Zeitung Heute : In Bushs Paradies

„Wir werden die Welt neu definieren“, sagen die Evangelikalen von Colorado Springs. Ihr Feind ist Allah, und sie werden immer mehr

Steffi Kammerer[Colorado Springs]

Die Innenstadt besteht vor allem aus Parks. Auf den sauberen Straßen führen Kadetten der Airforce-Academy ihre Uniformen spazieren, dann kommen die schneebedeckten Rocky Mountains und dann lange nichts – der Ort sieht kaum aus wie eine Stätte der Revolution. Doch genau das ist er. Auch wenn es außer den Eingeweihten keiner weiß: Colorado Springs hat das Land verändert und die Welt, angefangen mit der von George W. Bush.

Der heutige Präsident erwachte hier im Juli 1986 mit einem Mordskater, mit Freunden hatte er die Nacht seines 40. Geburtstags in einem Hotel durchgesoffen. An diesem Morgen fasste er einen Entschluss, an den er sich gehalten hat: Er würde seinem Leben eine Richtung geben und nie wieder trinken. Gott würde ihn leiten. Es war der Wendepunkt, der aus dem Sünder Bush einen wiedergeborenen Christen machte, erhört, gerettet, für immer verändert. An diesem Tag begann sein neues Leben. Er würde die Ewigkeit im Himmel verbringen.

Ted Haggard war damals schon ein Jahr hier. Auch er fühlt sich wiedergeboren, ihn hatte der Allmächtige kurz vor dem Abitur gerettet. Nach Colorado Springs war er gezogen, nachdem Gott ihm im Urlaub eine Vision geschenkt hatte. Er hatte auf einem Berggipfel oberhalb der Stadt gesessen, als er plötzlich alles vor sich sah: Stadien voll mit Gläubigen, er auf der Kanzel seiner eigenen Riesenkirche, der ganze Ort in Gottes Hand. Er stieg vom Berg herab und betete vor jeder freistehenden Fläche.

Heute sind diese Grundstücke mit Kirchen bebaut. Im Telefonbuch von Colorado Springs finden sich 17 Seiten mit Kircheneinträgen, mehr als 1500 sind es, verteilt auf 400000 Einwohner, mehr als in jeder anderen amerikanischen Stadt. Es gibt ein christliches Branchenbuch mit 150 Seiten, in dem man das Reisebüro „Garden of the Gods Travel“ findet oder den Wagenhändler „Mission Autos“. Haggards eigene Kirche, die „New Life Church“, steht auf einem Hügel in der Nähe der Autobahn – sie hat 11000 Mitglieder und ist so groß wie ein Ikea-Markt.

Colorado Springs ist explodiert in den letzten Jahren: Lauter kleine adrette Häuser, in denen die Sünde keine Chance hat. Christen aus dem ganzen Land sind hergezogen, vor allem Evangelikale. Darunter versteht man Bekehrte, denen die Bibel Gesetz ist, Wort für Wort wahr. Die meisten glauben ans baldige Ende der Welt und dass nur sie in den Himmel kommen. Sie sind die am schnellsten wachsende Glaubensgruppe der USA, fast jeder zweite Amerikaner bezeichnet sich als evangelikal. Die Stadtväter von Colorado Springs haben gezielt um sie geworben, sagt Haggard. Warum so viele dem Ruf gefolgt sind, beantwortet er mit einem Strahlen: Gott. Der Heiland. Der alles ordnet hier in der Stadt zwischen den Bergen.

Ted Haggard sieht ein wenig aus wie Ken, der Ex-Mann von Barbie. Sein Haar ist penibel gescheitelt und egal, was er erzählt, er lächelt und bleckt seine ultraweißen Zähne. Die Nationalvereinigung der Evangelikalen (NAE) wählte ihn letztes Jahr zum Präsidenten. Nun repräsentiert der lächelnde Pastor 30 Millionen Gläubige – jeden zehnten Amerikaner. „Die größten und stärksten Kirchen im Land sind heute evangelikal. Wir haben mehr Geld, mehr Missionare, alle zwei Wochen eröffnet irgendwo eine neue Megakirche“, sagt Haggard.

