Zeitung Heute : In der Fremde

Norwegische Künstler kommen, gehen und manche bleiben in Berlin – wie Olav Christopher Jenssen

Nicola Kuhn

Wer sich an Galerienwochenenden wie zuletzt anlässlich der Eröffnung der fünften Berlin-Biennale auf Vernissagen umhört, der wird von einem internationalen Stimmengewirr umtost. Deutsch ist da nur eine Sprache unter vielen. Englisch, Russisch, Italienisch, Französisch ist genauso viel zu hören – ebenso Norwegisch, wenn man es denn versteht. An zwei Orten wird man allerdings fraglos Norwegisch vernehmen: in den Galerien c/o Atle Gerhardsen, die seit 2001 unter einem der S-Bahn-Bögen bei der Jannowitzbrücke logiert, und Opdahl, die seit September im neuen Galeriehaus Lindenstraße eine Dependance besitzt. Beide Adressen haben noch einmal einen Schwung norwegischer Künstler mit nach Berlin gebracht, zumindest temporär, wenn sie in Ausstellungen präsentieren werden.

Gegenwärtig ist allerdings bei Gerhardsen der britische Maler James White zu sehen. Opdahl zeigt wiederum den aus Sibirien stammenden Fotografen und Objektkünstler Alexander Tokarev. Als Botschafter norwegischer Kunst verstehen sich die beiden Galerien nur bedingt. Für sie ist Berlin vielmehr eine zentrale Plattform auf dem Kontinent, um das Ausstellungsprogramm verstärkt einem internationalen Publikum zu präsentieren und umgekehrt die Kontakte nach Europa hinein zu intensivieren.

An einem dritten Ort in Berlin wird gegenwärtig allerdings norwegische Kunst stark promoviert: im Haus am Waldsee, wo Olav Christopher Jenssen in einer großen Ausstellung sein Schaffen der vergangenen beiden Jahre präsentiert. Kenner seines Werks mögen zwar bemerken, dass diese Würdigung reichlich spät kommt. Schließlich lebt er als einer der bedeutendsten Maler Norwegens seit Mitte der Achtziger mit seiner Familie in Berlin, jedoch eher unbemerkt, was dem in seinem Heimatland stark gefragten Künstler gerade gut gefällt. Das könnte sich allerdings ändern, sollte seine Außengestaltung der Temporären Kunsthalle am Schlossplatz realisiert werden. Auf Bitte von Katja Blomberg, der Leiterin vom Haus am Waldsee, erdachte er – neben sieben anderen Künstlern – ein kunterbuntes kristallines Farbkleid für die 56 mal 20 mal 11 Meter große Kiste des Architekten Adolf Krischanitz. Sollte Jenssens Entwurf tatsächlich Wirklichkeit werden, so wäre es wohl das größte Kunstbild in der Stadt und mit der Anonymität für den Urheber erst einmal vorbei.

An diesem Ort, mitten auf dem Palast der Republik, hat schon einmal ein norwegischer Künstler gigantisch groß seine Visitenkarte abgegeben. Es war der ebenfalls in Berlin lebende Osloer Lars Ramberg, der 2005 auf dem Dach der einstigen DDR-Kulturinstitution das Wort „Zweifel“ in sechs Meter großen, leuchtenden Buchstaben anbringen ließ. Damals gehörte es wohl zu den meistfotografierten Kunstwerken in der Stadt, brachte es doch die Unsicherheit im politischen Umgang mit der Asbestruine, aber auch die Hoffnung auf deren Erhalt zum Ausdruck. Und noch an einem anderen prominenten Ort in Berlin hat sich Ramberg als ambivalenter Wortkünstler einen Namen gemacht. Anlässlich der Ausstellung „Berlin North“ ließ er 2004 den Begriff „Fremdgehen“ in leuchtend roten Lettern auf dem Dach des Museums für Gegenwart montieren. Dieses „Fremdgehen“ spielte auf die Beziehungen norwegischer Frauen mit deutschen Männern während der Besatzungszeit an und deren Ausweisung nach dem Zweiten Weltkrieg an. In gewisser Hinsicht gilt dies heute noch für all die norwegischen Künstler in Berlin, die schließlich ebenfalls in die Fremde gingen und doch offensichtlich gerne geblieben sind.

Erst zuletzt hatte das Astrup Fearnley Museum of Modern Art in Oslo unter dem Titel „Lights on“ eine Ausstellung junger norwegischer Kunst gezeigt, für die zahlreiche Teilnehmer wieder zurück in ihr Heimatland gereist waren. Hinter den Namen von Jan Christensen, Martin Skauen, Trine Lise Nedreaas und Øystein Aasan stand jeweils „lebt und arbeitet in Berlin“, eine Information, die man immer häufiger in Bezug auf Ausstellungen mit norwegischen Künstlern sieht, wie Anne Grete Usnarsky, Kulturreferentin der Norwegischen Botschaft in Berlin, erklärt.

Viele pendeln, trotzdem prägt sich auch ihre Handschrift in das Stadtbild ein. Prominentestes Beispiel wird das Holocaust-Mahnmal für die Homosexuellen sein, das von dem norwegisch-dänischen Künstlerduo Ingar Dragset & Michael Elmgreen stammt. Noch ist es im Tiergarten hinter einem Bretterzaun verborgen, doch Ende Mai wird es eingeweiht.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!