Zeitung Heute : In der Hitze des Tages

Roland Knauer

In Europa wütet die Hitze, Temperaturen von mehr als 40 Grad belasten die Menschen. Erforderte die zunehmende Wärme nicht ein Umdenken bei der Arbeitszeit?

Als in den ersten beiden Augustwochen 2003 eine beispiellose Hitzewelle Frankreich, die Beneluxstaaten und die südwestlichen Regionen Deutschlands in eine Art überdimensionalen Backofen verwandelte, reagierte der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach intern rasch: Er setzte die Kernarbeitszeit für seine Mitarbeiter außer Kraft. So konnte jeder in den frühen Morgenstunden zur Arbeit kommen und an den heißen Nachmittagen Abkühlung in der Freizeit finden.

Der DWD-Bioklimatologe Klaus Bucher liefert die Begründung für diese Maßnahme: Die gefühlte Temperatur erreicht am Nachmittag zwischen 14 und 17 Uhr in unseren Breiten im Sommer die höchsten Werte. Die hohen Celsiusgrade belasten den Organismus vor allem dann besonders stark, wenn die Luftfeuchtigkeit hoch ist, kein Wind weht und man unter Umständen auch noch in der prallen Sonne arbeitet. Im schlimmsten Fall droht ein Hitzschlag.

Bei der Bundeswehr setzen die jeweiligen Vorgesetzten den Leistungsmarsch bei Hitzewellen zum Beispiel auf sechs oder sieben Uhr morgens an, um die Rekruten nicht in der größten Mittagshitze zu schinden.

Bei anstrengenden Bürotätigkeiten sollte man der Hitze ähnlich ausweichen, meint auch Klaus Bucher. Ob allerdings ein Dienstbeginn um vier Uhr morgens besonders sinnvoll ist, bezweifelt der Bioklimatologe. Schließlich sollte man auch ausgeruht zur Arbeit kommen. Bei Hitzewellen aber hat man normalerweise in den frühen Morgenstunden zwischen ein und fünf Uhr den besten Schlaf, weil dann die Temperaturen relativ niedrig sind. Klingelt der Wecker bereits um 2 Uhr 30, fehlt exakt dieser gesunde Schlaf. Klaus Bucher rät daher, man sollte früh, aber nicht zu früh zum Dienst erscheinen. Wer um sieben oder acht Uhr anfängt und bis 14 Uhr arbeitet, vermeidet zumindest die Gluthitze des frühen Nachmittags. Den Rest seiner Arbeitszeit könnte man dann am Abend ab 18 Uhr nachholen, wenn die Temperaturen wieder zu sinken beginnen. Ähnlich machen es die Spanier, die in den heißen Nachmittagsstunden aus gutem Grund eine Siesta einlegen.

In Deutschland haben die Experten immer wieder Versuche unternommen, die Behörden davon zu überzeugen, sich auf die Erfordernisse der Hitze einzustellen. Fast immer sind sie auf taube Ohren gestoßen.

So weit die Theorie, in der Praxis sieht die Geschichte oft anders aus. Ein Notarzt sollte natürlich auch in der Siesta helfen können und Taxis können auch nicht einfach stehen bleiben. Wer nicht ausweichen kann, muss die Hitze möglichst erträglich gestalten, meint DWD-Bioklimatologe Gerd Jendritzky. Im Hitzesommer 2003 gab er täglich bis zu fünfzig Interviews über richtiges Verhalten, an eine Siesta war da nicht zu denken.

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