Zeitung Heute : In den Harzer Schaubergwerken lernt man allerlei über das Erdinnere und manchen Trick der Kumpel

Volker Kipke

Mit dem ganzen Gezähe sind sie nun wohlvertraut, Aufwältigungen und Ausbisse nahmen sie dankbar in ihren Bildungsschatz auf, und es hat ihnen auch sogleich des Gästeführers Behauptung vollkommen eingeleuchtet, dass das Kupferschieferflöz durch Salzausfällungen von Fäulnisbakterien in untermeerischen Schlammschichten des Zechsteinzeitalters entstanden. Wie denn sonst. Aber jetzt, als die Besucher des musealen Bergwerks aus der Düsternis des Erdinnern - macht tiefen Eindruck, das Erdinnere - blinzelnd wieder ins Tageslicht treten - oh wundervolles Tageslicht, selbst wenn es regnet! -, jetzt möchten sie doch lieber erst mal eine Ratte quieken lassen. Das taten früher die Bergleute auch gelegentlich, wenn sie meinten, sich eine Pause verdient zu haben: Sie kniffen eine der Ratten, die zur Kontrolle der Luftreinheit untertage in Käfigen gehalten wurden. Das Geschrei der Ratte nahmen sie als Vorwand für eine Arbeitsunterbrechung, der Obersteiger musste nun zunächst prüfen, ob Grund zu Alarm vorlag. Die Redewendung vom Rattenquieken ist, obschon ziemlich zwielichtiger Herkunft, mancherorts im Harz heute noch für "fröhlich eine Runde feiern" im Schwange.

Inzwischen haben die meisten Bergleute des Harzes ihr Gezähe - ihre Arbeitsgeräte - aus der Hand gelegt und teils den Museumsleuten übergeben. In ein Dutzend stillgelegte Bergwerke, mal Schaubergwerk und mal Besucherbergwerk genannt, können Neugierige heutzutage "einfahren", außerdem gibt es etliche einschlägige Museen an der Oberfläche. Unterirdisch muss der Harz aussehen wie ein Schweizer Käse, so viel wurde mehr als tausend Jahre lang aus ihm herausgehackt: Kupfer, Blei, Zink, Kobalt, Germanium, Malachit, Schwerspat und immer so weiter durch die Tabelle der Elemente und die Liste der Minerale. Früher schleppten die Venezianer zur Verwunderung der Harzer tonnenweise Mangan aus der Nordhäuser Gegend ab, erst später wurde das Geheimnis gelüftet: Mangan diente der Herstellung von Spiegeln, worauf Venedig das Monopol hatte. Nach Silber hauptsächlich wurde zwar in Goslar von mindestens 968 bis 1988 gebuddelt - und weil dies der Ursprung ihres wichtigsten Münzmetalls war, unterhielten die Kaiser hier eine Pfalz -, aber im Kupferrevier von Sangerhausen "fiel nebenbei mehr Silber an als im übrigen Harz und dem Erzgebirge zusammen", prahlt der Führer im Schacht von Wettelrode. In Goslar wiederum war eines der Nebenprodukte das giftige Vitriol, mit dem, teilt der dortige Führer mit, "man im Mittelalter gern Landesfürsten verschwinden ließ". Hübsch sieht das Vitriol aus, das sich in den Stollen ähnlich wie Tropfsteine absetzte: mal kräftig türkisfarben, mal orange-braun.

"Das etwas schwärzere hier zwischen dem andern schwarzen Zeug, sehen Sie, das ist Kohle." Ja tatsächlich, in der trüb erhellten Schwärze gut zu erahnen. Dies im Rabensteiner Stollen im Südharz. Also sogar Steinkohle hat das kleine Mittelgebirge in seiner wilden Geologiegeschichte von 400 Millionen Jahren zu Stande gebracht. Die Harzer Kohle ist erst 280 Millionen Jahre alt (erheblich jünger als die Ruhrkohle), und wohl wegen dieser Jugendlichkeit erhielt sich viel von dem Grundstoff: Farnwedel werden gezeigt, Stücke von Schachtelhalm mit zehn Zentimetern Stammdurchmesser. Was heutzutage im Harz wächst und große Teile der Landschaft bedeckt, der Fichtenwald, ist "Bergbaunachfolgevegetation"; das harte Holz der ursprünglich hier heimischen Laubbäume wurde zur Verhüttung der Erze gebraucht, schnellwüchsige Fichten füllten dann die Kahlschlagflächen. Die Rabensteiner Kohle reichte längst nicht zum Erzschmelzen, zumal beim Verbrennen sechzig Prozent als Schlacke übrig blieben.

