Zeitung Heute : In der Gewalt

Unter netten Gangstern? Oder in Lebensgefahr? Tag zwei der Chrobog-Entführung

Klaus Heymach[Hans Monath] Susanne Sporrer

Irgendwo in der Wüste des Jemen hocken die Geiseln, Jürgen Chrobog, 65 Jahre alt, seine Frau und die drei Söhne, und dort, in ihrer Nähe, wird wohl auch der Mann mit dem Telefon sein. Er gibt großzügig Interviews. Er spricht mit der jemenitischen Regierung. Er spricht aber auch mit Journalisten. Es ist eine Art Pressekrieg im Gange. Die Regierung in Sanaa lanciert die Meldung, dass die Geiseln sehr bald freigelassen würden – und prompt meldet der Entführer mit dem Telefon sich bei der Nachrichtenagentur dpa und sagt: Bisher gebe es keine Fortschritte bei den Verhandlungen mit dem Vertreter des Innenministeriums. Als später dann die Agentur AFP anruft, spricht er auch mit diesen Journalisten.

Die Chrobogs waren am Mittwoch aus einer Reisegruppe entführt worden, um fünf Mitglieder des Stammes El Abdallah ben Daha aus dem Gefängnis freizupressen. Die fünf seien wegen einer Stammesfehde hinter Gitter gekommen – „sie hätten mit der aber nichts zu tun“, versichert der Entführer, mit dem AFP spricht. Er sagt auch: Es geht den Chrobogs gut. Und: Es werde ihnen nichts geschehen – es sei denn, die Sicherheitskräfte versuchten, sie gewaltsam zu befreien.

Tag zwei der Entführung. Die Vorhänge sind herabgelassen, der Krisenstab im Berliner Außenministerium arbeitet verschwiegen wie immer. Und die wenigen Fakten, die nach draußen dringen, scheinen Auslegungssache. Sie werden in die verschiedensten Richtungen gedehnt; immerhin: Ein prominenter Deutscher ist entführt, ein sympathischer dazu. Zuerst meldet das „Morgenmagazin“ des ZDF, es sei möglich, dass die Geiseln noch am Donnerstag freigelassen werden. Dann wiederum meldet eine Nachrichtenagentur, die Entführung sei doch „offenbar schwieriger lösbar als zunächst erhofft“, deshalb habe Außenminister Frank-Walter Steinmeier seinen Urlaub abgebrochen und sich in den Fall eingeschaltet.

Sicher ist: Irgendwann am Donnerstagmorgen scheitert laut der Zeitung „Yemen Observer“ eine erste Verhandlungsrunde zur Freilassung der Familie. Später telefoniert Außenminister Steinmeier dann selbst mit seinem jemenitischen Kollegen Abu Bakr Abdallah El Kurbi in Sanaa. Einige Berliner erzählen vertraulich, dass sie davon ausgingen, der jemenitischen Regierung sei die Entführung der Chrobogs peinlich. Auch wegen des sehr guten Verhältnisses zu Deutschland werde sie sich alle Mühe geben, eine schnelle Freilassung zu erwirken. Die Jemeniten mögen die Deutschen. Wegen der klaren Haltung für die Einheit des Jemen im Sezessionskrieg 1994 zum Beispiel. Aber auch wegen starken entwicklungspolitischen Engagements.

Wer sich in Berlin am Donnerstag durch die Politik telefoniert, hört keine Vorwürfe gegen Chrobog. Er habe wohl einfach Pech gehabt, sagt Tarek al-Wazir, hessischer Grünen-Politiker und Sohn eines Jemeniten. Chrobog habe sich an alle Regeln gehalten, die das Außenministerium empfehle, bestätigen andere und wohl nicht nur, um den Standesgenossen zu schützen – am Tag zuvor waren fast hämische Kommentare laut geworden, die etwa so lauteten: Wie kann einer, der beruflich so gut Bescheid weiß, einer, der als Verhandler zig unvorsichtige Geiseln befreit hat, selber so leichtsinnig sein? Jetzt müsse er sich wohl selbst eine „Versorgungsmentalität“ vorwerfen lassen nach dem Motto: Der Staat haut mich schon raus.

Aber Chrobog, sagen die Politiker nun, sei nicht nur einer Einladung des Vizeaußenministers des Landes gefolgt, er habe sich auch auf einen anerkannten Reiseveranstalter verlassen und seine Reiseroute sei vom jemenitischen Innenministerium, das ständig die Lage in den Stammesgebieten prüft, vorgegeben und genehmigt worden.

Die Chrobogs waren mit ihren zwei Geländewagen aus Aden gekommen, der ehemaligen britischen Kolonie und späteren Hauptstadt des sozialistischen Südjemen, bevor sie im Provinznest Al-Aram an einer Garküche zum Mittagessen stoppten. Aber aus dem kurzen Mittagsstopp wurde dann der Beginn einer Geiselnahme. Die Entführer nutzten die Gelegenheit, heißt es, als der Begleitschutz sein Fladenbrot aß, um die fünf Deutschen samt Fahrern und Reiseleiter in ihre Gewalt zu bringen.

Die Provinz um Schabwa, die einstige Prachtstadt des antiken Königreichs Hadramaut, war noch nie eine ungefährliche Gegend. Streitigkeiten zwischen Familien und Clans werden hier immer noch mit der Kalaschnikow ausgetragen, Polizei und Justiz hatten bis vor Jahren kaum nennenswerten Einfluss in der abgelegenen Region. Sicherheitshalber ist noch heute auf vielen Streckenabschnitten militärische Begleitung vorgeschrieben, an jedem der vielen Kontrollposten wird eine Kopie der Reisegenehmigung verlangt. Und weil viele Soldaten nicht lesen können, muss immer wieder auch mündlich das Woher und Wohin erläutert werden.

Dabei werden die Wüstenbewohner immer gastfreundlicher, denn bei einem Tagessatz von 250 Dollar ist der Tourismus eine wichtige Einnahmequelle geworden. Sie bieten Unterkunft, Tee und Begleitschutz durch die mit Bürgerkriegsminen gespickte Wüste. Entführungen jedoch sind Tradition – allerdings gelten die Kidnapper als recht freundliche Gangster. Geiseln behandeln sie als Gäste. Es gibt Reiseführerautoren, die sogar vom besonderen Reiz einer Entführung im Wüstensand schwärmen. Lange werden die Chrobogs das aber wohl nicht mehr „genießen“ dürfen. Am Abend sagt Außenminister Steinmeier, er rechne fest mit einer Freilassung noch vor Jahresende.

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