Zeitung Heute : In bester Umgebung

Warum schöne Bilder einen schönen Rahmen brauchen: Heinz Berggruen über seine zweite große Sammelleidenschaft

-

Seit ich Bilder sammle, und das sind nun mehr als vierzig Jahre, sammle ich Rahmen. Ich meine alte, kostbare Rahmen. Meist habe ich eine Neuerwerbung erst dann als wirklich gelungen betrachtet, wenn ich den geeigneten Rahmen aufgetrieben hatte. Ein schönes Bild braucht einen schönen Rahmen, der das Bild zelebriert, ihm die Honneurs verschafft, die es verdient. Es ging mir stets darum, um einen Ausdruck von Werner Schmalenbach abzuwandeln, dass meine Bilder nicht „aus dem Rahmen fallen“. Bei einer Neuanschaffung einem passenden Rahmen nachzujagen, habe ich immer als eine besondere Herausforderung empfunden. Einen echten, in Stil und Empfinden einem bestimmten Bild entsprechenden Rahmen zu finden, ist keine leichte Sache. Oft gelingt das erst nach langen Recherchen, und man muss, wie bei allem Sammeln, Glück haben.

Mitte der Sechzigerjahre beschloss die Direktion des GuggenheimMuseums in New York, die gesamte ständige Sammlung zu „entrahmen“, die Bilder gewissermaßen auszuziehen und nur mit einer schmalen Holzleiste zu versehen. (...) Kurz darauf entschied auch der Direktor des Museum of Modern Art, eine entsprechende Entrahmung vorzunehmen: Ein allgemeiner Bilder-Striptease, eine Rahmenstürmerei schien loszubrechen. Ich hielt diesen Purismus für barbarisch.

Unter Kunsthistorikern und Museumsleitern (...) war damals die Meinung stark verbreitet, jede Reduzierung eines Kunstwerks auf das „Wesentliche“ bedeute eine Reinigung. Gold und Schnitzwerk – je kostbarer, desto schlimmer – lenkten nur vom inneren Gehalt eines Bildes ab. Man wollte die Kunstwerke „objektivieren“, sie von allem Dekorativen und Ornamentalen befreien. Meisterrahmen galten den Ideologen dieser neuen Sachlichkeit schnell als Firlefanz. Es fiel ihnen gar nicht auf, dass die sonst so herrlich leuchtenden Werke von van Gogh und Gauguin, Cézanne und Picasso in ihren traurigen bleichen Leisten plötzlich selber ganz traurig und bleich wirkten (...)

Wie viele große Maler unserer Zeit, die sich überhaupt nicht um die Rahmung ihrer Werke kümmerten und dies ihren Händlern überließen, die meist nur darauf bedacht waren, durch billige Kopien mit möglichst viel Gold oder auch durch kräftige dunkle Imitationsrahmen im spanischen oder holländischen Stil die Verkaufschancen der Bilder zu erhöhen, war auch Picasso, was seine eigene Produktion betraf, nachlässig. Er war nur mit den Werken selbst beschäftigt und überließ ihre Präsentation anderen. Die Bilder, die man bei ihm sah, waren gewissermaßen im Nacktzustand. Seine eigenen Gemälde rahmte er nie.

Gleichzeitig war Picasso ein passionierter Sammler von Rahmen. Zwar hatte er weder die Zeit noch die Geduld, selber authentischen alten Rahmen nachzuspüren, doch mit ihm befreundete Händler – vor allem Vollard – beschafften ihm die Rahmen, die zu den Bildern seiner Sammlung – Cézanne, Renoir, Rousseau, Matisse, Miró – passten und jene Symbiose herstellten, in der ein Bild erst voll zum Leben erweckt wird. Wer sich davon überzeugen will, braucht nur den Saal seiner Privatsammlung im Picasso-Museum in Paris zu besuchen.

Bei der Wahl meiner Rahmen konzentrierte ich mich im Allgemeinen auf italienische und spanische Schöpfungen des 16. und 17. Jahrhunderts. Bei Louis-XIV.-Rahmen war ich nur selten wirklich zufrieden; diese Rahmen empfand ich oft als bürgerlich, konventionell. In den großen Museen der Welt hat heute jeder zweite Renoir (...) einen pompösen, oft falschen Louis XIV.-Rahmen. Meine Liebe gehörte immer den eleganten, fein geschnitzten, in mattem Gold oder auch in Naturholz (meist Eiche) gehaltenen Rahmen der Louis XIII.-Zeit, die sich besonders für Klees und Picasso-Zeichnungen aus den frühen Zwanzigerjahren eignen. (...)

Noch ein letzter Hinweis. Bei Ölgemälden sollte man keinen Raum lassen zwischen Rahmen und Bild, also keine „Marie-Louise“, kein Passepartout. Ein Ölgemälde wirkt stärker und intensiver, wenn der dazu passende Rahmen mit einer gewissen Strenge unmittelbar an den Rand des Bildes stößt. Zwischen Bild und Rahmen soll es keine Ablenkung geben. Bei Werken auf Papier dagegen, Aquarellen, Gouachen, Zeichnungen, Pastellen, sollte eine neutrale Zone geschaffen werden. Ich bevorzuge seidenbespanntes Passepartout, das sich im Ton den Farbwerten des Bildes anpasst.

Oft werden mittelmäßige Bilder in aufwendige, pompöse Rahmen gesteckt. Das ist prätentiös und peinlich. Der Besitzer will die Mittelmäßigkeit kaschieren und ein Bild adeln, das es nicht verdient. Dagegen kann bei einem großartigen Bild der Rahmen gar nicht großartig genug sein. Er sollte grundsätzlich aus der Zeit stammen, denn nur die Patina des Originals strahlt die Wärme der Jahrhunderte aus.

Auszüge aus Heinz Berggruens Buch „Hauptwege und Nebenwege“ (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, 1997; S. Fischer Verlag, 2004). Auf der 5. Ars Nobilis stellen mit Jean Tournadre, Olaf Lemke, Paul Mitchell und Thomas Knöll vier der weltweit führenden Rahmenhändler aus.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar