Zeitung Heute : In Cádiz machen bisher vorwiegend Spanier Urlaub

Volker Kipke

Cádiz gilt als die älteste Stadt Europas. Als zum ersten Mal Abkömmlinge des nebligen Nordens an die sonnen-gebadeten Gestade der Costa de la Luz vordrangen - es waren die Germanen vom notorischen Stamme der Wandalen, und es begab sich im Jahre 410 nach Christus -, da hatte Cádiz schon eine fast doppelt so lange Geschichte hinter sich, wie sie Berlin seit seiner Gründung im 13. Jahrhundert bis heute geschafft hat.

Cádiz war überhaupt stets heiß begehrt, bei Römern und Arabern wie bei der näheren Verwandtschaft der Wandalen: Westgoten und Normannen kamen auch zum Plündern vorbei. Schließlich, als die Spanier selbst auf Raub aus gegangen waren und Mengen von Gold aus Mexiko und Peru hier lagerten, holten sich die Engländer die Beute und zerstörten bei der Gelegenheit die Stadt 1596 gründlich. Beinahe wäre sie ganz aufgegeben worden. Man hat sie dann aber doch wieder neu aufgebaut; und zwar so schön und pittoresk - und sie hat überdies einen breiten, langen, wunderbaren Strand -, dass sie nun eigentlich reif für die spätgermanische Tourismus-Invasion sein müsste.

Doch nach der wilden Vergangenheit ist Cádiz wohl der Besucher aus dem Norden etwas überdrüssig. Jetzt machen hier vor allem Spanier Urlaub, für die Kunden deutscher Reiseveranstalter lassen sie nicht sehr viele Betten übrig. Die Wirte widersetzen sich gar einem Stück nordisch-kulinarischer Zivilisation: "Im Restaurant sollten Sie sich immer beschweren", rät die deutsche Reiseleiterin beim Begrüßungsempfang, "wenn das Essen nicht heiß genug ist, sonst gehen die hier nie von ihrer Tradition ab, Lauwarmes zu servieren."

Im atlantischen Andalusien wird auch die Siesta noch heilig gehalten; kaum ein gutes Speiselokal öffnet vor halb neun zum Abendessen, und anders als an berühmteren Costas sind Speisekarten auf Deutsch oder wenigstens Knitteldeutsch die Ausnahme. Cádiz ist unbedingt eine Stadt für Leute, die lieber "Mojarra" als "Zweibindenbrasse" essen, auch wenn das die korrekte Übersetzung sein mag. "Choco" heißt eine besonders köstliche Tintenfisch-Art.

Cádiz liegt auf einer Halbinsel, die sich - so beschreibt man das Landkartenbild hier gern - in den Atlantik vorstreckt "wie ein Unterarm mit der Faust daran". Auf der Faust sitzt die Altstadt. Sie wurde, dummerweise erst nach dem Überfall durch die Engländer, mit dicken Mauern und Festungswerken umringt, die großenteils bis heute erhalten blieben. Tritt man nahe an die Mauern: die Steine bestehen aus Muschelkalk, Fossilien dicht an dicht. Bei Sturm wirft das Meer viele Millionen Jahre alte Muschelschalen auf den Sandstrand.

Eine der Mauer-Bastionen wird jetzt zum Museum ausgestaltet; darin soll es, sagt der Museumsleiter, der sich als Jesús Aníbal vorstellt, "um die Angreifer gehen, die im Laufe der Geschichte zu uns kamen" - das muss denn ja eine sehr umfangreiche Angelegenheit werden. Jesús Aníbal weist von der Mauerkrone herab auf die von Wogen überspülten Felsen vor der Bastion: Darunter errichteten die Phönizier einst einen Tempel für ihre Göttin Astarte (weiter östlich etwas abgewandelt Ischtar genannt - in Berlin ja gut bekannt durch das Ischtar-Tor im Pergamon-Museum). Dieser Tempel war die Urzelle der Stadt, mindestens tausend Jahre vor Christi Geburt wurde er gebaut.

Es waren einmal nicht die Menschen, die den Tempel und die ersten Häuser zerstörten, es war die Natur: Der Muschelkalkrücken der Halbinsel senkte sich allmählich, nur noch bei Ebbe liegt der Boden der ursprünglichen Siedlung frei. Im Stadtmuseum ist die kleine, aber eindrucksvolle Sammlung dessen zu sehen, was man von den Anfängen noch entdecken konnte, im Meer und auch an Land unter jüngeren Überbauungen. An der Strandpromenade liegen die verwitterten Steine eines phönizischen Grabes aus etwas späterer Zeit, wahrscheinlich ungefähr 2500 Jahre alt. Bloß 2000 Jahre alt ist das römische Theater - es war das drittgrößte des ganzen römischen Reiches, sagt Jesús Aníbal -, von dem etliche Ränge irgendwie die Zeitläufte überstanden.

