Zeitung Heute : in der Boulette Gift

Die Stasi und ein Mordauftrag: Wie Wolfgang Welsch 1981 ins Visier von Mielkes Agenten geriet – und wie die Hauptakteure dieses Falls heute leben.

Peter Sandmeyer Rainer Nübel

Thalliumsulfat ist ein Pulver von weißer Farbe, unauffälligem Geruch, neutralem Geschmack und guter Löslichkeit. Es wird zum Imprägnieren von Holz benutzt, vor allem aber als Gift in der Schädlingsbekämpfung. Acht Milligramm töten eine Ratte, ein Gramm tötet einen Menschen.

Am 11. August 1981 nimmt der Direktor der III. Medizinischen Klinik des Mannheimer Krankenhauses, Professor Heinz Harald Hennemann, einen Patienten auf, der über merkwürdige Symptome klagt. Er leidet unter ständigem Kribbeln an Händen und Füßen, Taubheitsgefühlen und Schmerzen in den Beinen, Zungenbrennen und diffusen Beschwerden in Bauch und Brustkorb. Der Mann kommt dem Arzt hypochondrisch vor, er verordnet Schmerzstiller und Beruhigungsmittel und schickt ihn nach Hause. Aber dann erreicht den Professor das Ergebnis einer Laboruntersuchung, und alarmiert holt er den Patienten per Krankenwagen zurück in die Klinik. Dessen Atmung gleicht inzwischen dem Schnappen eines Fisches auf dem Trockenen. Die Aussichten, sein Leben zu retten, sind schlecht: Im Urin wurden 3800 Mikrogramm Thallium festgestellt, eine normalerweise tödliche Konzentration.

Blaulicht, Rettungssänitäter, Notaufnahme – mit solchen Szenen beginnt ein Film, der am Mittwoch in der ARD ausgestrahlt wird und eine der aufwendigsten und spektakulärsten Aktionen der DDR-Staatssicherheit behandelt: die „Operation Skorpion“. Der Giftanschlag auf Wolfgang Welsch ist der einzige glasklar dokumentierte Fall eines Mordauftrages durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Aber gleichzeitig – das zeigt der Film nicht – ein Beispiel für die Unfähigkeit der Stasi. Sie besaß zwar die Macht, einen Mord zu befehlen, aber nicht die Kompetenz, den Informanten richtig zu bewerten, der den Mordplan in Gang gesetzt hatte.

Wolfgang Welsch, heute 60, war im eingemauerten Ost-Berlin Schauspielschüler, Schriftsteller, Lyriker, einer der vielen Widerspenstigen, die nicht auf SED-Linie lagen. Ein gescheiterter Fluchtversuch brachte ihn 1964 in den Knast. 1971 wurde er freigekauft, im Westen begann er sofort damit, einen Kleinkrieg gegen seine alten Widersacher zu führen – mit Vorträgen, Propagandaschriften, vor allem aber mit einem Fluchthilfe-Unternehmen, das bevorzugt Ärzte, Apotheker und andere kostbare Akademiker aus dem Reich Honeckers ausschleuste. Eine schillernde Figur, halb antikommunistischer Freiheitskämpfer, halb gut verdienender Flucht-Profi. Aus Stasi-Sicht ein „krimineller Menschenhändler“, dessen „staatsfeindliche“ Aktivitäten gestoppt werden müssen – mit allen Mitteln.

Die Strategen des Ministeriums in der Ost-Berliner Normannenstraße spielen einen „Inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) an Wolfgang Welsch heran; Peter Haack ist seiner Legende nach ein deutscher Fotograf mit Wohnsitz in London, in Wahrheit ein Hilfselektriker aus Hameln mit chronischen Geldproblemen, der der Stasi bei Besuchen seiner Ost-Berliner Freundin aufgefallen ist; er wird angeworben und erweist sich bald als ebenso williger wie skrupelloser Mitarbeiter.

Haack, der nach seinem zweiten Vornamen IM „Alfons“ genannt wird und bald zum „IMF“ anvanciert, zum „Inoffiziellen Mitarbeiter mit Feindkontakt“, observiert Welsch zunächst nur. 1978 fährt er nach Platania im Süden Griechenlands, um zu beobachten, wie der „Staatsfeind“ mit Frau und Tochter Badeurlaub macht. Ein Jahr später ist er wieder vor Ort, ein etwas unbeholfener Deutscher mit martialischem Schnurrbart, der eines Abends wie zufällig in die Taverne kommt, in der Familie Welsch bei Souvlaki und Retsina sitzt und sich des einsamen und ortsunkundigen Landsmannes erbarmt.

