• In der Eifel bei Manderscheid belauerten sich über Jahrhunderte verfeindete Ritter, suchten Zisterzienser Abgeschiedenheit

Zeitung Heute : In der Eifel bei Manderscheid belauerten sich über Jahrhunderte verfeindete Ritter, suchten Zisterzienser Abgeschiedenheit

Walter Schmidt

Manche Drohgebärden sind aus Stein. Im Tal der Lieser, einem kleinen Fluss bei Manderscheid in der Eifel, ragen zwei Burgruinen auf zerklüfteten Schieferfelsen empor. Über Jahrhunderte hinweg lagen die Bewohner beider Festungen mit einander in Fehde. Zumindest die Burgherren, was für ihr Gefolge aber auf dasselbe hinauslief. Was im Norden der Eifel die Feindschaft zwischen dem Herzogtum Jülich und dem Kurfürstentum Köln war, das war hier im Süden die Rivalität zwischen dem Erzbistum Trier, zu dem die höherliegende Oberburg gehörte, und den Grafen und Herzögen von Luxemburg, deren Lehensherr die Niederburg kontrollierte.

Wer von dem früher ebenfalls ummauerten Weiler Niedermanderscheid im Liesertal hinauf zu den beiden Burgen schaut, dem bietet sich - wie ein Reiseführer schwärmt - "einer der eindrucksvollsten Anblicke mit-telalterlicher Wehrarchtitektur, die sich in Deutschland finden lassen". Die Niederburg mit ihren den Felssporn erklimmenden Mauerstaffeln wirkt dabei so uneinnehmbar, wie sie der Trierer Erzbischof Balduin wohl einschätzen musste, nachdem seine Truppen die Sperrfestung vom Jahr 1346 an zwei Jahre, fünf Monate und fünfzehn Tage erfolglos belagert hatten, bis sie aufgaben. Heute verwaltet der Eifelverein die zwischen Wittlich und Gerolstein gelegene Trutzburg und sieht sich an manchen Tagen lediglich dem Ansturm der Touristen ausgesetzt.

So sehr die Menschen in der Eifel durch die Jahrhunderte unter Kriegen, Plünderungen und Frondiensten für ihre Edelherren auch geblutet und gehungert haben - heute verdankt der früher einmal als "deutsches Sibirien" verschrieene Landstrich seinen rauhen Charme und die Einkünfte aus dem Tourismus nicht zuletzt den 140 Burgruinen, die sich für das 11. und 12. Jahrhundert in der Eifel nachweisen lassen. Manche davon, so etwa die Geißenburg nördlich von Manderscheid, sind nur noch an überwucherten Trümmerwällen zu erkennen, an denen sich knorrige Eichen festkrallen.

Wenn es stimmt, dass manche Landschaften Geschichte atmen, dann käme ein recht heiliger Atemzug aus dem Salmtal, in dessen Abgeschiedenheit der Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairveaux auf Einladung des Trierer Erzbischofs Albero 1135 ein Kloster errichten ließ, das heute unter dem Namen Himmerod bekannt ist. Die aus Burgund entsandten Gründermönche, per Ordensregel zu Handarbeit und eigener Landwirtschaft verpflichtet, werden etliche Stoßseufzer gen Himmel geschickt und hoffentlich nicht geflucht haben, bis sie den Urwald des Samtals gerodet und den sumpfigen Talgrund so weit trockengelegt hatten, bis sich das Nötige darauf anbauen ließ. Später schrieben die Patres im Skriptorium, der Schreibstube, fleißig Buch für Buch ab, oder sie wurden in die Bibliotheken anderer Klös-ter gesandt, um dort Abschriften anzufertigen. Bereits im Jahr 1453 soll der Himmeroder Buchbestand nach Angaben des zeitgenössischen Humanisten Matthias Agritius rund 2000 Bände betragen haben - eine damals ungewöhnlich hohe Zahl. Durch die Wirren der folgenden Jahrhunderte, vor allem aber, als die Franzosen im Jahr 1802 das Kloster aufhoben und die Mönche vertrieben, gingen die meisten Bücher verloren. Heute sind nur noch 145 Manuskripte erhalten. Man findet sie etwa in Wien oder Baltimore, in London, Berlin und New York.

Ein Stück Himmeroder Geschichte ist inzwischen auch Bruder Stephan. Seit 42 Jahren betet und arbeitet er in der Abtei im Salmtal, die noch stiller wäre, wenn nicht ab und an US-Kampfbomber vom Nato-Flugplatz Spangdahlem über das Tal dröhnten, zornigen Engeln gleich, aber gottlob nicht direkt über dem Kloster. Der Zisterzienser-Mönch liebt seine Arbeit, wozu neben dem Einsatz für die Bürgerkriegsopfer im Sudan auch das Verfassen von Gedichten und Kurzgeschichten gehört. "In welchem Beruf kann man schon genau das tun, was man möchte", sagt er und wird dann von einem Klingeln unter seiner weißen Kutte mit dem schwarzen Überwurf abgelenkt. Das schnurlose Telefon trägt er oft mit sich, "sonst erreicht mich ja keiner". Und erreichbar sein muss er als derjenige, der sich um die Gäste des Klosters kümmert und dabei alle vier Mahlzeiten am Tag gemeinsam mit ihnen einnimmt. Das Frühstück wohlgemerkt nach einer Morgenmeditation, an der jeder teilnehmen kann, aber nicht muss, auch wenn die Besinnung ein Teil des Gemeinschaftserlebens ist. Um das geht es beileibe nicht nur Bruder Stephan, sondern auch etlichen Klosterbesuchern, die den Weg ins entlegene Salmtal finden, zum Ausspannen, Kraftschöpfen oder zu beseeltem Grübeln. Rund dreißig Einzel- und Doppelzimmer stehen für Gäste bereit. Feste Zimmerpreise gibt es nicht, aber "die meisten geben so um die 45 Mark pro Nacht", sagt Bruder Stephan; die einfachen Mahlzeiten sind darin eingeschlossen. Der hochgewachsene Mönch heißt jeden willkommen - ob gläubig oder nicht. Mit seinen Gästen meditiert und betet er nicht nur, sondern lädt sie nachmittags zu Waldspaziergängen ein.