Zu der Zeit, als man sogar im fernen Berlin schon eine Kirche hatte, wurde in Cádiz die Kathedrale gebaut. Davon ließen die Invasoren von 1596 allerdings nur einen Stumpf stehen. Die neue Kathedrale mit ihren Kuppeltürmen ist ein Werk des Spätbarock, von den Experten nicht sonderlich geschätzt, doch die mögen bitte schweigen - für den kunsthistorischen Laien ist es ein erhabener Bau von schlicht-ergreifender Schönheit. Das Allerschönste ist jedoch der Platz vor diesem Riesenbau: An den Bartischen mitten drauf genießt man am angenehmsten die "Choco"-Häppchen, noch veredelt von einem Glase andalusischen Weines. Große Plätze gibt es ansonsten kaum; die Altstadt auf der Fast-Insel ist von handtuchschmalen Gassen durchzogen, in denen man herrlich schlendern kann, denn für den Autoverkehr sind sie oft zu eng. Cádiz ist eine Großstadt mit 160 000 Einwohnern, aus deren Kern die Autos weitgehend ausgesperrt sind, und siehe, das funktioniert prima!

Aus den Obergeschossen der alten Häuser kragen Erker und Balkone mit schmiedeisernen Brüstungen vor und machen die Gassen in der Höhe noch schmaler und schattiger. Die vielen Kirchen in den Häuserfronten kann man nur schwer wahrnehmen. Eine der Kirchen, San Felipe Neri, "ist für uns, was für euch die Paulskirche ist", sagt Jesús Aníbal. Hier wurde die erste spanische Verfassung diskutiert: 1812, lange vor dem Paulskirchen-Parlament (Museum). Den zierlichen Turm des Rathauses überragen die eisernen Leiber der Schiffe, die ganz nahe anlegen - dies ist der wichtigste Hafen für die Verbindung zu den Kanaren. Und dies ist eine Stadt der Werften. Denen geht es schlecht. Schmierereien an eleganten Läden in den Hauptgeschäftsgassen entbieten Touristen ein "Willkommen in der europäischen Hauptstadt der Arbeitslosigkeit".

Werften und weitere große Hafeneinrichtungen befinden sich auf der einen Seite des Halbinsel-"Unterarms", auf der anderen Seite, nur durch einige Häuserblocks von einander getrennt, liegt der Strand, gesäumt von der langen Reihe der zehn- und zwölfgeschossigen Appartementgebäude und einiger Hotels - durch manche Straßenschluchten hindurch besteht Blickkontakt von der Wohnstatt des Müßiggangs zur ungemütlichen Arbeitswelt; die älteste ständig bewohnte Stadt des Abendlandes bietet eben Urlaub in einer wirklichen, lebendigen, pulsierenden Stadt; nicht, wie sonst so oft in Spanien, in einem nur durch Tourismus zur Großstadt aufgeblähten Fischerdorf.

Sozusagen verkleinerte Ausgaben von Cádiz liegen nördlich an der nahen Küste: historische, aber brodelnde Städtchen mit dem Nebenerwerb Tourismus. Etwa Puerto Santa María, befrachtet mit Geschichte; oder Chipiona: Da wohnen die (nicht sehr zahlreichen) Gäste deutscher Reiseveranstalter mitten in einem - um eine urige Altstadt herum gebauten - "klassischen", aber durch und durch spanisch gebliebenen Seebad. Dagegen entwickelt sich an den langen Stränden südlich von Cádiz, dem neuen Zentrum der Costa de la Luz, allmählich der Getto-Tourismus mit großen Hotelanlagen vornehmlich außerhalb der gewachsenen Orte, etwa bei Chiclana.

Aber auch dort entgehen die Urlauber der uralten Geschichte der Region nicht. Denn vor ihrem Sandspielplatz liegt die Insel Sancti Petri; auf der die Phönizier auch schon einen Tempel bauten (den die Araber dann jedoch zerstörten). Verbürgt soll sein, dass Cäsar da weilte und das heulende Elend kriegte. Weil er schon dreißig war und immer noch kein Reich erobert hatte. Da machte er sich entgegen der später üblichen Richtung auf: Er zog in den nebligen Norden, um über die Germanen herzufallen.

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