Zeitung Heute : In aller Form

Der Schauspieler riss dem Kritiker den Block aus der Hand – jetzt entschuldigt er sich

Verena Mayer

Thomas Lawinky steht ziemlich geknickt in der Abflughalle am Flughafen Tegel. Er muss nach München, zum Drehen, seine Lebensgefährtin ist auch mitgekommen. Lawinky trägt schwarze Hosen und schwarzen Pulli, eine schwarze Sonnenbrille hat er auch dabei. Er ist ein Mann mit heller Haut, rötlichem Haar und blauen Augen, der von sich als „Thommy“ spricht und viel von einem großen Jungen hat. Was den Vorfall betrifft, will Thommy erst einmal nichts sagen, er will lieber über Ionesco reden. „Die Frage ist doch die, ob man heute noch absurdes Theater machen kann, wo die Welt doch viel absurder ist.“

Schauspiel Frankfurt, vergangener Donnerstag. In der Nebenspielstätte Schmidtstraße 12 hatte Ionescos „Das große Massakerspiel“ Premiere. Es gab viel Aktionismus, das Publikum war aufgefordert, sich mal hierhin, mal dorthin zu bewegen. Irgendwann begann ein Schauspieler, einen Zuschauer anzupöbeln. Nun wäre das im modernen Regietheater nicht weiter ungewöhnlich. Nur, dass es sich bei dem Zuschauer um Gerhard Stadelmaier handelte, den Theaterkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Besagter Schauspieler heißt Thomas Lawinky, er ist 41, seit einigen Jahren arbeitet er mit den Regisseuren Armin Petras und Sebastian Hartmann zusammen, beide berühmt für kraftstrotzenden Berliner Naturalismus. Mit ihnen ist er viel herumgekommen, er hat als Gast in Berlin gespielt, in Hamburg und in Magdeburg, die Schmidtstraße 12 in Frankfurt wird von Petras geleitet, dem künftigen Intendanten des Gorki-Theaters. „Thomas Lawinky ist ein Bulldozer von einem Schauspieler, ein festes, schweres Paket besten rauen Männerfleisches“, schrieb ein Berliner Kritiker und – jeder seiner Auftritte kündige sich mit einer Druckwelle an.

Das konnte man am Donnerstag wohl sagen. Stadelmaier, von der Aufführung offenbar wenig begeistert, unterhielt sich gerade mit einem Kollegen, als Lawinky ihn zur Rede stellte. Ein Dialog entspann sich, der Schauspieler griff sich den Block des Kritikers. Als Stadelmaier daraufhin den Saal verließ, rief der Schauspieler dem Kritiker Dinge nach, von denen einige zwar bei Goethe stehen, die aber trotzdem nicht so nett sind.

Lawinky bestellt Tee in der Flughafen-Cafeteria. Das Theater ist für ihn „eine Anstalt der Bildung und der Moral“, in der es auch Grenzüberschreitungen geben müsse. „Die Dinge, die ich da vorführe, von Geschlechtsteilvorzeigen angefangen, das sind Sachen, mit denen ich mich selber verletze. Ich mache da einen Seelenstrip auf der Bühne, an dem ich jede Nacht zu kauen habe.“

Was den Vorfall betrifft – nur so viel: Passiert sei das Ganze aus der Rolle heraus. Später wird Lawinky ein bisschen lauter, es geht darum, dass er seit sechs Jahren keine Kritiken mehr liest, und es fallen wieder ein paar Worte, die auch bei Goethe stehen. Seine Lebensgefährtin macht ein begütigendes Gesicht, Lawinky nimmt einen Schluck Tee. „Ich möchte mir mein Publikum mit Leistung und nicht mit Negativschlagzeilen erarbeiten“, sagt er. Und: „Ich entschuldige mich in aller Form. Was ich getan habe, ist unentschuldbar, und dafür stehe ich ein.“ Dass er einen Kritiker vor sich habe, habe er zwar geahnt, wegen des Schreibblocks. Dass es Stadelmaier gewesen sei, habe er erst nachher erfahren. „Es hätte jeder Zuschauer sein können, der mich nonverbal in heiklen Spielsituationen attackiert. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut und mit Emotionen.“ Man muss sich Lawinky ein bisschen wie einen schlimmen Schüler vorstellen, der sich mit einem Lehrer anlegen wollte und dabei versehentlich den Direktor erwischt hat.