Wer in Himmerod mit den Zisterziensern beten möchte, ist dazu eingeladen - ob im Oratorium oder in der barocken Klosterkirche mit ihrem kunstvollen Giebel, der einen Turm vortäuscht, weil die eher schmucklosen Zisterzienser-Kirchen ohne den architektonischen Fingerzeig gen Himmel auskommen müssen; die Glocke hängt statt dessen in einem bescheidenen Dachreiter. Den Tag beschließen die rund zwanzig Himmeroder Mönche abends um halb acht mit dem Komplet und ziehen sich dann in ihre Zellen zurück. Sie tun gut daran, denn morgens um halb fünf ist die Nacht zu Ende; dann ruft Abt Bruno zum ersten Gebet. Derlei nehmen derzeit auch zwei Novizen auf sich, doch laut Bruder Stephan "könnten wir schon noch jüngere Mönche gebrauchen". Die Bruderschaft ist überdurchschnittlich alt.

Alt ist auch der Kulturraum Eifel; und einen Teil seiner Geschichte erzählen schon die Ortsnamen. Die Dörfer enden auf -rath oder -rod, auf -burg oder -feld und etliche auf -scheid. Es wurde im Mittelalter demnach viel gerodet, befestigt und geackert, und Orte wie Manderscheid entstanden auf der entwaldeten Scheide zwischen zwei Tälern. Eisenschmitt oder Eichelhütte, von Himmerod unweit salmaufwärts gelegen, verraten ihre Geschichte erst recht. Hier blühten einst die Eisenindustrie und das Köhlerhandwerk, das den Schmieden die Holzkohle bereitstellte und dafür die Wälder in kaum vorstellbarer Weise plünderte und in Meilern verkokeln ließ. Besonders begehrt war Buchenholz, weil die Holzkohle daraus die zum Schmieden nötigen hohen Temperaturen lieferte. Die artenreichen Mischwälder gingen in beißenden Rauch auf, in den Tälern pochten Hämmer, die von Mühlrädern angetrieben wurden. Erste Hinweise darauf stammen aus dem Jahr 1372, als die Burggrafen von Malberg und Manderscheid dem Schmied Frederych von Runderrode die "Yssensmyt uff der Salmen" verpachteten. Bis ins vergangene Jahrhundert war Eisenschmitt für seine Öfen und gusseiserne Kaminplatten berühmt, die längst nicht nur kalte Eifeler Stuben wärmten. Der Siegeszug von Stein- und Braunkohle sowie von Koks und die Lage an einem nicht schiffbaren Flüsschen machte der Eisenverhüttung im Salmtal Mitte des 19. Jahrhunderts den Garaus. Viele Arbeiter wanderten und fanden ein neues Auskommen an Ruhr oder Saar.

Mindestens so sehr wie kulturhistorisch Interessierte kommen Geologie-Begeisterte im Manderscheider Land auf ihre Kosten. Rings um den 973 erstmals erwähnten Ort finden sich markante vulkanische Formen - am Mosenberg bei Bettenfeld etwa der einzige echte Kratersee nördlich der Alpen mit dem schönen Namen Windsborn-Krater. Oder die Wolfsschlucht, ein vom Wasserlauf der Kleinen Kyll zerschnittener Lavafluss. Und natürlich die für die Eifel so typischen Maare, deren jüngstes bei Ulmen erst gut 10 000 Jahre alt ist: Sie entstanden, als glutflüssiges Magma beim Aufstieg auf stark wasserführende Erdschichten traf und explodierte. Die Ränder des Sprengtrichters stürzten oft ein, am Boden bildete sich ein See unterhalb der ehemaligen Landoberfläche. Ob am fast kreisrunden Pulvermaar nordöstlich von Manderscheid oder am großen Meerfelder Maar westlich davon - an vielen Stellen haben gut ausgeschilderte Geo-Pfade die erdgeschichtlichen Phänomene für Wanderer erschlossen und erfahrbar gemacht - wie überhaupt das exzellent ausgeschilderte Wegenetz des Eifelvereins zum Wandern einlädt. Anreise: Nach Manderscheid mit dem Auto über die A1/A48, Abfahrt Manderscheid; mit dem Zug über Wittlich (Interregio-Anschluss) oder Kyllburg, jeweils weiter mit dem Bus. Zugverbindungen bei der Bahn unter der Telefonnummer 01805 / 99 66 33.

Museen: Im vergangenen Sommer hat in Manderscheid das Maarmuseum seine Pforten geöffnet und bringt Besuchern die Entstehung und die Vorgänge in Maaren auf spannende Weise näher. Wer nicht bis zum nächsten Ausbruch eines Maarvulkans warten will, dem sei ein Besuch dort empfohlen. Ein spannendes Erlebnis.

Auskünfte: Kurverwaltung Manderscheid, Kurhaus, 54531 Manderscheid; Telefon: 065 72 / 92 15-49 / 39 / 38; Maarmuseum Manderscheid; telefonisch unter der Nummer: 065 72 / 92 03 10; Abtei Himmerod im Salmtal; Telefon: 065 75 / 95 130; Eifelverein, Stürzstraße 2-6, 52349 Düren; Telefon: 024 21 / 13 121.

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