Vor wenigen Monaten war auch George W. Bush wieder in Colorado Springs. Zur Jahresversammlung der Evangelikalen in Haggards blau ausgeleuchteter „New Life Church“. Zwar nur auf einer Leinwand – aber immerhin live. Während sie auf ihn warten, stimmen die paar hundert Delegierten sich musikalisch ein. „Danke Gott“ und „Gott ist gut“, singen sie und recken dabei die Hände zum Himmel. Dann erscheint Bush auf der Leinwand. Er sagt alles, was man hier von ihm erwartet. Dass er die Institutionen und Werte des Landes schützen werde. Dass er sein Abtreibungsgesetz verteidigen wird, dass er Stammzellenforschung an Embryonen ablehne. Und vor allem, dass er gegen die angehen werde, „die die Ehe neu definieren wollen“.

George W. Bush ist einer der ihren. „Amen“, rufen sie. Wie wichtig der Kampf gegen das Böse ist, muss er hier nicht sagen, das wissen sie aus der Bibel. Und Bushs Chefredenschreiber Mike Gerson kennt die Rhetorik seines Publikums. Wie viele, die sich an diesem Morgen hier versammelt haben, hat er Theologie in Wheaton studiert, der Kaderschmiede fundamentalistischer Christen im Bundesstaat Illinois.

„Ich weiß, dass Freiheit nicht Amerikas Geschenk an die Welt ist. Es ist Gottes Geschenk“, sagt Bush lächelnd. Als die Delegierten aufstehen, um ihrem Präsidenten zu applaudieren, ist sein Gesicht auf der Leinwand schon verschwunden, stattdessen kommt sein persönlicher Assistent auf die Bühne. Der junge Mann sagt, wie sehr es der Bush-Administration hilft, „dass Sie alle für uns beten. Und seien Sie versichert, wir beten auch für Sie und Ihre Familien“.

Haggard strahlt. Der Präsident habe Prinzipien vertreten. Und das werde jetzt gebraucht. Schließlich gehe es um die Welt, sagt er. „Dass die Leute überall glauben können, was sie wollen und nicht das, was irgendein Diktator will. Wir werden die Welt neu definieren und schwarze Flecken verschwinden lassen.“ George W. Bush habe man zu verdanken, dass in afghanischen Fußballstadien nicht länger Leute erschossen werden, sondern Ball gespielt wird.

Das Weiße Haus hatte die Evangelikalen schon 2001 zu einer Hauptzielgruppe erklärt, vier Millionen waren nämlich nicht zur letzten Wahl gegangen. Richard Cizik, Verbindungsmann der NAE in Washington, sagt, die Republikaner könnten sich auf die Stimmen auch in diesem Jahr nicht automatisch verlassen. Welche Forderungen seine Organisation stellt, will er nicht sagen. Das kläre man mit der Regierung direkt. Ihm sei es jedenfalls eine Beruhigung, dass jemand wie Bush im Weißen Haus sitze. „Ich schlafe besser, seit er dort ist.“

Seit Ende der 80er Jahre sind auch mehr und mehr evangelikale Organisationen nach Colorado Springs gezogen, inzwischen sind es über 100. Ted Haggard sagt: „Manche nennen uns schon den Vatikan der USA. Ich denke, Gott hat einen Plan für diese Stadt.“

Die einflussreichste Organisation steht in unmittelbarer Nähe von Haggards Kirche, auch auf einem Hügel: „Focus on the family“. Man könnte die Ansammlung schmucker Backsteinbauten für einen Universitätscampus halten, für einen mit sehr viel Geld. Hier residiert seit Anfang der 90er Jahre ein Krieger, der aussieht wie ein harmloser Opa: James Dobson, der wichtigste Vertreter der politischen Rechten. Sein Radioprogramm erreicht täglich 220 Millionen Menschen in aller Welt, er wettert gegen Abtreibung, Pornographie und vor allem gegen Schwule. In seiner Welt sehen Familien aus wie die seine: Vater, Mutter, zwei Kinder. Er hat 1300 Mitarbeiter und ein Jahresbudget von über 110 Millionen Dollar. In der Poststelle gehen täglich mehr als zehntausend Briefe ein, vier Millionen werden monatlich verschickt. Das Land befindet sich in einem Kulturkampf und hier, verborgen in der Provinz, ist die Zentrale. Man kann sie besichtigen, allerdings nicht allein. Kaum kommt man durch die Tür, stellt sich eine junge Dame vor, um durch Dr. Dobsons Reich zu führen. Sie zeigt einen Film, in dem ihn die US-Präsidenten der letzten Jahrzehnte preisen. George Bush senior sagt: „Ich danke Ihnen, dass Sie Gottes Arbeit tun. Ich betrachte Sie als Freund.“ Sein Sohn: „Uns verbinden gemeinsame Werte.“

