Zeitung Heute : In Burgund darf jeder ein Hausboot fahren, der sich traut

Gunnar Decker

Menschen mit Fahrerlaubnis haben es besser. Die dürfen so vieles machen, Autofahren zum Beispiel. Oder Motorbootfahren. Nur in Burgund ist das anders, viel gerechter. Zumindest das Motorboot fahren. Kann jeder, stand im Katalog.

Der Kanal macht halbherzige Wellen. Die Boote zittern im Wasser. Es ist kühl und windig. Klar kann jeder Boot fahren. Aber vielleicht nicht bei jedem Wetter? Die Techniker im Hafen gleich hinter dem kleinen Ort Corbigny laufen wie immer von Bord zu Bord. Hier, das sei meins, zeigt einer auf das kleine Fischlein zwischen zwei Seeungeheuern, die aussehen wie schwimmende Rasenmäher. Die "Colvette" dagegen ist ein richtiges Schiff. Ein bisschen alt, ein bisschen urtümlich vielleicht, aber doch ein richtiges Schiff. Neun Meter lang und und drei Meter breit.

Ich setze mich auf die große rote Couch im "kombinierten Wohnzimmer mit Steuersitz" und warte. Gemeinsames Warten schafft Vertrauen. Ich gewöhne mich an "Colvette" und sie gewöhnt sich an mich. Wir sind darin noch nicht sehr weit gekommen, als der Techniker wieder erscheint und respektlos beginnt, die rote Couch auseinanderzubauen. Er legt einen riesenhaften Motor frei. Ein Leyland, mehr als 30 Pferdestärken. Der junge Mann will offenbar, dass ich weiß, mit wem ich fahre. Das ist sehr aufmerksam von ihm. Warum nur hält er mir die Motorteile so nah vors Gesicht und redet so beschwörend auf mich ein? "Chaque jour!", höre ich. Jeden Tag! Öl prüfen! Kühlflüssigkeit! Filter kontrollieren, vor allem den Filter! Ansonsten - hier macht er eine Handbewegung, die das ganze Ausmaß der dann eintretenden Katastrophe zusammenfassen soll.

Und nie diesen Knopf ausschalten. Ich sehe schon ganz deutlich drei Luftblasen vom Meeresgrund aufsteigen. Aha, die Pumpe!

Bis zur ersten Schleuse, hat er gesagt, kommt er mit. Denn das Schleusen müsse ich jetzt unbedingt noch lernen. Also reinfahren, Gas zurück, rausspringen, Seil um die Poller legen, beim Hinunterschleusen nur einmal, auf keinen Fall ums Handgelenk oder andere Körperteile binden. Das war doch wohl verständlich?

Wir sinken, sinken, sinken. Keine Häuser mehr, keine Bäume. Nur noch ein Rechteck Blau senkrecht über uns. Und Köpfe, die sich weit oben hinüberbeugen. Von den feuchten Wänden hängen die Trosse herab. Ordentlich aufrollen muß man die, damit sie nicht über Bord hängen und in die Schraube geraten.

"Bon voyage!", ruft der Techniker und hebt eher resignierend den Arm. Eine ganze Woche sollen wir, das Boot und ich, gemeinsam überstehen. Hundertfünfzig Kilometer und mehr als sechzig Schleusen weiter ist das Ziel. Ein fernes Ziel.

In eine Schleuse muss man hineinfahren und wieder hinaus. Ohne das Boot oder das Schleusentor dabei zu versenken. Ungerührt und kerzengerade ziehen die anderen Boote davon. Nur "Colvette" lehnt sich erstmal am linken Ufer an und fährt dann gegen das rechte. Und wieder nach links. Kein Zweifel, "Colvette" ist betrunken. Oder, wahrscheinlicher noch, eigensinnig einer fixen Idee von Selbstbestimmung verfallen. Flüchtig erinnere ich mich eines Vermerks im Katalog. Leicht lenkbar, hatte da bei den anderen Booten gestanden. Bei "Colvette" nicht. Zum Glück kommt mir niemand entgegen. Außer dem linken Ufer.

Nach einer halben Stunde bin ich schweißgebadet. "Colvette" versucht immer noch anzulegen. Sollte man da nicht ein wenig nachgeben, am ersten Tag?

Ein Boot, das nicht mit einem fahren will, müsste man auf der Stelle verlassen dürfen, finde ich. Wie man als Weltmensch nach der Besichtigung eines schäbigen Hotelzimmers in der Provinz den Schlüssel auf die Rezeption knallt und dem verdutzten Portier ein "Nicht mit mir, mein Freund!", oder wie diese kernigen Sätze so gehen, ins Gesicht schleudert. Triumphaler Abgang! Aber kein Portier in der Nähe. Und irgendwie sitzt mir dieser seltsame Kapitäns-Ehrenkodex bereits im Nacken. Kein Kapitän verlässt sein Schiff, er geht mit ihm überall hin, und wenn es sein muss, auch auf den Meeresgrund, natürlich.

