Zeitung Heute : In den Osten reisen

Lars Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Der Hirschhof in Prenzlauer Berg ist einer dieser Orte, die zwischen Geschichte und Gegenwart stecken geblieben sind. Drumherum wird die Gegend täglich schicker, aber wer sich in die unsanierten Höfe abseits der Kastanienallee verläuft, hat das Gefühl, an einem Platz gelandet zu sein, wo die DDR gerade aufgehört, aber das neue Berlin noch nicht angefangen hat. Heruntergekommene Fassaden, ineinander übergehende Hinterhöfe, in denen es aussieht wie 1989, auf dem Boden Fassadenstücke, die der Legende zufolge vom Stadtschloss stammen sollen. Ein zeitloser Ort. Hierher führe ich Besucher, wenn sie fragen, wie das Viertel, in dem ich seit einiger Zeit wohne, denn aussah, bevor Wessis wie ich sowie Designer- und Szeneläden Einzug hielten. Wie es sich vor dem Mauerfall wirklich anfühlte, kann ich mir allerdings bis heute nicht ganz vorstellen.

Eine hilfreiche Annäherung an den verschwundenen, doch unter der Oberfläche weiterlebenden Osten ermöglichen jetzt der Fotograf Harald Hauswald und der Autor Lutz Rathenow. Die beiden haben ein sehr persönliches Buch wiederveröffentlicht, in dem sie vor 18 Jahren den Alltag in Ost-Berlin in Momentaufnahmen festgehalten haben. „Ost-Berlin. Leben vor dem Mauerfall“ heißt das Büchlein heute. Die Beobachtungen der beiden Stadtflaneure geben in lakonischen Texten und kunstvollen Bildern die Atmosphäre wieder, die in den letzten Jahren der DDR, zumindest in Teilen Ost- Berlins, geherrscht hat. Einfühlsam beschreiben sie den Alltag, vor allem in den subkulturellen Nischen, so dass man als gelernter Westler staunt und ein wenig nachvollziehen kann, wieso auch SED-kritische DDR-Bürger mit einer Spur Nostalgie an Vor-Mauerzeiten zurückdenken. Der Hirschhof kommt in dem Buch übrigens auch vor, auf zwei Fotos hat ihn Hauswald als sommerlichen Treffpunkt und Veranstaltungsort von Nachbarschaftsfesten festgehalten.

Harald Hauswald/Lutz Rathenow: „Ost-Berlin. Leben vor dem Mauerfall“. Jaron, 128 Seiten, 12 €. Ausstellung zum Buch: Alte Feuerwache, Marchlewskistraße6, Friedrichshain, bis 4.Juni, am 5. Mai um 20 Uhr liest dort Rathenow. Im Abgeordnetenhaus wird am 17. Mai um 19.30 Uhr eine Hauswald-Ausstellung durch eine Lesung von Rathenow eröffnet. Einer der Eingänge zum Hirschhof ist in der Kastanienallee 12.

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