Vor kurzem hat Dobson die politische Organisation „Focus on the Family Action“ gegründet. Weil es nun höchste Zeit sei, den Kampf aufzunehmen, weil sich auch Washington von der „homosexuellen Lobby“ einschüchtern lasse, weil „Schurken-Juristen“ am Werk seien, weil „unsere Kultur zu verfallen droht“. Senatoren, die gegen den Verfassungszusatz zum Schutz der Ehe gestimmt haben, werden in ganzseitigen Anzeigen gebrandmarkt. „Wir werden nicht aufgeben, bevor die Familie in Sicherheit ist“, verspricht Dobson.

Dass es Kritik an der Invasion der Moralhüter gibt, besonders von den örtlichen Homosexuellen, kann Ted Haggard nicht verstehen: „Ich sehe Colorado Springs als einen urdemokratischen Ort. Eine gesunde Debatte über große Ideen hat doch nichts mit Hass zu tun“, sagte er der „Los Angeles Times“. Mindestens einmal pro Woche bekomme er einen Anruf aus dem Weißen Haus. „Ist doch klar, wenn man 30 Millionen vertritt, wollen Politiker wissen, was die denken.“

Als Haggard damals auf seinem Berg saß und die Vision von Colorado Springs hatte, sah er auch etwas vor sich, das er „World Prayer Center“ nennt.Weltgebetszentrum klingt besser als „Kommandozentrale für die Christianisierung der Menschheit“, bedeutet aber genau das. 1993 lernte Haggard einen Mann kennen, den er als idealen Partner für dieses Projekt erkannte: Peter Wagner. Der hatte in Pasadena, Kalifornien, eine Organisation für Massenbekehrungen gegründet. Wagner zog mit einigen Gefolgsleuten nach Colorado Springs.

Das „World Prayer Center“ wurde 1998 eröffnet, es grenzt direkt an Haggards Kirche. 54 Flaggen aus aller Welt stehen im Kreis um das Haupthaus herum. Was hier praktiziert wird, ist „strategisches Beten“ und zwar Tag und Nacht in Schichten. In der Kapelle des Gebäudes hängt von der Decke ein fünf Meter hoher Globus. Auf Bildschirmen flimmern Fürbitten aus aller Welt. Grundannahme des Prayer Centers ist, dass es ein Reich Gottes gibt und ein Reich des Satans, je mehr Christen auf aller Welt beten, desto weniger Energie bleibt für den Teufel.

Wagner, der mehr als 50 Bücher zum Thema geschrieben hat und sich selbst als Apostel bezeichnet, spricht von „spirituellem Krieg“, von Schlachten, von Armeen, von Waffen, von Bodentruppen. Und von seinem Krieg gegen den Islam. „Allah ist nicht Gott. Was die Muslime anbeten, ist eine dämonische Kreatur“, schreibt er in seinem Newsletter.

Worum es geht, lässt sich etwa so zusammenfassen: Jesus wird irgendwann auf die Erde zurückkommen. Dann nimmt er die Geretteten mit in den Himmel, die anderen kommen in die Hölle. Der Islam, das Werkzeug des Teufels, will das verhindern.

Gebetet wird vor allem für jenen Teil der Welt, den man in diesen Kreisen als „10/40 Fenster“ begreift – alle Länder, die zwischen dem zehnten und dem 40. Breitengrad nördlich des Äquators liegen, von der Westküste Afrikas bis zur Ostküste Japans. Fast vier Milliarden potenzielle Kunden. Unerreichte Seelen, die Allah anbeten, Buddha oder niemanden.