Der Kontakt wird intensiviert bei späteren Besuchen in Welschs Haus in Gießen, Haack bringt der Frau Blumen und der Tochter Geschenke mit und entwickelt sich zu einem Freund der Familie – so dass die begeistert zustimmt, als er einen gemeinsamen Urlaub vorschlägt. Bei dieser Tour durch Israel im Juli 1981 soll die „Operation Skorpion“ abgeschlossen werden. Auf einem Stop am Roten Meer bereitet Haack Bouletten mit viel Knoblauch und scharfen Gewürzen zu. Weitere Zutat: eine kräftige Portion Thallium, das ihm sein Führungsoffizier in Ost-Berlin vor der Reise ausgehändigt hat.

Das Gift entwickelt seine schleichende Wirkung, doch Welsch entgeht knapp dem Tod. Er kann sich aber lange nicht erklären, was in Israel eigentlich passiert ist. Das letzte Lebenszeichen seines Freundes ist eine Ansichtskarte aus Buenos Aires, auf der er in krakeliger Schrift mitteilt, dass es ihm dreckig gehe. Danach bleibt Haack verschollen.

Erst zwölf Jahre später kommt Bewegung in die mysteriöse Sache. Welsch erzählt seine Geschichte nach dem Mauerfall der Berliner Kripoabteilung, die für die Aufklärung von Regierungskriminalität in der DDR zuständig ist. Und am 24. November 1993 wird in einer Kleinstadt bei Stuttgart ein Mann verhaftet, der Papiere auf den Namen „Peter Schaack“ besitzt, unter diesem Namen auch geheiratet hat und Vater geworden ist, tatsächlich aber der Beinahe-Boulettenmörder Peter Haack ist. Er gesteht und wird zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

Seine Führungsoffiziere entgehen ihrem Richter – der eine wegen schwerer Krankheit, der andere durch Selbstmord. Viele Details bleiben im Dunkeln, auch deswegen, weil es einem Stasi-Mitarbeiter noch in letzter Minute gelungen war, entscheidende Akten der „Operation Skorpion“ in den Reißwolf zu stecken.

Nebelhaft bleibt auch die Rolle von Welschs damaliger Ehefrau in dem Gespinst aus Bespitzelung und Betrug, das die Stasi um den Fluchthelfer gewoben hatte. „Meine Frau hat mich verraten“, schreibt er in seinem Buch „Ich war Staatsfeind Nr. 1“. Doch die Archive schweigen ebenso wie seine Frau – das lange geschiedene Paar spricht seit zehn Jahren nicht mehr miteinander.

Regisseur Stephan Wagner hilft sich in seinem Film „Der Stich des Skorpions“ mit Phantasie. „Wir erzählen nicht die Wirklichkeit nach“, sagt Wagner, „sondern eine authentische Geschichte nach Motiven des Lebensberichtes von Wolfgang Welsch“. Aber noch während der Dreharbeiten fand die reale Geschichte eine überraschende Fortsetzung. Und die ist aufregender als alle Fernsehvorlagen.

Im Jahr 2002 hat sich Welsch noch einmal in die Akten der Gauckbehörde vertieft und dabei eine Entdeckung gemacht. Es gab neben der Hauptabteilung VI eine weitere, die ihn im Visier gehabt hatte. Auch für diese „Hauptabteilung I/Abteilung Äußere Abwehr“ hatte ihn ein Inoffizieller Mitarbeiter ausgespäht: „IM Alexander“. Der war ein alter Freund von Welsch, Schicksalsgefährte aus Ost-Berliner Oppositionskreisen, Trauzeuge bei seiner Hochzeit: Michael Sievert – ein Mann mit schillerndem Lebenslauf.