Eigentlich dachte ich mir das als ein schwimmendes Ferienhaus. Und hat man schon mal von der Pflicht eines Ferienhausmieters gehört, mit seinem Ferienhaus unterzugehen? Außerdem ist das hier kein Meer, sondern der höchstens zwanzig Meter breite und drei Meter tiefe Canal du Nivernais. Das ist einer der vielen Kanäle, die man im vorigen Jahrhundert baute. Sie führen alle nach Paris. Als man dort immer weniger Kohlen brauchte und alles andere sowieso schneller auf Straßen und Schienen kam, legte man mehr und mehr Kanäle still. In Paris gibt es Stadtautobahnen, die waren früher Kanäle. Man erkennt die vormalige Höhe des Wasserstandes noch an den Seitenwänden. Dieser hier hat überlebt, aber es fahren fast nur noch Sportboote.

"Colvette" ist überhaupt nicht sportlich. Sie braucht eine schier unendlich lange Bedenkzeit für jede Bewegung. Wahrscheinlich muss sie immer wieder aufs Neue überlegen, wo rechts und links ist. Man sollte einen Intelligenztest für Boote einführen.

Vor uns eine Mauer. Was soll denn das?! Aber "Colvette" antwortet mir ja immer erst, wenn alles zu spät ist. Die Mauer hat in der Mitte ein dunkles Loch und ist genau besehen eine Feldsteinbrücke. Da sollen wir durch? Dieses Boot und ich? Wo ist hier die Bremse? Bremse gibt es nicht. Aber sowas wie volle Kraft rückwärts am Gashebel, um erstmal nachzudenken, ob "Colvette" rein rechnerisch da durch passt.

Nachdenken ist wichtig. Hätte der kommandierende Offizier auf der Brücke der "Titanic" nachgedacht, wäre er frontal in den Eisberg hineingefahren, anstatt sich aufschlitzen zu lassen. Leider fehlt es in den entscheidenden Situationen immer an Zeit, um gründlich nachzudenken. Auch die Eule der Minerva wurde erst in der Abenddämmerung weise, am Morgen musste sie handeln. Und das ist doch irgendwie das Gegenteil von denken.

"Colvette" mag nicht, wenn es nicht vorwärts geht und dreht sich im Kreis. Sie scheint nichts zu ahnen von dem, was nun kommen muss. Als sie wieder eine ahnungslose Walzerrunde gedreht hat und den Bug auf das dunkle Loch zu hält, reiße ich den Gashebel nach vorn.

Der Leyland heult überrascht auf und hinter "Colvette" schäumt es wild. Dass sie nicht will, wenn ich immerzu am Steuerrad drehe, habe ich schon gelernt. Also halte ich es einfach fest, genauer, es wird Teil meiner Erstarrung. "Colvette" fliegt mit selbstmörischer Hast auf das dunkle Loch zu.

Stille wie vor dem Gewitter. Ich spüre den kalten Atem feuchter Wände. Plötzlich klingt der Leyland lauter und irgendwie verzweifelt. Drohend hallt es zurück. Allen Regeln der Ballistik und ihrem launischen Charakter zum Trotz, strebt "Colvette" pfeilgerade zum Licht.

Bloß nicht umdrehen, denke ich, wie Orpheus von der Unterwelt ausgespuckt und - eigentlich ist "Colvette" doch ein schöner Name. TIPS

Veranstalter: Empfehlenswert für einen Hausboot-Urlaub sind Einwegfahrten. Gegen einen Aufschlag von zirka 150 Mark nimmt man sein Boot an einer Station in Empfang und gibt es an einer anderen ab. Auch das Auto kann man dahin überführen lassen. Spezial-Reiseveranstalter wie Dertour bieten eine große Auswahl an Booten und Strecken. In der Nebensaison bekommt man bereits ab 1000 Mark pro Woche ein Hausboot, in der Saison sind sie viel teurer. Besser ist es, ein etwas Größeres zu nehmen. Fehlende Hinweise auf leichte Steuerbarkeit (Heck- und Bugschrauben) sind in der Regel durchaus ernst gemeint.

Boote: Die Boote müssen unterwegs selbst Frischwasser betankt und die Dieselmotoren gewartet werden. Jeden Tag sind zwischen zwanzig und dreißig Kilometer zu fahren, bei den zahlreichen Schleusen unterwegs wird Hausbootfahren damit zu einem wahren Aktivurlaub. Fahrräder kann man mieten und auf dem Boot mitnehmen.

Landschaft: Burgund ist eine eindrucksvolle Kulturlandschaft. Welche Städte man mit seinem Boot anlaufen möchte, sollte man zuvor bei der Streckenwahl bedenken. Idyllische Orte wie Clarnecy oder die Metropolen Burgunds, Nevers und Auxerre, bieten sich für Besuche an.

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