester der Zeitschrift „Ökotest“ den mit „Ein gutes Stück Heimat“ beworbenen Birnen-Johannisbeer-Saft aus Bayern in einem mecklenburgischen Lidl-Markt gefunden. In Deutschland verpackter Kaffee oder Reis wird unter dem Label „Unser Norden“ beworben. Da wird der Regionalbezug zur Mogelpackung. Der Kunde kann kaum erkennen, wie viel „Region“ in den Produkten tatsächlich steckt. Die regionalen Vermarkter legen ihre Kriterien selbst fest: So schwankt der Anteil heimischer Rohstoffe zwischen zehn und 100 Prozent, die Überwachung der Standards reicht von Selbstkontrolle bis zu mehrstufigen externen Überprüfungen.

Das Problem: Anders als beim EU-Biosiegel gibt es für regionale Lebensmittel keine gesetzlich festgelegte Definition. Nur die „geschützte Ursprungsbezeichnung“ der EU setzt voraus, dass die Lebensmittel in einem bestimmten Gebiet erzeugt, verarbeitet und hergestellt wurden, wie es bei griechischem Feta oder Allgäuer Bergkäse der Fall ist. Die geschützte geografische Angabe gewährleistet lediglich, dass Erzeugung, Verarbeitung oder Herstellung in der Region erfolgt. So wird Schinken aus dem Ausland im Schwarzwald gewürzt, gepökelt, geräuchert und als Schwarzwälder Schinken etikettiert.

„Abmahnungen sind derzeit unsere einzige Handhabe gegen irreführende Werbung“, sagt Christoph Römer von der Verbraucherzentrale Berlin. So geschehen bei der H-Milch von Campina: Das große Etikett „Mark Brandenburg“ suggeriert eine regionale Herkunft. In deutlich kleinerer Schrift wird der Abfüllort genannt: Weißenfels in Sachsen-Anhalt. Dass dieser unscheinbare Hinweis überhaupt erfolgt, hat die Berliner Verbraucherzentrale 2007 erwirkt. Ansonsten gibt noch das Europäische Identitätskennzeichen Auskunft über den Standort der Molkerei, das aber ist klein gedruckt und der Kunde muss die entsprechenden Kürzel kennen. Die Bundesverbraucherzentrale fordert ein staatlich überwachtes unabhängiges Kontrollsystem analog zur Ökokontrolle. „Was draufsteht muss auch drin sein“, bringt es Römer auf den Punkt.

Während es in Bayern mehr als 60 Regionalinitiativen gibt, sind sie in Berlin und Brandenburg noch rar. Ein Beispiel ist das Label „fair und regional“: Die Dachmarke umfasst fast 30 Bauern, Bäcker und Biomärkte aus Berlin und Brandenburg. Gesichert sind neben der Bioqualität auch ethische Standards wie eine faire Preiskalkulation, artgerechte Tierhaltung und die Verwendung erneuerbarer Energien. Der Anbau pflanzlicher Produkte erfolgt zu 100 Prozent in Berlin und Brandenburg, Tiere müssen spätestens ab dem Alter von sechs Wochen in der Region gehalten werden. Die Evaluation erfolgt intern: Alle Teilnehmer werden einmal im Jahr von zwei weiteren Mitgliedsbetrieben kontrolliert. Ein zusätzliches externes Verfahren ist im Aufbau.

Auch die Marke „Von Hier“ bewirbt Produkte aus Brandenburg und Berlin. 25 kleine Erzeuger bieten rund 70 Produkte in ausgewählten Supermarktketten an. Der Pflaumenwein kommt von einer Streuobstwiese im Hohen Fläming, der Honig aus dem Barnim und Oder-Spree. Markeneigentümer ist pro agro, Verband zur Förderung des ländlichen Raumes im Land Brandenburg. Die Produkte kommen zu einem Drittel aus dem Ökolandbau, die Rohstoffe stammen zu mindestens 70 Prozent aus der Region. Einmal im Jahr gibt es unangemeldete Kontrollen durch zwei unabhängige Institute.

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner hat jetzt eine Initiative gestartet, um die Kennzeichnung regionaler Lebensmittel zu verbessern. Allerdings soll das „Regionalfenster“ auf Freiwilligkeit beruhen und als „Kontrollbestätigung für die Erfüllung jeweils eigener Regionalkriterien“ dienen. Transparenz sieht anders aus. Viele Vermarkter fürchten den bürokratischen Aufwand und lehnen staatliche Regelungen ab. Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte Werbung für Lebensmittel, die irreführend als Produkte „vom Land“ angepriesen werden. „Mit Bildern von ländlicher Idylle drehen die Hersteller den Verbrauchern schnöde Industrieprodukte als ursprüngliche, naturbelassene Lebensmittel an.“

An der Obst- und Gemüsetheke immerhin herrscht zumindest ansatzweise Klarheit: Bei Obst und Gemüse muss das Herkunftsland angegeben werden. Die Region, aus der Äpfel oder Wirsing stammen, wird allerdings nicht genannt. Wer sein Brot, Fleisch, Obst oder Gemüse aus der Region kaufen will, geht also am besten in den Hofladen, auf den Wochenmarkt oder zum Metzger in der Nachbarschaft und fragt genau nach.

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