Zeitung Heute : In Allahs Grauzone

Welche Gefahr geht von Islamisten in Deutschland aus? „Man weiß nicht, was man glauben kann“, sagen Ermittler

Frank Jansen Armin Lehmann

Von der Schönen Aussicht betrachtet, einer kleinen Straße direkt an der Außenalster, ist Hamburg eine Idylle. Aber auch in der Idylle fährt die Polizei eifrig Streife.

An der Schönen Aussicht Nummer 36 bleiben die Touristen immer ungläubig vor einem Gebäude stehen, das sie hier, mitten im Villenviertel, nicht erwartet hätten. Manche gehen hinein, um zu fotografieren, und da kommen auch schon die ersten Gläubigen zum Freitagsgebet herbeigeeilt. An der Schönen Aussicht Nummer 36 steht eingebettet zwischen sauberen Gartengrundstücken das Islamische Zentrum Hamburg (IZH) mit seiner mintgrünen Imam-Ali-Moschee. Seit den Festnahmen der Kofferbomber fotografieren die Touristen aber auch, weil bekannt ist, dass das Bild dieser Moschee an der Tür zum Kieler Gebetsraum von Youssef Mohamad El Hajdib hing, einem der mutmaßlichen Attentäter. Manche Medien haben das IZH deshalb schon als „Kommandozentrale des islamistischen Terrors“ in Deutschland bezeichnet.

Noch nie war der Terror der Berliner Republik so nahe wie bei den gescheiterten Anschlägen auf die zwei Regionalzüge. Längst vergessen ist die schwerelose Zeit der Fußball-WM. Es wird heftig diskutiert, über mehr Sicherheit, schärfere Gesetze. Doch letztlich ist es das Ungewisse, das verwirrt und Angst macht. Politiker und Sicherheitsexperten sagen, der Terror habe die Deutschen im Visier. Aber was heißt das? Wie gefährlich sind die radikalen Islamisten im Land? Agieren sie in Gruppen oder allein?

Wer sich auf die Spurensuche ins islamistische Milieu begibt, trifft auf eine Gesellschaft, in die schwer hineinzuschauen ist. In Hamburg, Bremen und Berlin zum Beispiel. Dort und in eingen anderen Ballungsgebieten gibt es große muslimische Gemeinden – und nach Ansicht von Experten nahezu unausweichlich auch eine kleine radikale, islamistische Minderheit.

Von den etwas mehr als drei Millionen Muslimen in Deutschland zählt der Verfassungsschutz etwa 32 100 Personen, knapp ein Prozent, zum „Islamismuspotenzial“, die Terrorszene nicht eingerechnet. Wie groß die ist, vermögen die Sicherheitsbehörden allerdings nur zu schätzen. Von bundesweit „einigen hundert Dschihadisten, Unterstützern und Sympathisanten“ ist die Rede. Und von über 30 „besonders problematischen Moscheen“. Und doch, so einfach ist es nicht. Denn die islamistische Szene, die militante wie die friedliche, sei ständig in Bewegung, wie ein szenekundiger Sicherheitsexperte sagt. Schon der Wechsel eines Imams könne den Kurs einer Moschee erheblich verändern – hin zu gemäßigten Ansichten oder zum Hass auf Ungläubige.

Hamburg-Uhlenhorst, im Islamischen Zentrum. Mohammad Naser Taghavi, stellvertretender Leiter der Imam- Ali-Moschee im IZH, wählt seine Worte mit Bedacht. Kommandozentrale des Terrors? „Wir sind sehr verwundert über diese Anschuldigungen.“ Es ist die noch höflichste Umschreibung der Moschee- Vertreter für ihr Entsetzen. Seit einigen Jahren versucht der neue Imam der Moschee, den religiösen Dialog voranzutreiben. Vor der Moschee hängen die Ergebnisse dieser Bemühungen: Es sind Bilder, die den Imam mit dem Dalai Lama zeigen, mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, oder mit hochrangigen Politikern. Der Leiter des IZH hat sich nach den Londoner Terroranschlägen 2005 als erster Imam in Deutschland mit einer Fatwa, einem islamischen Rechtsgutachten, öffentlich gegen Terror und Gewalt gewandt. Als die Sache mit dem Bild im Kieler Gebetsraum öffentlich wurde, hieß es nur: „Wir kennen keinen Youssef Mohamad El Hajdib.“ In der Gemeinde fühlt man sich beleidigt, spricht von „böser Propaganda“.

