Zeitung Heute : In den Spiegel sehen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Wir wurden gezwungen, uns im Dreieck aufzustellen und dann mussten wir zusehen, wie der arme Kerl erschossen wurde." Ein ganzer Wald von großen, rot umrandeten Verkehrsspiegeln steht hier. Auf manchen sind Texte eingraviert. Der Rentner und der Künstlerfreund sind stumm geworden. Zu stark ist der Eindruck, dass an einem dieser Spiegel ein Mensch erschossen wurde und am nächsten Spiegel wieder ein anderer und noch einer und noch einer. Hier in den Murellenbergen wurden in der Zeit von August 1944 bis Februar 1945 230 Soldaten erschossen, ihr Vergehen war Desertation, aber auch „Wehrkraftzersetzung". Der Rentner und sein Freund waren von der Glockenturmstraße den Spiegeln gefolgt, waren tief in eine von dunklen, überhängenden Bäumen beschattete Schlucht eingetaucht, hatten die Texte gelesen und waren dann eine Treppe hinaufgeklettert. Als schockierend empfanden sie zusätzlich, dass die Spiegel sich gerade dort häufen, wo die Briten nach 1945 Krieg gespielt haben, nämlich auf dem englischen Schießplatz. Patricia Pisani, eine argentinische Künstlerin, hat diese Denkzeichen für die Morde der NS-Militärjustiz entworfen. Sie bleibt auf den Inschriften der Verkehrsspiegel nicht allein bei der Konstatierung des mörderischen Unrechts stehen, sondern sie legt dem Betrachter Wertungen nahe: Der Bundestag erklärte 1997 (!), es handelte sich bei diesen Militärurteilen, „unter rechtsstaatlichen Verhältnissen um Unrecht". Man erfährt auch, dass von damaligen Richtern und Staatsanwälten kein Einziger bestraft wurde. Aber warum gerade diese Spiegel, fragt der Rentner den Künstlerfreund. Der weiß eine Antwort: Eine Argentinierin halte uns den Spiegel vor, den Verkehrsspiegel, mit dem man um die Ecke sieht, also dorthin, wohin man auf geradem Wege nicht sehen kann, dorthin, wo sich etwas Bedrohliches befinden könnte. Die grelle rotweiße Umrahmung mache den Spiegel zum Bild, rahme den Wald als Tatort und vermittele mit den Gravuren Kenntnisse. Plötzlich ersteht die schon verblassende Geschichte als Eindruck und Gefühl. Die Freunde verlassen die Spiegel. Tipp: Murellenberge. Berlin-Westend,

links vom Haupteingang der Waldbühne

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