Zeitung Heute : In der Hand des Doktors

Es kommt Bewegung in das deutsche Gesundheitswesen. Die meisten Kassen wollen den Patienten die ungeliebte Praxisgebühr ersparen. Dafür sollen diese immer erst zu ihrem Hausarzt gehen. Ministerin Schmidt freut sich. Das hat sie sich immer gewünscht.

Cordula Eubel

DAS ENDE DER PRAXISGEBÜHR

Die meisten Kassenpatienten in Deutschland werden wohl bald keine Praxisgebühr mehr bezahlen müssen. Die Barmer Ersatzkasse ist die erste, die ihren Versicherten nun ein Hausarztmodell anbietet, mit dem sich die Gebühr umgehen lässt. Die Verhandlungen mit dem Hausärzteverband sind abgeschlossen. Noch vor Ende des Jahres soll es losgehen. Und praktisch alle anderen Großkassen haben angekündigt, dass sie diesem Beispiel folgen wollen. Die Idee: Der Versicherte verpflichtet sich, bei Krankheit immer zuerst seinen Hausarzt aufzusuchen. Der behandelt den Patienten und entscheidet, ob eine Überweisung zum Spezialisten notwendig ist. Die Rolle des Hausarztes wird dadurch deutlich aufgewertet: Er wird zum „Lotsen“ im Gesundheitswesen. Der Bonus für den Versicherten: Er spart die zehn Euro Praxisgebühr im Quartal, also maximal 40 Euro im Jahr.

Mit der Gesundheitsreform hatte Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) im letzten Jahr die Pflicht für AOK, Barmer und Co. im Gesetz verankert, ihren Versicherten ein solches Hausarztmodell anzubieten. Die Idee ist nicht neu: Schon Schmidts Vorgängerin Andrea Fischer (Grüne) hatte auf eine Stärkung des Hausarztes im Gesundheitswesen gesetzt. In Deutschland spielen, anders als beispielsweise beim Nachbarn Niederlande, die Allgemeinärzte derzeit nicht die Hauptrolle. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Dichte der Fachärzte sehr hoch, viele Patienten entscheiden lieber selbst, ob sie einen Kardiologen, Magenspezialisten oder einen Hautarzt aufsuchen, bevor sie ihren Hausarzt um Rat bitten.

Steuerungsmechanismen, die ein anderes Verhalten gefördert hätten, gab es bislang nicht. Ob ein Kassenpatient zum Haus- oder Facharzt ging, blieb ihm bislang selbst überlassen – ohne finanzielle Konsequenzen. Nach wie gilt die freie Arztwahl. Doch wenn sich ein Patient nun für ein Hausarztmodell entscheidet, dann legt er sich erstmals in seiner Arztwahl von vorneherein fest. Egal, was mit seiner Gesundheit los ist, er muss immer zuerst zum Hausarzt.

Die Entscheidung zur Teilnahme am Hausarztmodell liegt bei den Versicherten: Die Krankenkassen sind lediglich verpflichtet, ein Hausarztmodell anzubieten. Zwingen können sie ihre Mitglieder jedoch nicht, daran teilzunehmen. Befürworter des Hausarztmodells erhoffen sich dadurch eine bessere Betreuung des Patienten, weil ein einziger Arzt die Fäden in der Hand behält. Der kenne schließlich die Krankenakte und könne entscheiden, ob die Behandlung durch einen Spezialisten wirklich nötig sei. Stark umstritten ist jedoch, ob ein Hausarztmodell tatsächlich Einsparungen für die gesetzliche Krankenversicherung bringen kann, wie es sich etwa Sozialministerin Ulla Schmidt erhofft. Sie argumentiert, dass teure und aufwendige Doppeluntersuchungen vermieden werden können und dass manch eine überflüssige Untersuchung ganz unterbleibt.

Kritiker geben jedoch zu bedenken, dass das teure „Doktor-Hopping“ in Deutschland gar nicht so weit verbreitet sei. Die Patienten, die sich gleichzeitig von drei verschiedenen Orthopäden beraten lassen, seien eher die Ausnahme – und manchmal sei es eben auch sinnvoll, sich eine Zweitmeinung einzuholen. Außerdem könnten viele Patienten selbst gut entscheiden, ob und wann sie einen Facharzt konsultieren müssten. Ein zusätzlicher Gang zum Hausarzt könnte die Kosten wieder in die Höhe treiben, wenn der ohnehin nur zum Spezialisten überweist.

Wer am Ende Recht behält, lässt sich schwer sagen. Dafür gibt es in der Praxis zu wenig Erfahrungen mit dem Hausarztmodell. Die wenigen Pilotversuche in einzelnen Regionen brachten keine eindeutigen Ergebnisse. Dass aber nun Bewegung in den Krankenkassenmarkt kommt, freut zumindest Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. „Wir haben dieses Modell immer favorisiert“, ließ sie am Wochenende in Berlin erklären. Durch das Hausarztmodell werde die Qualität der Versorgung besser und die Beiträge könnten effizienter eingesetzt werden. Ursprünglich wollte die SPD-Politikerin eine Praxisgebühr nur für diejenigen einführen, die den Facharzt ohne Überweisung aufsuchen. Die Union machte ihr bei den parteiübergreifenden Verhandlungen zur Gesundheitsreform im vergangenen Sommer einen Strich durch die Rechnung – und setzte die Praxisgebühr für alle Arztbesuche durch. Letztendlich kann sich Schmidt nun vielleicht doch noch mit ihrer Idee durchsetzen. Aber nur, wenn viele Patienten sich tatsächlich für das Hausarztmodell einschreiben.

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