Genau hier liegt das Problem, das die Fachleute nicht nur mit dem Islamischen Zentrum in Hamburg haben, sondern mit vielen islamischen Einrichtungen. Man weiß nicht, was man glauben kann.

Die moderate Selbstdarstellung der Imam-Ali-Moschee beurteilen Insider beispielsweise so: „Das Zentrum ist bemüht, keinen Anstoß zu erregen.“ Diese Formulierung weckt den Verdacht, dass das Verhalten nur Tarnung sein könnte. Zwar attestiert man der Moschee große Bereitschaft zum Dialog und hält die These von der Kommandozentrale für „Unsinn“. Was aber nicht bedeutet, dass man sie für grundsätzlich ungefährlich erachtet. Das IZH, Anfang 1960 erbaut, pflegt engste Verbindungen zur Teheraner Geistlichkeit. Die bestimmt den jeweiligen Leiter des IZH. Das Zentrum gilt Sicherheitsbehörden als „religiöser Brückenkopf“ Irans und als bedeutendste Anlaufstelle auch für radikale schiitische Muslime.

Herr Taghavi, sind radikale Islamisten in Deutschland eine Gefahr? „Wir sind sehr froh, dass der Verfassungsschutz und die Sicherheitsbehörden da sind und Sicherheit gewährleisten.“

Was sagen Sie zu den antisemitischen Reden von Irans Präsident Ahmadinedschad oder den Worten von Hisbollah- Führer Nasrallah, der den USA und Israel den Tod wünscht? „Ich kenne die Details nicht, haben Sie bitte Verständnis, dass ich dazu nichts sagen kann.“ sagt der Geistliche. Dann bricht er das Gespräch höflich ab.

Fünf Autominuten entfernt von der Imam-Ali-Moschee, im muslimischen Herzen Hamburgs: St. Georg; Moscheen und muslimische Geschäfte, Erotikshops, Bordelle, Tante-Emma-Läden und schwule Szene. Nicht allein das Moschee- foto an der Tür des Studentenwohnheims in Kiel, in dem El Hajdib gewohnt hat, knüpft eine Verbindung nach Hamburg, sondern auch eine zweite Adresse, die er in St. Georg gehabt haben soll: Kleiner Pulverteich 17–20. Nicht weit von hier traf sich auch die Terrorzelle um Mohammed Atta, einem der Flugzeugattentäter von New York. Am Kleinen Pulverteich geht es zu wie auf einem Basar, was daran liegt, dass sich hier drei Moscheen, ein Männerwohnheim und ein islamisch-albanisches Kulturzentrum angesiedelt haben. Wen man auch fragt, El Hajdib, den Kofferbomber, will hier niemand gekannt haben.

Viele Muslime in St. Georg sagen, der Generalverdacht gegen sie sei die eigentliche Gefahr, die von dem versuchten Attentat ausgehe. 75 000 Muslime gebe es in Hamburg, es werde jetzt nur danach gefragt, wie viele als radikal gelten. Die Muslime kennen eine Antwort, denn sie lesen den Verfassungsschutzbericht, in dem für Hamburg die Zahl 170 steht. 170 gewaltbereite Muslime, meist zwischen 30 und 40 Jahren, oft verheiratet. In den Moscheen von St. Georg geben aber auch einige Muslime unter der Hand zu, dass sie mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeiten. „Wir sind keine Spitzel, aber wenn wir eine Gefahr sehen, nennen wir auch Ross und Reiter.“

