Zeitung Heute : In aller Herren Länder

Am 8. März 1908 demonstrierten New Yorker Arbeiterinnen gegen die Bedingungen in den Fabriken. So entstand der „Tag der Frau“. Heute gehen Frauen gegen andere Missstände auf die Straße – Armut, Aids und ein Mangel an Bildung sind die größten Gefahren.

Caroline Fetscher

Die Hände: So nannten englische und amerikanische Fabrikanten im 19. Jahrhundert ihre Arbeitskräfte. In der Textilindustrie waren die meisten Hände weiblich. Bis zu fünfzehn Stunden am Tag arbeiteten die Frauen für Hungerlöhne, Pausen waren kaum erlaubt. Am 8. März 1908 zogen Zehntausende zorniger Textilarbeiterinnen durch die Lower East Side von Manhattan. Sie forderten mehr Lohn. Und sie verlangten das Wahlrecht. Zwar drosch New Yorks Polizei auf die Frauen ein, viele landeten im Gefängnis. Aber die Zeitungen berichteten, und der Protest der Frauen, Auftakt zu einem Generalstreik der gesamten Branche, wurde berühmt. 1910 schlug Clara Zetkin auf der Internationalen Konferenz der Sozialisten einen weltweiten „Tag der Frau“ vor. Der 8. März erschien sinnvoll. Bald galt das Datum als „rot“. Und so wurde der Frauentag 1932 von den Nationalsozialisten verboten. Als Ersatz erfanden sie den „Muttertag“.

Nach dem Krieg, in den Anfängen der Bundesrepublik hätten sich Frauen – und Männer – wieder auf diesen Tag besinnen können. Seit 1949 erklärt unser Grundgesetz in Artikel 3: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Doch erst seit dem neuen Aufschwung der Frauenbewegung Ende der sechziger Jahre erfährt der Frauentag weltweit wieder mehr Beachtung. 1977 nahmen die UN den 8. März als „International Women’s Day“ offiziell in ihren Kalender auf. So sind die UN auch heute Sponsor und Initiator zahlreicher Veranstaltungen in aller Welt. In New York trifft sich Kofi Annan am heutigen Montag mit Campaignerinnen zum Thema „Aids, HIV und Frauen“.

Im Kampf gegen AIDS

2004 wollen die UN Aktionsprogramme für die 19,2 Millionen Frauen fördern, die sich das Virus zugezogen haben. Am drastischsten ist die Lage in Afrika, wo 58 Prozent der Infizierten weiblich sind, und in der Karibik. „Die steigende Tendenz ist erschreckend“, sagt Charlotte Bunch vom Center for Women’s Global Leadership. „Bildung und Frauenrechte sind der beste Impfstoff gegen Aids“, so die Organisation Unifem.

Bildung ist auch das beste Heilmittel gegen Armut. Doch fast siebzig Prozent der einen Milliarde Analphabeten auf dem Globus sind Frauen. Frauen verdienen zehn Prozent der weltweit gezahlten Löhne und Gehälter und Frauen haben, nach Angaben der deutschen Welthungerhilfe, gerade ein Prozent des Eigentums auf der Welt.

Daher wirbt der internationale Dachverband der Gewerkschaften am Montag für eine Kampagne zu Mobilisierung der ärmsten Frauen der Welt. Die meisten leben auf der Südhalbkugel und im postkommunistischen Osteuropa. Den „Global Unions“ geht es um den Schutz von Straßenhändlerinnen in Indien, Bäuerinnen in Peru, Fischverkäuferinnen im Tschad oder Heimarbeiterinnen in Moldawien.

Das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland startet zum Internationalen Frauentag eine Aktion gegen häusliche Gewalt. Ziel des dreijährigen Projektes sei es, der Gewalt gegen Frauen weltweit besser vorzubeugen, teilte das Diakonische Werk mit. Die Diakonie als Trägerin von 36 Frauenhäusern in Deutschland appellierte an Länder und Kommunen, die finanziellen Mittel für diese Hilfe nicht weiter zu kürzen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wurde 20 bis 50 Prozent aller Frauen weltweit bereits von ihrem Partner oder einem männlichen Familienmitglied körperliche Gewalt angetan.

In Toronto machen sich Aktivistinnen am heutigen Weltfrauentag öffentlich für die Frauenhäuser stark, denen der Staat die Gelder kürzt. Feministinnen im neuseeländischen Auckland trommeln zur Demonstration gegen den Krieg, „unter dem Frauen am meisten leiden“. Hingegen laden in Japan die dort stationierten weiblichen US Marines in den „Club Iwakuni“ ein, wo Lieutenant Michelle Lukehart an den Mut der Lazarettschwestern im 2. Weltkrieg erinnert.

Es braucht eine Revolution

In Genf treffen sich heute auf Einladung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) die iranische Friedensnobelpreisträgerin und Anwältin Shirin Ebadi mit der Den Haager Chef-Anklägerin Carla del Ponte über Frauen in der Justiz.

Rechtzeitig zum internationalen Frauentag hat China am Sonntag angekündigt, demnächst eine Frau ins All zu schicken. Das Training weiblicher Taikonauten werde bald beginnen, sagte die Vorsitzende der chinesischen Frauenvereinigung Gu Xiulian. In der Volksrepublik ruhen heute alle Hände, denn man begeht den „Feiertag der Arbeitenden Frau“, der wie überall im Sozialismus üblich seinen festen Platz behauptet. In der DDR schenkten Männer den werktätigen Frauen an diesem Tag Blumen und Glückwunschkarten mit Goldlettern und der Genosse Honecker dankte den Frauen und Mädchen für ihren Beitrag „zum Erstarken und Erblühen unseres sozialistischen Vaterlandes“.

Einen pragmatischen Appell formulierte Kofi Annan: „Durch alle Schichten der Gesellschaft muss eine tiefgreifende soziale Revolution gehen, die das Verhältnis zwischen Frauen und Männern verändert, so dass Frauen ihr Leben umfassender kontrollieren können – finanziell wie physisch.“

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