Deswegen gab man den Kohlebergbau schon 1896 auf, zu DDR-Zeiten öffnete sich die Grube dem Publikum. Als nach der Wende einige der wenigen verbliebenen Bergwerke schlossen, "griffen wir dort schlagartig zu", erzählt mit immer noch nachhallendem Feuereifer ein Mitglied des Fördervereins: Maschinen und Materialien wurden gekauft, sie bereichern jetzt die museale Rabensteiner Schau. Geschlossen und verriegelt wurden und werden aber hier und da Hinterlassenschaften früheren Grabens, damit Hobby-Mineraliensammler nicht eindringen und sich gefährden. Beliebte Objekte sind zum Beispiel Mangankristalle. Ein Gastwirt in Ilfeld weist auf seine Schätze: "Die habe ich alle nach der Wende gesammelt. In der DDR wäre es aufgefallen, wenn ich im Gelände herumgesucht hätte." Das Sperrgebiet an der innerdeutschen Grenze war nahe. Auch Vulkane haben im Harz gespien; da lag er, vor 300 Millionen Jahren, gerade mal unter Wasser. Vulkanische Dämpfe und Meerwasser verbanden sich - und so etwas verwundert den Besucher nach mehreren Tiefenexkursionen schon gar nicht mehr - zu Eisenerz. Eine von den vielen farbigen Steinschichten, die an bestimmten Stellen unten im Stollen angestrahlt werden, das ist das Roteisenflöz von Büchenberg bei Elbingerode. Hier geht es bloß 145 bequeme Stufen hinab, und schon ist man in einer relativ gemütlichen Unterwelt mit gestampftem Lehmfußboden (sogar geeignet für Rollstuhlfahrer). In einer Höhlung dieses Schaubergwerks finden Hochzeiten und sonstige Veranstaltungen mit bis zu sechzig Personen statt. Nicht mal Schutzhelme brauchen die Besucher, im festen Vulkangestein könne nichts passieren, beteuert die Führerin in Büchenberg.

Das ist anders im Kupferschiefer-Schaubergwerk von Wettelrode. Da sagt die gute Frau, die den Touristen die Helme verpasst - auch Kittel und "Geleucht" -, betont freundlich: "Könnte ja sein, dass Ihnen ein Stein auf den Kopf fällt." Vielleicht handelt es sich dabei um eine nette Dramatisierung, die Leute wollen doch ihren Kitzel. Jedenfalls rieselt erstaunlicherweise nicht mal ein Krümel von der Stollendecke, als in 283 Metern Tiefe, nach der Fahrt abwärts im klapprigen Förderkorb und schier endlosem Rollen mit der Grubenbahn durch Enge und Finsternis, als ginge es bis Mittelerde - also als da unten mit ungeheuerlichem Gedröhn und Gerüttel Presslufthämmer und sonstige Maschinerie ("Wasserjäger", "Bohrknecht" und dergleichen) in Betrieb gehen. Sollten doch Brösel locker werden, fangen immerhin Bretter und Balken sie ab, die im umfänglichen Lexikon der Bergmannsprache "Ausbau" heißen.

Am "Ausbiss" hat, höchstwahrscheinlich in der Bronzezeit, alles mal angefangen. Das war die Stelle, wo das Flöz an die Oberfläche trat. In Wettelrode führt jetzt ein vier Kilometer langer Bergbaulehrpfad unter anderem dorthin sowie zu mittelalterlichen Schächten, die "aufgewältigt" (wieder hergerichtet) wurden. Dass die Leute damals das Metall überhaupt bemerkten und wussten, wo sie graben mussten, kann man heute kaum begreifen. Denn in einer Tonne Schiefergestein stecken 200 oder 300 Gramm Kupfer, mehr nicht; wer hat das entdeckt? Und das Flöz ist bloß eine unauffällige Steinschicht von 35 oder 50 Zentimetern Breite, in anderen Harzer Gruben ebenso. Auch nicht umfangreicher waren die Löcher, in denen sich Männer und Kinder mit der Picke voranarbeiteten, auf Bauch oder Rücken liegend, in beklemmender Enge, nur durch das "Arschleder" vor scharfen Steinkanten geschützt. "Dies war der schwerste Bergbau in Deutschland", sagt der Führer. Viele Kilometer lange Röhren trieb man schon vor Jahrhunderten wegen eines bisschens Metall durch die Berge.

In Goslar schuf Feuersetzen eine Erleichterung beim Steineklopfen: Lodernde Scheiterhaufen machten das Gestein mürbe, anschließende Wassergüsse taten ein Übriges. Direkt an die alten Abbaustellen im Rammelsberg von Goslar darf heute niemand mehr - der halbe Berg ist durch die menschliche Tätigkeit wackelig und zu gefährlich geworden. Aber in einem sicheren Stollen simuliert man das Feuersetzen für die Touristen. Einst war Goethe zu Besuch, er soll, so erfährt man, durch solches Untertage-Feuer zu seiner Vorstellung von Hölle gekommen sein.



Bergwerke: Schaubergwerk und Bergbaumuseum Röhrigschacht, Wettelrode, sechs Kilometer nördlich von Sangerhausen, Telefon: 034 64 / 58 78 16.

Besucherbergwerk und Bergbaumuseum Rammelsberg, am Stadtrand von Goslar, Telefon: 053 21 / 343 60.

Steinkohlen-Besucherbergwerk Rabensteiner Stollen, zwölf Kilometer nördlich von Nordhausen im Ilfelder Ortsteil Netzkater (Haltepunkt der Harzquerbahn), Telefon: 0363 31 / 481 53.

Schaubergwerk Büchenberg (rollstuhlgerecht), in einem Ortsteil von Elbingerode, Telefon: 03 94 54 / 422 00.

Außerdem: Grube Samson in St. Andreasberg, Oberharzer Bergwerksmuseum Clausthal-Zellerfeld, Schachtanlage Knesebeck in Bad Grund, Mansfeld-Museum in Hettstedt, Hüttenmuseen in Ilsenburg und Thale.

Gedenkstätte KZ Mittelbau-Dora: Bei Nordhausen nahe der Straße in Richtung Braunlage, täglich geöffnet. Anschrift: Postfach 100751, 99727 Nordhausen; Telefon: 036 31 / 98 36 36.

Auskunft: Ein Informationsheft mit den wichtigsten Details zu diesen und weiteren Einrichtungen gibt es beim Harzer Verkehrsverband, Marktstraße 45, 38640 Goslar; Telefonnummer: 053 21 / 340 40.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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