Doch diese genauen Angaben fehlen den deutschen Sicherheitsorganen meist. Sie können beobachten, aber die Gefahr liegt im Verborgenen. In der heimlichen Propaganda beispielsweise. Auch in diesem Zusammenhang spielt das IZH seine Rolle, schließlich ist es laut Verfassungsschutzbericht 2005 „regelmäßig Mitorganisator“ des „Al-Quds-Tags“ („Jerusalem-Tag“). Der 1979 von Ayatollah Chomeini ausgerufene Tag, der an die „Besetzung“ Israels erinnern soll, ist ein Forum für antiisraelische und antizionistische Propaganda. Sie ist einer der Gründe für die Skepsis des Verfassungsschutzes gegenüber dem IZH. Ein anderer Grund ist die langjährige Zusammenarbeit mit einem türkischstämmigen schiitischen Islamisten. Sein Name ist Yavuz Özoguz, er hat lange den Internetauftritt für das IZH betrieben. Der neue Imam aber hat die Zusammenarbeit beendet.

Özoguz ist ein Grenzgänger mit einer beachtlichen Ausstrahlung, immer in Gefahr mit seiner Propaganda Rechtsbruch zu begehen. Auch seine Aktivitäten sind gemeint, wenn Innenminister Wolfgang Schäuble mehr Kontrolle über das Internet fordert. Auf seinem in der Szene durchaus wahrgenommenen Internetportal „Muslim-Markt“ verbreitet Özoguz nach Darstellung des Verfassungsschutzes „direkt oder indirekt antizionistische und antiisraelische Propaganda“. Özoguz bezeichnet Israel – ganz im Duktus von Hisbollah-Führer Nasrallah – als „Fremdkörper“. Einmal wurde Özoguz wegen Volksverhetzung verurteilt, weil er einen Link auf eine Rede von Ayatollah Khamenei setzte. Darin hatte der geistliche Führer Irans den Holocaust geleugnet und die Gaskammern als „Märchen“ bezeichnet. Özoguz zahlte 1000 Euro und entging einer Bewährungsstrafe. Er ist ein glühender Verehrer Khameneis. Der habe für ihn „die Bedeutung des Papstes“.

An einem Montagmittag, Ende August, sitzt Yavuz Özoguz, verheiratet, drei Kinder, in einem Bremer Café und fordert „Differenzierung“ ein. Özoguz ist höflich, er spricht ruhig und sachlich und seine Augen hinter der Brille verraten keine Gefühlsregung. Er sagt, er befürworte den Dialog aller Religionen, aber man solle begreifen, dass man den „Pseudostaat Israel“ und den „Zionismus“ trennen müsse von den Juden. „Weil auch die Juden gegen die zionistische Politik sind.“

Özoguz ist gut gelaunt. Erst vor wenigen Tagen lehnte das Landgericht Oldenburg es ab, ein Verfahren gegen ihn wegen Aufrufs zum Mord zu eröffnen. Özoguz hatte auf der „Muslim-Markt“-Seite in einer Diskussion über den Islamexperten Hans-Peter Raddatz den Forumsteilnehmern vorgeschlagen: „Lassen Sie uns folgendes Gebet beten: Wenn der Islam so ist, wie Raddatz es immer wieder vorstellt, dann möge der allmächtige Schöpfer alle Anhänger jener Religion vernichten! Und wenn Herr Raddatz ein Hassprediger und Lügner ist, dann möge der allmächtige Schöpfer ihn für seine Verbrechen bestrafen …“ Zwei Jahre später folgte das Gericht einem Gutachten des BKA, nach dem die Äußerungen „nicht als Mordaufruf zu werten sind“. Doch auf den „Muslim-Markt“-Seiten wird offen vom „rassistischen Apartheidsregime Israel“ gesprochen. Suggeriert wird eine „zionistische Weltverschwörung“. Ein Richter sagte über Özoguz: „Ihre Meinung ist sozialer Sprengstoff.“

Diese Art von geistiger Brandstiftung ist es, die den Sicherheitsorganen Kopfzerbrechen bereitet. Überall in Deutschland. Denn aus sozialem Sprengstoff kann schnell echter Sprengstoff werden.

Sprengstoff, wie ihn zum Beispiel Ihsan Garnaoui mixen wollte. Der verhinderte Attentäter hatte schon Schaltpläne, einen Liter Batteriesäure, mehrere Handys und eine Anleitung, wie sie als Zünder funktionieren. Er verfügte über eine Pistole, Kaliber neun Millimeter, und 30 Patronen. Über ein Computerprogramm „Im Tiefflug über Deutschland“. Über falsche Pässe und über eine konspirative Wohnung im Ruhrgebiet. Am 20. März 2003 nahm ein Spezialkommando der Polizei den Tunesier in Berlin fest. Wenige Stunden zuvor hatte der Irakkrieg begonnen. Die Bundesanwaltschaft hatte Hinweise, dass Garnaoui mit Komplizen aus dem Umfeld der Al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln einen Anschlag auf amerikanische oder jüdische Einrichtungen plane. Am „Tag X“, dem Start der US-Invasion im Irak.

Garnaoui und die Al-Nur-Moschee – Sicherheitsexperten knüpfen diesen Zusammenhang, wenn das Gespräch auf die Moschee kommt. „Die ist in Berlin das Muttergeschwür des Islamismus“, sagt ein Beamter, der das Urteil des Berliner Kammergerichts im Prozess gegen Garnaoui noch immer nicht versteht. Zwar verkündeten die Richter im April 2005, Garnaoui habe „einen islamistisch motivierten Sprengstoffanschlag“ begehen wollen. Doch der Anklagevorwurf der Bundesanwaltschaft, der Mann habe den Aufbau einer Terrorgruppe versucht, ging dem Gericht zu weit. Der Angeklagte wurde wegen anderer Delikte, unter anderem Urkundenfälschung, zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Die Bundesanwaltschaft nahm es hin.

Doch die Sicherheitsbehörden haben die Al-Nur- Moschee auch weiterhin im Auge. Zumal bei den Ermittlungen im Fall Garnaoui der damalige Imam der Moschee in den Verdacht geriet, er habe die Anschlagspläne unterstützt.

Der vierstöckige Betonbau der Moschee liegt mitten in einem Neuköllner Industriegebiet. Das Gotteshaus mit Fitnesscenter im vierten Stock ist trotz vieler negativer Schlagzeilen noch immer gut besucht. Die Terrorgeschichte scheint abgehakt. Das sagen zumindest einige der Muslime, die an einem Freitag Ende August zum Gebet kommen und sich auf ein Gespräch mit einem Reporter einlassen.

Ihsan Garnaoui? „Den kenne ich nicht“, sagt ein bärtiger Mann, 44 Jahre alt, Libanese. Er ist zum Freitagsgebet gekommen. Die Sache mit den Kofferbombern aus Köln und Kiel, „die hat eine negative Wirkung auf die Muslime“, sagt er. „Jetzt werden alle Muslime beschuldigt, dass sie Terroristen sind. Das war schon bei den Londoner Flugzeugbomben so.“ Bis hierhin klingt er sachlich. „Aber die Kofferbomben und die Flugzeugbomben sind eine Erfindung der westlichen Mächte. Damit sie einen Grund haben für den Krieg gegen den Terrorismus.“ Sein Begleiter, 50 Jahre alt, Jordanier, nickt.