Sieverts Vater war ein spanischer Faschist, der mit der „Blauen Division“ – Francos Dank für Hitlers „Legion Condor“ – im Zweiten Weltkrieg gegen die Russen gekämpft und in der Berliner Etappe in eine deutsche Frau kennen und lieben gelernt hatte, Michaels Mutter. Die starb kurz nach Kriegsende, das Kind wuchs bei der Urgroßmutter in Ost-Berlin auf, ohne Kontakt zum Vater. Nach politischer Verfolgung, Knast und Freikauf studierte er in Gießen, wo er Wolfgang Welsch kennen lernte, und ließ sich dann als Antiquar in Berlin nieder, wo seine verhängnisvolle Affäre mit der Stasi begann. „Selbstanbietung“ heißt es in seiner Stasi-Akte, und als Motiv des Anbieters werden „Abenteuerlust“ und „materielles Interesse“ genannt.“

Der Mann, der uns in der Lobby eines Hotels in Malaga gegenüber sitzt, ist fast 60, wirkt drahtig und asketisch. Er hat einen kahlen Schädel mit spitz zulaufenden Mr-Spock-Ohren, trägt einen gut sitzenden dunkelgrauen Flanellanzug und verzieht keine Miene, als er mit seiner aktenkundigen Vergangenheit konfrontiert wird. „Quatsch“, sagt der ehemalige IM, „es war alles ganz anders.“

Michael Sievert heißt jetzt Manuel Leria de la Rosa, er hat seinen spanischen Vater wiedergefunden, dessen Namen angenommen und inzwischen auch sein Erbe angetreten. Er wohnt in einer Villa oberhalb der Costa del Sol und ist geradezu dankbar für die Gelegenheit, seine Sicht der Sache darzustellen – obwohl ihm die Ansichten anderer insgesamt eher gleichgültig sind. Der Edelmann hat in den letzten Jahren einen Hang zum Buddhismus entwickelt und betrachtet das Leben, auch das eigene, mit einer gewissen Entspanntheit.

Ja, sagt er, er sei damals viel nach Ost-Berlin gefahren, habe dort Bücher gekauft und in den Westen gebracht, andere in den Osten, habe intensive Kontakte zu Kirchenkreisen in der DDR gehabt und sei so dem Verfassungsschutz aufgefallen und von ihm angesprochen worden: Ob er nicht einen Kontakt zur Stasi aufbauen und herausfinden könne, woran die so interessiert sei. Er habe sich also im Auftrag des Westens 1977 für das MfS verpflichten lassen, dabei aber nichts und niemanden wirklich verraten.

Welsch las es in den Stasi-Akten anders. Da ist von „siebenjähriger Zusammenarbeit“ die Rede, von „48 Treffs“ und „wertvollen Informationen“. Der IM wird unter anderem dafür gelobt, dass „auf der Grundlage seiner Informationen zahlreiche Schleusungen verhindert und über 20 Personen inhaftiert werden konnten“. Leiser Tadel trifft den Mitarbeiter lediglich, weil er die Neigung hat, über das Ziel hinauszuschießen: „Es zeigt sich insgesamt bei dem IM die Tendenz, bei entsprechenden Möglichkeiten, Welsch so schnell wie möglich zu liquidieren.“

Als der so weit gelesen hatte, erstattete er Strafanzeige gegen den ehemaligen Freund wegen „Verdachts des versuchten Mordes und Beihilfe zum Mord“. Nach sieben Monaten Ermittlung stellte der Berliner Staatsanwalt Dietmar Reichelt das Verfahren ein. „Das Ergebnis der Ermittlungen ist,“ sagt Justizsprecher Björn Retzlaff, „dass das Wort ‚Liquidieren‘ in diesem Kontext nicht zwangsläufig ‚Töten‘ bedeutet.“

„Das Wort Liquidieren“, beteuert de la Rosa, „ist von mir niemals verwendet worden, es entspricht weder meinem Denken noch meinem Sprachstil.“ Er sei nicht mehr als ein Wanderer zwischen den Welten gewesen, ein vermeintlich Oberschlauer, der versuchte, allen ein wenig zu dienen und an allen ein wenig zu verdienen, der in Wahrheit doch nur naiv war – so sieht er sich im Rückblick. Und die Akten? Er habe sie bis heute nicht einmal gelesen, sagt er, könne sich aber erklären, wie sie entstanden seien: Wenn der IM merkt, was den Führungsoffizier interessiert, übertreibt er in seinen Erzählungen. Wenn der hinterher seinen Bericht schreibt, übertreibt der noch einmal, um Eindruck bei seinen Vorgesetzten zu machen. So wird die Nichtigkeit bedeutsam und die Ameise Welsch zum Skorpion.

Daran hat „IM Alexander“ zweifellos kräftig mitgewirkt – vor allem durch eine Aktion, deren Brisanz er selbst womöglich nicht ahnte. Anfang der 80er Jahre kam – angeblich durch den Verfassungsschutz – ein Kontakt zwischen ihm und einem Mitarbeiter des südafrikanischen Geheimdienstes zustande. Der zeigte höchstes Interesse an Art und Umfang der Unterstützung afrikanischer Befreiungsbewegungen durch die DDR, besonders an deren Ausbildungslagern für die schwarzen Freiheitskämpfer.

