Zeitung Heute : In den Schlaf sinken

Das Wasserbett hat eine Menge erlebt. In den 60er Jahren liebten und kifften die Hippies auf der wogenden Liege. Für die Pornoindustrie war sie unverzichtbar. Heute gilt sie als orthopädisch wertvoll.

Unbewegt ruhen die bunten Laken auf den Betten. Das reizt: Jeder Kunde muss erst mal mit den Fingern reinpieksen, dann geben die Matratzen nach, fangen an zu schwingen, und die Leute schauen etwas befremdet.

Da bittet Alois Kotlarek sie, sich in seine Korbstühle zu setzen. Er spricht ruhig, gemütlich, mit Ruhrpott-Färbung. Der graue, buschige Schnurrbart, der waagerecht aus den Wangen wächst, bewegt sich mit. Kotlarek könnte gleich mit seinen Dementis beginnen: Nein, die Wasserbetten werden nicht durch die Decke brechen: 200 Kilo pro Quadratmeter, das muss ein Boden aushalten. Sie laufen auch nur selten aus. Und geplatzt, nein also, geplatzt ist von seinen jedenfalls noch nie eines. Weil man aber aus der Verteidigung heraus keine Schlacht gewinnt, greift Kotlarek gleich an.

Der schwerste Körperteil? Rumpf, genau. Auf einem weichen Untergrund liegt der? Am tiefsten, richtig. Beine und Kopf also? Weiter oben, jawoll. Die Wirbelsäule sieht in der Position aus wie? Ein doppeltes S, eben. Das ist die natürliche, die beste Ausrichtung. Da kann man sich drehen oder wenden, wie man will: Das Wasserbett befördert die Wirbelsäule sanft in diese Lage.

Eins zu null. Kotlarek nickt zufrieden.

Der 56-Jährige besitzt den größten Wasserbettenladen Ostdeutschlands. Er hat das Fragestakkato dieser Aufklärungskampagne sorgfältig entwickelt. Weiter also: Wärme ist gut für? Die Muskeln! Von da aus kommt er zur Hollywoodschaukel, den Wellen, Strand. Sich treiben lassen ...

Es hängt wohl mit den Anfängen der „Waltersdorfer Wasserbetten“ am Stadtrand von Berlin zusammen, dass Kotlarek ein so guter Lobhudler ist. In der Hauptstadt macht ihm heute ein gutes Dutzend Kollegen Konkurrenz. Irgendwo zwischen „Scherzartikel und Rotlichtmilieu“ war das Image des Schlafens auf Wasser damals, nach der Wende, angesiedelt, erinnert sich Kotlarek. Der Osten war weitgehend wasserbettenfreie Zone. Die Kunden mussten überzeugt werden. Und es gab Argumente: aus Amerika.

Ende der sechziger Jahre füllte der Designstudent Charles Hall in San Francisco gut 100 Kilogramm Flüssigstärke, mit der man sonst Wäsche steifte, in einen riesigen Kunststoffbeutel. Wenn er sich darauf setzte, fühlte sich das irgendwie klumpig an, feucht, seltsam. Er probierte es mit blauem Gelee, aber davon wurde es nicht besser. Dann nahm er Leitungswasser. Es war keine besonders neue Idee. Schon die Nomaden sollen in der Wüste auf gefüllten Trinkwasserbeuteln aus Ziegenhaut geschlafen haben. Auch Ende des 19. Jahrhunderts hatte ein britischer Arzt an einem Bett mit Flüssigfüllung herumexperimentiert. Nur lief es immer aus. Halls Beutel blieb dicht. Er nannte seine Erfindung „pleasure pit“, Genussgrube. Kalifornische Hippies liebten die wabbelnden Wasserbehälter.

„Es war einfach groovy, cool, total abgefahren“, erzählt Roland Formica. Er hatte zu der Zeit einen Laden in San Francisco, der „Odds ’n’ Ends“ hieß, also Krimskrams, und in dem es auch so aussah. 1969 nahm er einen schlichten Vinylsack voller Wasser ins Sortiment auf. Seine Kumpels mit den langen Haaren, Backenbärten und bunten Batikklamotten kauften ihm immer mehr davon ab. Sie warfen Decken darauf, weil das Wasser ohne Heizung noch sehr kalt war, und wälzten sich in den trägen Wellen. Irgendwann legten sie die Matratzen auf Betonblöcke und bauten Holzrahmen drum herum. „Da kamen wunderschöne Sachen raus“, sagt Formica, „viele Hippies konnten wirklich gut schnitzen.“

Es dauerte nicht allzu lange, bis sich die Wasserbetten von San Francisco aus in den ganzen USA ausbreiteten. Charles Hall, der Erfinder, gründete eine Firma und beauftragte einen PR-Agenten, der die neue Schlafgelegenheit in Sitcoms und Kinofilme brachte. Elefanten trampelten darüber, zum Beweis: Platzt nicht!