Der Mann lächelt freundlich, als er fortfährt. „Wissen Sie, eine islamistische Organisation wie Al Qaida ist uns unbekannt. Die ist wahrscheinlich vom Westen inszeniert, damit er einen Grund hat, den Irak zu besetzen und Israel zu helfen. Al Qaida – das glauben wir nicht.“ Sein Begleiter nickt. Der Mann breitet fragend die Arme aus, „wer war denn Osama bin Laden vor dem 11. September? Das ist doch überhaupt nicht bekannt.“

Seit elf, zwölf Jahren sei er in Deutschland, sagt er. Sein Begleiter fast doppelt so lang. Die deutsche Staatsbürgerschaft haben beide nicht. „Aber ich fühle mich als Deutscher“, sagt der Libanese. Wie das zu seiner Abneigung gegen den Westen passe? „Die westlichen Mächte sind nicht die europäische Bevölkerung. Zwischen den Muslimen und der europäischen Bevölkerung gibt es keinen Krieg.“ Die Zeit drängt, die beiden wollen beten. Zum Abschied reichen sie die Hand.

So oder so ähnlich laufen viele Gespräche ab, in Hamburg, in Bremen, in Berlin. Freundlichkeit, Verschwörungstheorien. Andererseits, eine Theorie allein macht aus einem Menschen keinen Attentäter.

Zurück in Berlin-Neukölln. Die Al- Nur-Moschee hat seit einiger Zeit einen neuen Imam. Dem alten wurde im Mai 2005 nach einer Reise in den Libanon die Rückkehr in die Bundesrepublik verwehrt. Weil er in Freitagsgebeten unter anderem „Gott schütze die Mudschaheddin in Tschetschenien, Palästina und Irak“ ausgerufen hatte. Sein Nachfolger stammt aus Somalia. Wie der denkt, ist nicht zu erfahren. Vor einem Gespräch verlangt ein Sprecher der Moschee eine schriftliche Anfrage. Doch auch als sie gestellt ist, bleibt eine Antwort aus.

Dabei wäre sie womöglich sehr interessant. Denn in der Al-Nur-Moschee verkehrte auch jene Berlinerin, die den islamistischen Parolen bis zur tödlichen Konsequenz folgen wollte: Sonja B. Im Frühjahr plante sie, sich und ihren einjährigen Sohn in die Luft zu sprengen. Im Internet, in einem abgeschirmten Chatroom, radikalisierte sich die Konvertitin in Diskussionen mit anderen Islamisten. Im April schlug die Polizei zu, als Sonja B. mit ihrem Sohn die Bundesrepublik verlassen wollte. Ihre Wohnung in Neukölln wurde durchsucht, die Frau tagelang vernommen. Danach begab sie sich in psychiatrische Behandlung – für eine Woche. Das Jugendamt nahm ihr den Sohn weg. Ob sie ihn wiederbekommt, ist fraglich.

An ihrer Wohnungstür klebt ein großer weißer Zettel. „Bitte Schuhe ausziehen!“ Nach mehrmaligem Klingeln meldet sich Sonja B., ohne die Tür zu öffnen. „Ich gebe keine Auskunft. Sie können wieder gehen, danke.“ Die Nachbarn sind ähnlich wortkarg. Zu erfahren ist nur, dass Sonja B. keine Arbeit hat, selten die Wohnung verlässt und selbst zu Hause tief verschleiert bleibt. Sonja B. ist Anfang 40, sie hat Sozialwissenschaften studiert und nahm den Islam an. Nun hat sie keine Perspektive mehr. Wer wird eine Frau beschäftigen, die sich mit ihrem Kind auf dem Arm töten wollte?

Vermutlich ist Sonja B. eine Ausnahme ist, eine extreme dazu. Die Sicherheitsbehörden ahnen nur: Es gibt auch in Deutschland Muslime, die sich radikalisieren. Und das kann schnell gehen. Für die Kofferbomber soll, das sagt BKA-Chef Jörg Ziercke an diesem Wochenende, der im Februar eskalierte Streit über die Mohammed-Karikaturen und die Tötung des Terroristenanführers Abu Mussab Al Sarkawi Anfang Juni im Irak der Anlass gewesen sein, ihre Anschläge zu planen.