Sievert berichtete das umgehend seinen Stasi-Genossen in Ost-Berlin, nannte aber – angeblich um seine Kontakte zum Verfassungsschutz nicht preiszugeben – Wolfgang Welsch als Verbindungsmann des südafrikanischen Apartheidregimes. Freie Erfindung, aber eine Information, die bei der Stasi einschlug wie eine Bombe. Eine erste Reaktion findet sich in einer Akte vom Mai 1980: „Es ist zu prüfen, inwieweit der offiziellen Vertretung der SWAPO in der DDR Hinweise übergeben werden, die den Welsch als politischen Provokateur und Waffenhändler im Dienste der südafrikanischen Rassisten abstempeln.“

Im März 1981 berichtet Sievert dann von einem neuen Versuch Welschs, Informationen für den südafrikanischen Geheimdienst zu beschaffen. Alarmiert schreibt sein Stasi-Führungsoffizier Major Naake: „Daraus wird ersichtlich, dass das Interesse dieses Geheimdienstes viel umfassender als bisher angegeben ist.“ Der Major entwickelt einen „Plan zur Entwicklung einer Feindverbindung“, der an „Genossen Minister Mielke persönlich“ weitergeleitet wird. Ausdrücklich heißt es: „An der Objektivität der Information des IM ‚Alexander‘ besteht kein Zweifel.“ Die Akte trägt das Datum 20.5.81.

Peter Haack, der andere auf Welsch angesetzte IM, wurde von dem Plan eines Giftanschlags erst kurz vor der gemeinsamen Reise nach Israel überrascht. „Davor“, sagt er heute, „gab es zwar allgemeine Planspiele, aber nichts Konkretes. Plötzlich wurde das ganz eilig.“ Der Thallium-Anschlag fand am 25. Juli 1981 statt – zwei Monate, nachdem Welsch als angeblich gefährlicher Agent Südafrikas entlarvt worden war. Dank Sievert.

Der wirkt 22 Jahre später dann doch leicht betroffen, als ihm dämmert, dass seine Falschinformation womöglich der entscheidende Anstoß für das Attentat auf den ehemaligen Freund war. Strafrechtlich mag ihm daraus kein Vorwurf zu machen sein. Aber moralisch ist der Traumtänzer zwischen Ost und West in einen Abgrund gestürzt.

14 Monate nach Sieverts brisanter Enthüllung über Welschs angebliche Südafrika-Connection begreift die Stasi, dass auf ihren „IM Alexander“ wenig Verlass ist: „Es verdichtete sich der Verdacht, dass ‚Alexander‘ unehrlich ist und von sich aus, aus finanziellem Vorteilsstreben, dem MfS eine fiktive Feindverbindung anbot.“ Die das Mielke-Ministerium dennoch begierig aufgriff, weil sie genau in das Raster ihrer Erwartungen passte. Ein doppeltes Lehrstück. Dafür, wie aus einem Schelm ein Schurke und wie der Apparat des MfS zum Opfer seiner eigenen Verschwörungsfantasien wurde.

Am 16. September 1983 fand das letzte Treffen zwischen Sievert und der Stasi statt. Der bisherige IM unterschrieb seine „Entpflichtung“. Wolfgang Welsch wurde fortan in Ruhe gelassen.

Gefunden aber hat er die Ruhe bis heute nicht. Ein Rastloser, der nicht begreifen kann, dass seine Todfeinde von gestern heute einfach zum Alltag zurückgekehrt sind und damit anscheinend besser klar kommen als er selbst. Peter Haack hat seine Gefängnisstrafe abgesessen und pendelt zwischen der Plattenbauwohnung seiner Familie an der Frankfurter Allee in Berlin und seiner Datsche an der Ostsee, geht viel spazieren und angeln. Manuel Leria de la Rosa lebt zurückgezogen in seinem andalusischen Haus mit einer hübschen Lebensgefährtin, meditiert viel und denkt entspannt über das Leben nach. Wolfgang Welsch wohnt in seinem alten Haus in Sinsheim, ohne Kontakt zu seiner Ex-Frau und seiner Tochter, von der er nicht einmal die Adresse weiß, und schreibt ruhelos weiter am düsteren Roman seines Lebens.

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