Zeitung Heute : In dem Komplex in der Nalepastraße arbeiteten einst 5000 Menschen. Heute werden Käufer gesucht

Harald Olkus

In Richtung Oberschöneweide geht Berlin in Backstein über. Die Grundstücke werden größer, die Straßen breiter, die Maßstäbe verschieben sich. Das Kraftwerk Klingenberg schickt seine Dampfschwaden in den Himmel, große orange-blaue Kräne schaufeln Kohle nach. Gegenüber ragt das riesige Silo des Zementwerks in die Luft. Hier ist Berlin noch Industriestandort. Und beim Imbiss an der Köpenicker Chaussee kostet die Soljanka noch einsfünfzig.

Hinter einem heruntergekommenen Gebäude der Bewag geht es in die Nalepastraße. Sie endet an einem Pförtnerhäuschen mit Schranke, dahinter liegt das Gelände des ehemaligen Rundfunkzentrums der DDR. Ein gestreckter Backsteinbau mit einem Turm am Ende dominiert das Areal. In den langen Gängen mit knarrenden Fußböden riecht es nach Karbol, links und rechts stehen leere Vitrinen.

Noch vor zehn Jahren arbeiteten hier 5000 Redakteure und Techniker. Mit dem Einigungsvertrag wurde der DDR-Rundfunk aufgelöst, öffentlich-rechtliche Sendeanstalten in den neuen Ländern gegründet. Bis 1995 nutzten "Fritz" und "Sputnik", die Jugendwellen des Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg (ORB) und des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) das Rundfunkzentrum; außerdem der DS Kultur, bevor er im Deutschlandradio aufging sowie das Radiosinfonieorchester und der Rundfunkchor.

Seither wird hier kaum noch Radio gemacht. Teile des 13,5 Hektar großen Geländes an der Spree sind vermietet - an Autoschrauber und Kiestransporteure. "Kaum einer der 50 bis 60 Mieter hat etwas mit Rundfunk zu tun", sagt Dietrich Fischer, Leiter der Neuen Länder Grundstücksverwertung und Verwaltung GmbH (NLG), die Käufer für die verschiedenen Liegenschaften des DDR-Rundfunks finden soll. Ausnahme ist eine kleine Produktionsgesellschaft, die Hörspiele für die ARD produziert.

Der Komplex in der Nalepastraße wurde errichtet, als die ideologischen Gegensätze zwischen SFB und dem staatlichen Rundfunk der DDR zu groß wurden - bis 1952 sendeten beide aus dem Haus des Rundfunks in der Masurenallee. 1951 wurde der Bauhaus-Schüler Franz Ehrlich mit dem Aufbau eines DDR-Rundfunkzentrums beauftragt. Bis 1956 baute er ein ehemaliges Spanplattenwerk in ein Redaktionsgebäude mit kleineren Hörfunkstudios um, erweiterte eine Halle mit Werkstätten und entwarf einen technisch aufwendigen Gebäudekomplex mit Sendesälen und Hörspielstudios. Dieses, wenig fantasievoll "Block B" genannte Ensemble, ist das Pfund, mit dem die NLG gerne wuchern würde, wenn es nur jemanden interessierte. Der Baukomplex umfasst vier Sendesäle, mehrere Hörspielstudios und großzügige Foyers. Bei den Produzenten klassischer Musik sind die Qualitäten der Räume offenbar völlig unbestritten. Vor allem die Akustik des großen Sendesaals sei nahezu einzigartig in Europa, sagt Fischer. Die Plattenfirma Teldec nahm hier im vergangenen Jahr "Lohengrin" auf, Daniel Barenboim spielte vor einigen Monaten "Fidelio" und Sinfonien von Beethoven ein. Das Babelsberger Filmorchester mietet den Saal regelmäßig, um die Musik für amerikanische Filmproduktionen aufzunehmen. Und auch der kleine Sendesaal wird geschätzt, kürzlich wählte ihn Gideon Kremer für seine neue CD. Von einer kostendeckenden Auslastung ist man aber weit entfernt und ein Betreiber oder Käufer nicht zu finden.

Kürzlich hat die NLG das Gelände in vier verschiedene Bereiche aufgeteilt, die getrennt voneinander vermarktet werden sollen. Einer davon ist Block B mit den Sendesälen. Dietrich Fischer und sein Kollege Peter Hartung reagierten damit auf eine ganze Reihe von Fehlschlägen bei der Suche nach einem Investor für das Gesamtgelände: Der ursprüngliche Plan, die Polizeidirektion 6 dort einziehen zu lassen, wurde aufgrund knapper Haushaltskassen verworfen. Anschließend versuchte Fischer das Areal einer ganzen Reihe von Kultureinrichtungen anzudienen, doch ohne Erfolg. "Hier will einfach keiner hin", sagt Fischer. Die Berlinische Galerie wollte lieber auf den Kreuzberg, auch wenn sich diese Wahl derzeit als problematisch erweist. Der Einzug des Berliner Landesarchivs scheiterte, weil der Direktor lieber nach Reinickendorf wollte. "Dabei hätten wir hier ausgezeichnete Bedingungen, denn die Decken haben eine Traglast von zwei Tonnen pro Quadratmeter." Dietrich warb um die Staatsbibliothek, die Hochschule für Schauspielkunst und die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), auch wenn die Räume für diese Nutzer nicht ideal gewesen wären, räumt er ein. Viel Hoffnung hatte Fischer jedoch auf die Hochschule für Musik Hans Eisler gesetzt, die am Gendarmenmarkt aus allen Nähten platzt. Ein Teil der Dirigentenausbildung findet bereits jetzt in der Nalepastraße statt; die Hochschule könnte die hochwertigen Akustikbedingungen nutzen. "Und in den Redaktionsstuben könnten die Studenten bei offenem Fenster Trompete üben, ohne jemanden zu stören. Gleichzeitig hätten sie einen schönen Blick auf die Spree", sagt Hartung. Doch auch die Hochschule blieb lieber in der Innenstadt.

Die NLG hat jetzt die Doktrin "Alles oder nichts" aufgegeben und will das Gelände in Einzelteilen an Gewerbemieter verkaufen. Das bisher geschlossene Gelände werde demnächst geöffnet und die am Grundstück endende Nalepastraße verlängert. Von den 50 Bauwerken auf dem Areal sind 40 abrisswürdig. Beim denkmalgeschützten Rundfunkzentrum seien die Denkmalpfleger zu weitreichenden Kompromissen bereit. "Letztlich muss nur die Fassade erhalten bleiben", sagt Fischer. Beim Block B steht allerdings auch das Innere unter Schutz. Und die zu erwartenden Sanierungskosten schrecken auch ernst zu nehmende Käufer ab. Ein Betreiber eines Tonstudios habe kürzlich eine Mark dafür geboten, sagt Fischer. Für das gesamte Areal möchte die NLG aber 60 Millionen Mark haben.

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