Denn das ungefähr ist Gerhard Stadelmaier – der heimliche Direktor im Schulhof des Theaterbetriebs. Seine Hymnen werden geliebt, seine Verrisse auf 20 Zeilen sind gefürchtet, und immer mal wieder nimmt sich Stadelmaier seine Kritikerkollegen zur Brust. Stadelmaier schreibt in der „FAZ“ über den Abend: „Dann legten sie mir den toten Schwan in den Schoß, und Herr Lawinky forderte mich auf: ‚Schreiben Sie, dass das ein schönes Kind ist, schreiben Sie das. Sie sehen doch so klug aus.’ Auf meine leise gemurmelte Replik ‚Sie leider nicht’ riss er mir meinen Kritikerblock brutal aus der Hand, rannte auf die Spielfläche, hob meinen schönen Spiralblock wie eine Trophäe hoch und schrie: ‚Wollen mal sehen, was der Kerl geschrieben hat.’ Er konnte aber meine Notizen nicht verstehen und gab mir den Block zurück mit den Worten: ‚Schreib weiter, Junge, der Abend wird noch furchtbar.’“ Beim Abgehen hörte Stadelmaier die Worte: „Hau ab, du Arsch! Verpiss dich!“. Er habe sich in seinem über 30-jährigen Kritikerleben noch nie „so beschmutzt, erniedrigt, beleidigt gefühlt – und so abgrundtief traurig übers Theater“. Die Frankfurter Zeitungen berichteten über den Vorfall auf den Titelseiten, fast so wie 1966 bei Peter Handke. „Publikumsbeschimpfung“ hieß das Stück, das damals uraufgeführt wurde.

Stadelmaier, nun seinerseits zu Hochform aufgelaufen, gibt dem Frankfurter Schauspiel eine Mitschuld. Das Verhalten des Schauspielers folge der „strukturellen Logik“ eines Theaters, das alle Grenzüberschreitungen schon „durchdekliniert“ habe. Das von Intendantin Elisabeth Schweeger zu verantwortende Problem des Frankfurter Theaters bestehe darin, „dass dort Schauspieler keine Rollen spielen – sondern Lebensgefühle“.

Elisabeth Schweeger war selbst nicht in der Vorstellung. Sie hat das Vertragsverhältnis mit Lawinky am Tag nach dem Vorfall einvernehmlich beendet, da es sich um einen „Übergriff“ gehandelt habe. Bei Stadelmaier hat sie sich am Morgen nach dem Vorfall entschuldigt. Die Kritik des Kritikers an ihrem Haus weist Schweeger jedoch als „Privatmeinung“ zurück. Sie sagt, dass sie „adäquates Theater für eine multikulturelle Stadt wie Frankfurt“ mache. „Kunst braucht ihre Freiräume.“

Die Oberbürgermeisterin von Frankfurt, Petra Roth, sieht das etwas anders. Sie schrieb an das Schauspiel Frankfurt: „Es wurde nicht nur die Pressefreiheit verletzt. Es geht um viel mehr: Ein körperlicher Angriff ist auch strafrechtlich zu würdigen.“ Wenn es nach dieser Nebendarstellerin geht, soll der letzte Akt also womöglich vor Gericht spielen. Thomas Lawinky hat indessen Gerhard Stadelmaier eine schriftliche Entschuldigung geschickt und wird seine Rolle nicht mehr spielen. Für nächsten Donnerstag ist am Schauspiel Frankfurt eine Podiumsdiskussion angesetzt. Danach wird ohne Lawinky auf der Bühne geprüft, ob man heute noch absurdes Theater machen kann.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben