Zeitung Heute : In der Geborgenheit zuhause

Innovation aus Tradition – der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit im Gespräch über Ehrenamt und Engagement

Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Das Evangelische Johannesstift feiert Jubiläum. Was verbinden Sie persönlich mit dem Johannesstift?

Mich beeindruckt die Vielseitigkeit dieser großen diakonischen Einrichtung. Ich habe das Johannesstift als ein gastliches, freundliches und den Menschen zugewandtes Haus erlebt. Aber auch ganz nah an den sozialen Herausforderungen, vor denen wir in Berlin und anderen großen Städten stehen.

Worin sehen Sie die größten Herausforderungen?

Wir erleben in praktisch allen Metropolen soziale Spaltungsprozesse. Viel zu häufig entscheidet der Zugang zu Bildung über Aufstieg und gesellschaftliche Teilhabe. Eine andere Herausforderung ist, dass wir immer älter werden. „Ein Glück!“ kann man sagen. Aber, der Wandel stellt uns auch vor große Fragen: Wie gelingt es uns, die Älteren in unsere Mitte zu nehmen und ihnen ein würdevolles Leben und Sterben zu ermöglichen?

Was tun Sie als Politik gegen die soziale Spaltung?

Im Mittelpunkt steht die Verbesserung der Startchancen für Kinder und Jugendliche. Wir haben die frühkindliche Bildung ausgebaut, die Sprachförderung intensiviert, drei kostenfreie Kitajahre eingeführt, Ganztagsschulen und jetzt zum Beginn des neuen Schuljahres die neue Sekundarschule eingerichtet. Kinder aus benachteiligten Verhältnissen sollen möglichst früh eine Chance bekommen, ihren Rückstand aufzuholen. Denn wir dürfen nicht hinnehmen, dass Herkunft über Chancen entscheidet. In allen Kindern stecken Begabungen. Alle werden gebraucht.

Was bedeutet der demografische Wandel aus Ihrer Sicht für Berlin?

Berlin ist attraktiv für Junge und gleichzeitig werden die Menschen immer älter. In einer individualisierten Gesellschaft brauchen wir neue, auch gemeinschaftliche Wohnformen und eine hochwertige Pflege. Auch da ist das Johannesstift wegweisend.

Sie sagen „wegweisend“. Was erwarten Sie von Einrichtungen wie dem Johannesstift?

Das Wichtigste ist, dass sie den Menschen, die ihnen anvertraut sind, Heimat und Geborgenheit bieten. Ich erwarte aber auch frische Impulse wie durch das Projekt „Kinder beflügeln“. Es eröffnet Kindern aus bildungsfernen Milieus Zugänge zu Büchern, Museen und Theatern und weitet damit den Horizont der Kinder. Ich denke aber auch an Modelle, die mehrere Generationen zusammenbringen und neue Formen der Integration von Menschen mit Behinderung erproben.

Im Evangelischen Johannesstift engagieren sich im Jahr 2010 rund 400 Ehrenamtliche. Welche Entwicklung im Bereich des zivilgesellschaftlichen Engagements braucht Berlin?

So wie im Johannesstift gibt es in Berlin insgesamt bereits viele gute Beispiele für eine erfolgreiche Verknüpfung von professioneller Sozialarbeit und freiwilligem Engagement. Das alte Gegeneinander ist glücklicherweise überwunden. Viele Einrichtungen wissen um den Wert des ehrenamtlichen Engagements und fördern es gezielt. Und doch zeigen Studien, dass sich noch mehr Freiwillige gewinnen lassen. Berlin braucht jede und jeden.

Sie sagen, es ließen sich noch mehr Ehrenamtliche gewinnen. Wie?

„Tue Gutes und rede darüber“: So wie dasJohannesstift das Engagement seiner Aktiven an die Öffentlichkeit bringt, tun wir das auch in der ganzen Stadt. Vor kurzem haben wir an der Siegessäule ein großes Plakat aufgehängt, um 200 Berlinerinnen und Berliner zu zeigen, die durch ihren persönlichen Einsatz unsere Stadt voranbringen. Wir können uns nur wünschen, dass viele ihrem Beispiel folgen.

Eine verbreitete Meinung lautet: Bürgerschaftliches Engagement ist der Lückenbüßer für einen Staat, der sich zurückzieht.

Nehmen Sie den Bildungsbereich: Der Staat zieht sich nicht zurück – im Gegenteil. Wir bauen seit Jahren aus und stehen heute im Ländervergleich der Ausgaben bundesweit an der Spitze. Es geht darum, dass sich die Gesellschaft ihrer Verantwortung für das Wohl der Kinder bewusst wird. Ein gutes Beispiel sind die vielen Paten- und Mentorenprojekte, in denen sich Freiwillige Zeit für Kinder und Jugendliche nehmen. Sie eröffnen ihnen Zugänge zu anderen Milieus und fördern den Aufstiegswillen.

Wir haben kürzlich in einer Serie darüber berichtet, was Berlin im Jahr 2030 vielleicht bewegt. An welcher Stelle sehen Sie Einrichtungen wie das Johannesstift und welche Hausaufgaben geben Sie dieser großen diakonischen Einrichtung mit auf den Weg?

Meine Empfehlung ist, sich selbst treu zu bleiben. Das Johannesstift hatte immer ein gutes Gespür für die Belange von Benachteiligten und Menschen, die in Armut leben. Sich dies zu bewahren und bereit zu sein, an neuen Lösungen zu arbeiten, damit die Menschen ein gesundes, erfülltes Leben führen können: Das ist vielleicht die größte Herausforderung. Und dafür wünsche ich dem Johannesstift auch für die nächsten 100 Jahre alles Gute.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt











Klaus Wowereit
, SPD, ist seit 2001

Regierender Bürgermeister von Berlin.

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