Einer, der schon länger als gefährlich auffiel, ist der Marokkaner Abdel K. Ihn haben Polizei und Verfassungsschutz im Blick, die Bundesanwaltschaft zählt ihn den Komplizen von Ihsan Garnaoui. Abdel K. hält beim Freitagsgebet in der Bilal-Moschee im Berliner Stadtteil Wedding Ansprachen. Im Februar 2003 hörte die Polizei ein Telefonat ab, in dem K. und ein Bekannter darüber sprachen, „auf die Ungläubigen zu spucken, sie zu fressen und sie in Flüssen und Seen versinken zu lassen“.

Auch Reda S. betet in dieser Moschee im Hinterhof. Den Deutsch-Ägypter hält die Bundesanwaltschaft für einen Unterstützer von Al Qaida und möglichen Hintermann der ersten Anschläge auf Bali, bei denen im Oktober 2002 mehr als 200 Menschen starben. Im Juli 2003 sagte Reda S. in einem Interview, „laut Koran ist es in Ordnung, Terrorist zu sein“.

In beiden Fällen reicht es nicht für eine Inhaftierung. Doch halten Sicherheitsexperten die von den beiden aufgesuchte Bilal-Moschee für „problematisch“ . Das Gebäude liegt im Soldiner Kiez, einer ärmlichen Gegend, es gibt viele Migranten, und zum Straßenbild gehören tief verschleierte Frauen. Der „Deutschsprachige Muslimkreis Berlin“ (DMK) ist im selben Altbaukomplex ansässig wie die Moschee. Im Vorderhaus befindet sich ein nüchterner Seminarraum für die 80 Mitglieder. Ghassan El-Bathich, 30 Jahre alt, Haare kurz, akkurat gestutzter Vollbart, Hornbrille, ist der „Amir“, der Leiter des DMK- Berlin. Der Student ist Sohn einer deutschen Mutter und eines arabischen Vaters. Zum Interview hat er seinen Stellvertreter mitgebracht: Mohammad Jimoh, Deutsch-Nigerianer, 37, promovierter Chemiker. Ein Hau-Drauf-Islam, wie ihn die Dschihadisten des Osama bin Laden aufführen, ist nicht ihr Stil. „Es gibt sicher unter Muslimen Haltungen, die diesem Staat nicht freundlich gesonnen sind“, sagt El-Bathich. „Die vertreten wir in keinster Weise.“ Aber warum werden in der Bibliothek, wie auf der DMK-Homepage zu lesen ist, unter anderem auch Schriften von Vordenkern des islamistischen Terrors angeboten? Jimoh sagt, jeder Autor „hat seine Macken zu gewissen Zeiten“. Und El-Bathich wählt einen Vergleich: „Man kann mit einem Messer ein Brot streichen, man kann aber auch jemanden abstechen. Ist deshalb das Messer schlecht?“

Die beiden argumentieren geschickt, aber widersprüchlich, was die Terrorverdächtigen in der Bilal-Moschee angeht. Man habe mit der Polizei über Reda S. gesprochen. Man erlaube ihm nur, in der Moschee zu beten. Es sei problematisch, dass S. im DMK und in der Moschee „Kontakte haben kann“. Aber fernhalten will man den Deutsch-Ägypter nicht. Dabei gehört er nicht einmal zur Gemeinde. Über Abdel K. sagt El-Bathich, er habe gar nicht gewusst, dass die Bundesanwaltschaft gegen ihn ermittelt. „In dubio pro reo.“

Womöglich wird Abdel K. noch in diesem Jahr Ihsan Garnaoui in die Moschee mitbringen. Der Tunesier komme spätestens im Januar frei, heißt es in Sicherheitskreisen. Eine Abschiebung Garnaouis ist unwahrscheinlich. Tunesien verweigert die Aufnahme. „Werden wir den nicht los, haben wir ein großes Problem mehr“, sagt ein Sicherheitsexperte.

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