Zeitung Heute : In Ausstattung und Engagement hat Deutschland starken Nachholbedarf

Simone Leinkauf

Lehrer, die fassungslos vor einem PC sitzen und sich von Fünft- und Sechstklässlern erklären lassen, wie man durchs Internet surft, was ein Link ist und dass eine Maus nicht unbedingt Käse frisst: Solche Fälle mag es geben - in Berlin und auch im restlichen Teil der Republik. In der vergangenen Woche hat jedenfalls eine Meldung den Eindruck erweckt, dass die Berliner Lehrer kaum auf den Einsatz moderner Computertechnik vorbereitet seien. Und hat heftigen Protest bei den betroffenen Lehrern und Angehörigen der Senatsschulverwaltung hervorgerufen.

Da lohnt schon ein genauerer Blick hinter die Kulissen. Der internationale Vergleich scheint den Kritikern Recht zu geben: Kommen in Skandinavien auf einen Computer zehn Schüler, so müssen sich in Berlin 50 Schüler einen Rechner teilen.

In den Pariser Gymnasien liegt das Verhältnis von Computer zu Schülern bei 1:12, an Berlins Oberschulen etwa bei 1:25. Und das Defizit Deutschlands gegenüber einigen europäischen Nachbarstaaten wird sich wohl in den kommenden Jahren noch verschärfen: Denn während beispielsweise England im Jahr 2000 rund eine Milliarde Euro in die Computerausstattung der Schulen investieren will und Frankreich immerhin noch mit 250 Millionen Euro dabei ist, rechnen die 16 deutschen Bundesländer gemeinsam nur mit einem Budget von 40 Millionen Euro.

In Ausstattung und Engagement rangiert Deutschland derzeit auf dem Niveau mancher Entwicklungsländer. Will man da den internationalen Anschluss nicht völlig verpassen, muss schnell reagiert werden. Schließlich ist es inzwischen auch für die Pädagogik zur Selbstverständlichkeit geworden, dass der kompetente Umgang mit Computeranwendungen, mit CD-ROMs und dem Internet zu den üblichen Kulturtechniken gehört. Ausreichende Kenntnisse darüber sollte die Schule ebenso vermitteln, wie die Grundlagen von Lesen, Schreiben und Rechnen.

Während sich der Computereinsatz in Schulen vor zehn Jahren noch auf die informationstechnische Grundbildung und den Informatikunterricht beschränkte, wird der PC heute schon längst als Mittel zum Zweck verstanden: zur Informationsbeschaffung und -verarbeitung. Der Zugriff auf Daten ist wesentlich größer und - wird mit dem Rechner richtig umgegangen - auch schneller als beim Blättern durch ein Lexikon. Förderung von Medienkompetenz und höherer Kooperationsbereitschaft durch den Computereinsatz im Unterricht gelten als bewiesen. Und zu guter Letzt darf nicht vergessen werden, dass sehr viele Arbeitsgänge gerade auch in Lehrberufen computergesteuert sind.

Schulabgängern, die im Unterricht regelmäßig am PC gesessen haben, wird diese Qualifikation dann auch zu Gute kommen. Bei all diesen positiven Aspekten wundert man sich, dass bislang nur knapp 20 Prozent der Berliner Lehrer Computer in den Unterricht mit einbeziehen. Nur an der Ausstattung der Schulen kann es nicht liegen. Schließlich haben 95 Prozent der weiterführenden und der berufsbildenden Schulen eine Computerausstattung, auch wenn diese sehr unterschiedlich aussieht. Vom einzelnen Rechner, der irgendwo in der Schule abgestellt ist, bis zum gut ausgestatteten Computer-Kabinett mit zwölf PC-Arbeitsplätzen ist alles zu finden. Warum also drängen die Berliner Lehrer nicht massenhaft in die Weiterbildungsangebote und nutzen die aufgestellten Computer nur zu etwa 20 Prozent auch tatsächlich im Unterricht?

Die Altersstruktur der Lehrkräfte bietet da eine einleuchtende Erklärung: Im vergangenen Schuljahr standen zu 37 Prozent Lehrkräfte über 50 vor den Schülern, und nur einer von hundert Lehrern hatte die 30noch nicht erreicht.

Das Durchschnittsalter der Berliner Lehrer liegt derzeit bei knapp 47 Jahren. Das sind Menschen, von denen die meisten in ihrer Ausbildung nie vor einem PC gesessen haben, die einfach nicht wissen, was da im Unterricht sinnvoll gemacht werden kann. Auch wenn es Schulen gibt, an denen der älteste Lehrer der Computer-Fachmann ist, so sind bei vielen Lehrern die Berührungsängste vor der neuen Technik größer, als die Bereitschaft, sich auf ein neues pädagogisches Konzept einzulassen.

Dazu kommt, dass in einer Klasse von mehr als dreißig Schülern - und die gibt es wieder häufiger - ein sinnvoller Einsatz des PC im Unterricht nicht möglich ist. Mit Neueinstellungen von jungen, auch im Computerbereich gut ausgebildeten Pädagogen könnte man da zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Einen ersten Schritt in die richtige Richtung hat man mit der vor zwei Jahren von der Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport eingerichteten und von Teilen der Berliner Wirtschaft unterstützten Initiative CidS! (Computer in die Schulen) geschaffen. Die Berliner Lehrer erhalten hier Schulungen für den Einsatz des Computers im Unterricht. Jede Schule kann einen Antrag stellen und sich kostenlos einen Multimedia-PC mit einem T-Online-Anschluss aufstellen lassen - eine eigene E-Mail-Adresse und eine Schul-Homepage sind damit unproblematisch einzurichten. Da ist es schon erstaunlich, dass bei der letzten Erhebung im September immer noch zwei Drittel der Berliner Schulen keine eigene Homepage hatten.

Dass es auch anders geht, zeigt die Schadow-Oberschule in Berlin, die eigens eine Lehrerin mit der Koordination eines "Web-Teams" beauftragt hat: Auf der Homepage ( www.Schadow-Oberschule.de ) sind Informationen über die Schule, Abiturs-Reden, Ausflugtipps und Briefe der Gesamtelternvertretung ebenso zu finden wie spannende Projekte im Unterricht oder Nachhilfeangebote. So ähnlich werden wohl künftig auch in Berlin die interaktiven Schülerzeitungen aussehen.

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