Mission ist das, worum es in Colorado Springs wirklich geht. Das wird deutlich, wenn man die Zugezogenen genauer betrachtet. Da ist vor allem die „Christian and Missionary Alliance“, die Kirchen in 54 Ländern hat und mehrere tausend Mitarbeiter beschäftigt. Sie nehmen es wörtlich, wenn ihr Präsident sagt, Gottes Geschenk der Freiheit soll in alle Welt getragen werden. Im Irak gibt es bereits eine halbe Million Christen – und die Missionare aus Colorado Springs sorgen dafür, dass es täglich mehr werden. „Irak wird das Zentrum sein, von dem aus die Botschaft Christi durch den Nahen Osten getragen wird“, sagt Kyle Fisk, der Sprecher der NAE.

Da ist zum Beispiel Beverly Pegues, die von Peter Wagner zur Gebetskriegerin ausgebildet wurde, sie nennt ihre Organisation „Window of the World“ – Fenster der Welt. Die energische Dame reist regelmäßig in arabische Länder. Vor kurzem aber führte sie ihr Kreuzzug von Colorado Springs nach Dearborn, Detroit, der größten muslimischen Gemeinde in den USA. Außer dem 10/40 Fenster müsse man nämlich die Entwicklung im eigenen Land beobachten, schreibt sie auf ihrer Webseite: In Detroit seien vor kurzem zwei islamische Feiertage anerkannt worden, außerdem habe der Ort gestattet, dass der islamische Gebetsruf per Lautsprecher übertragen wird. „Dies ist eine strategische Zeit für uns, um Muslime mit Gottes Botschaft zu erreichen.“

Rund 30 Evangelikale, vor allem Frauen, folgen ihrem Ruf, sie treffen sich morgens in einer Megakirche. Und der heilige Geist strömt nur so aus ihnen heraus. „This is a church on fire, we have a burning desire“ – das ist eine brennende Kirche, wir haben einen brennenden Wunsch –, rufen sie. Und dann singen sie vom Blut Jesus und dass der liebe Gott es doch bitte „vor das Haus jedes Muslims in Detroit fließen lassen soll“. Was weiter geschieht, kann hier nur gemutmaßt werden, wir nämlich finden uns plötzlich in einem unangenehmen Verhör wieder, das mit der Frage, ob wir überhaupt wiedergeboren seien, beginnt und mit dem Rauswurf endet.

Einen Teil der Gruppe treffen wir am Mittag wieder, beim Besuch der Moschee am Vernor Highway, der größten Amerikas. Die Christen sind hier zur Feindbeobachtung. Um Menschen zu bekehren, muss man etwas von ihnen und ihrer Kultur verstehen. Und so stehen sie auf Strümpfen im Gebetsraum und hören sich an, dass Allah der Größte ist und Jesus sein Gehilfe.

Sue, ebenfalls ein Mitglied von Haggards Kirche, übt sich in Nächstenliebe und erklärt uns, warum man uns bei den „strategischen Sitzungen“ nicht dabei haben wollte: Es gehe um eine ungemein wichtige Sache. Um Gottes Plan. Und da sich Satan nun mal alle möglichen Tricks einfallen lasse, den zu vereiteln, dürfe man bei Leuten, die man nicht kennt, kein Risiko eingehen. „Sie und ich haben gar nichts zu sagen, das ist eine Sache zwischen Gott und dem Teufel.“

Vielleicht weiß George W. Bush nicht, was seine Glaubensfreunde aus Colorado Springs denken, aber vielleicht weiß er es doch. Als Beverly Pegues und ihre Freundinnen sich am Morgen auf den Tag vorbereiteten, haben sie wieder und wieder von Jesu Blut und seiner „wonderworking power“ – seiner Wunder wirkenden Kraft – gesungen. Es ist eine 100 Jahre alte Hymne, nach der Gott, nicht der Mensch, die Welt verändert.

Bush hat auch einmal von der „wonderworking power“ gesprochen. In seiner „State of the Union“-Rede im Januar 2003, mit der er das Land auf den Krieg vorbereitete. Für die meisten Amerikaner war es nur eine ungewöhnliche Redewendung. Viele Bewohner von Colorado Springs hörten eine Erkennungsmelodie.

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