Neben dem simplen Hippie-Seesack gab es die beheizten, immer luxuriöseren Wellenliegen, die nicht nur in Vorstadtschlafzimmern standen, sondern auch in den Villen von Superreichen wie „Playboy“-Chef Hugh Hefner – mit dem Fell von tasmanischem Opossum bezogen. Darauf räkelten sich seine Häschen. Bald wurde das Wasserbett zum Standardaccessoire von Pornofilmen. Es hatte von Anfang an etwas Vertraut-Verruchtes. Ein Werbespruch: „Es gibt zwei Dinge, die auf einem Wasserbett besser sind. Eines davon ist der Schlaf.“

Charles Hall hatte das Möbel zur sexuellen Revolution erfunden.

Wie Studien bald zeigten, waren Nächte im Wasserbett nicht nur „hot“. Sie waren auch gesund. Die Matratze drückte nicht auf den Rücken, sie passte sich dem Körper an. Der Markt wuchs, 1987 waren 22 Prozent aller US-amerikanischen Matratzen mit Wasser gefüllt. Roland Formica, der Hippie-Händler, besaß in den besten Zeiten drei Läden und eine Fabrik. Da brachen die Verkaufszahlen ein: Zu viele Billiganbieter hatten Schund verkauft. Sex auf Wellen war plötzlich sehr Siebziger. Heute schaut Formica, dessen Haare lichter geworden sind, von seinem letzten verbliebenen Laden in San Francisco aus neidisch nach Deutschland, wo das Geschäft noch etwas besser geht.

Zwischen gewöhnlichen Bettgestellen aus heller Buche, dunklerem Bambus oder Kirschholz mit Preisschildern, die von 1500 bis 4000 Euro reichen, laufen in Waltersdorf bei Alois Kotlarek Kraftfahrer, Friseure und Sportler umher. Menschen, die sich bei der Arbeit ihre Rücken verspannen und „Linderung von ihren Berufsproblemen haben wollen“, sagt Kotlarek, der selbst über einen Bandscheibenvorfall zum Wasserbett kam.

Manchmal verbreitet sich sein Produkt auf diesem Weg in ganzen Familien. Ingo Schönlebers Vater hatte es am Rücken und hat sich deshalb eines gekauft. Dann folgten Schönlebers Brüder. Mittlerweile hat auch der 26 Jahre alte Germanistikstudent mit den langen blonden Haaren in seiner WG in Moabit ein Wasserbett vor dem Bücherregal stehen. Am Kopfende liegt unter der Matratze die Heizung, ein bisschen kleiner als ein Fußabtreter, auf 29 Grad eingestellt.

„Eine ziemliche Attraktion, so ein Wasserbett“, erzählt Schönleber. Einer seiner Kumpels habe mal eine Nacht mit seiner Freundin darauf verbringen wollen. Dem Kumpel sei dabei allerdings schlecht geworden. Er hat dann auf einer Isomatte auf dem Boden geschlafen. Seine eigenen Freundinnen, sagt Schönleber, hätten sich nie beschwert. Wenn einer sich bewegt und tiefer sinkt, rollt der andere im Wasserbett auf ihn zu. „Das ist doch gut, wenn man sich aneinanderschmiegen möchte.“ Bei richtigen Doppelbetten haben die Matratzen ohnehin meist getrennte Kammern. Schönleber stört nur eines: „Damit umzuziehen, ist wirklich kein Spaß.“ Es dauert sehr lange, bis das Wasser wieder raus ist.

Mittlerweile hat die Wellnesswelle die flottierenden Unterlagen in viele Hotels getragen, wo sie die Gäste nach der Gurkenmaske in den Wohlfühlschlaf wiegen sollen. Auch in Altenheimen werden sie eingesetzt: in musikumspülten „Pflegeoasen“. Es gibt zwei Typen: Hardsided und Softsided. Die einen haben einen Holzrahmen, der die wabbelnde Wasserfläche eingrenzt. Bei den anderen ist der graue Kunststoffbeutel in eine Matratze verpackt. Wenn Kotlarek seinen Kunden dann erklärt hat, dass sie nur einmal im Jahr Conditioner einfüllen müssten, gegen die Algen, geht er mit ihnen zu den Betten. Im Innern sind Fließstoffe. Je mehr davon, desto weniger schwingt das Wasser nach, desto „beruhigter“ ist das Bett.

Schließlich sollen die Interessenten sich ins Wasserbett hineinrollen. Sitzend hinein sinken ist nicht so gut, da stößt man sich nur am harten Holzrand. Kotlarek macht es vor, Knie zuerst, drehen um die eigene Achse. Die Leute tun es ihm nach, spüren, wie ihr Rücken warm wird, Beine oben, Rumpf unten, Kopf oben. Doppelte S-Form. Alles warm, alles gut.

Was sind da schon vier bis acht Euro monatlich für die Heizung? Wer denkt da an den Klimawandel? Und wer an diese Studien, die tatsächlich besagen, dass das warme Wasserbett, auf dem sich Hefners Playboy-Häschen vergnügten, Männer impotent machen soll, weil es die Anzahl und Qualität von Spermien reduziert. Um bis zu 75 Prozent. Das lässt Kotlarek in seinem Aufklärungsvortrag lieber mal weg.

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