Zeitung Heute : In der internationalen Datenflut das Richtige und Wichtige finden - neuer Beruf für journalistische Spürnasen

Brigitte Thurn

Weltweit gibt es rund 10 000 kommerziell angebotene Datenbanken mit Wirtschafts- und Finanzinformationen sowie wissenschaftlich-technischen Fachinformationen. Die Suche im World Wide Web ist aber nicht gerade etwas für Jedermann. Im betrieblichen Alltag stellt sie sich oft als extrem zeitaufwendig heraus - vor allem für kleine und mittlere Unternehmen. Deren Informationsbedarf tritt meist spontan auf, aber nur in den seltensten Fällen ist das vorhandene Personal richtig ausgebildet. Für eine effiziente Recherche ist eine spezielle und eigentlich auch eine spezifische Ausbildung im Grunde unverzichtbar. Der akute Informationsbedarf in Wirtschaft und Verwaltung wird deshalb schnell zum Informationsproblem.

Hilfe in der Not versprechen Information-Broker. Der neue Berufstand etabliert sich schon seit einigen Jahren. Laut Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Dokumentation sind bundesweit derzeit rund 200 selbstständige Informationsvermittler tätig. Die Profis beherrschen den Umgang mit Datennetzen, sie kennen das Angebot der On- und Offline-Datenbanken und der konventionellen Datenpools, sie wissen, welche Informationsquelle im Einzelfall die beste Ausbeute verspricht.

Zu den Aufgaben der Wissens-Makler gehört es, aktuelle Daten zum Marktumfang eines Produkts oder einer Dienstleistung, zur Marktentwicklung und zu neuen Trends zu beschaffen, die Patentvergabe zu klären, Firmenprofile zu erarbeiten, technisch-wissenschaftliche Informationen zu analysieren, Fachliteratur zusammenzustellen und gegebenenfalls auch aus einer Fremdsprache erst übersetzen zu lassen.

Ein Info-Broker ist nicht der typische Computerfreak in Turnschuhen. "Natürlich muß man sein Handwerk beherrschen," erläutert Wolfgang Zollner, Ansprechpartner beim Münchner Arbeitskreis Information und Dokumentation, "aber es ist nicht damit getan, die Quellen nach einem Stichwort zu durchsuchen und die Treffer-Sammlung auszudrucken." Die Fakten müssen auch bewertet und in bekömmlicher Form aufbereitet werden. Kunden erwarten nicht nur Rohinformation, sondern konkrete Handlungsempfehlungen. "Zu unserem Job gehört schon mehr als das Surfen im Netz," bestätigt Christian Velten. Der Biotechniker gründete Anfang des Jahres die "Scitari Informationsdienste & Onlinerecherchen" in Staufenberg-Daubringen. "Die Recherche-Ergebnisse hängen stark vom fachlichen Background ab. Wenn ich detaillierte Informationen im Bereich Chemie benötige, kann mir ein Ingenieur wenig helfen."

So wie Velten vermarkten viele Infobroker ihre Fachkompetenz. Andere kommen aus Berufen im Archiv-, Bibliotheks- und Dokumentationswesen. An der hiesigen Humboldt-Universität und in Saarbrücken kann man zum Beispiel zum Informationswissenschaftler promovieren, einige Fachhochschulen qualifizieren zum Diplom-Informationswirt. Aber auch die Grenzen zur Unternehmensberatung sind fließend: Infobroker sind oft Berater und Informationsvermittler in Personalunion.

Freie Informations-Makler arbeiten auf Honorarbasis. Ihre Stundensätze liegen bei bis zu 250 Mark. Die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt, jeder kann sich Informationsbroker nennen. "Unser Geschäft basiert auf Vertrauen," erklärt Velten. "Einige Kunden verlangen erst einmal eine Arbeitsprobe - die sie dann natürlich auch bekommen." Aber eine Garantie für saubere Arbeit in der Zukunft ist diese Selbstauskunft natürlich nicht. Um die Kunden vor schwarzen Schafen zu schützen, hat sich die junge Branche immerhin selbst einen Verhaltens- und Ehrenkodex auferlegt. "Der Kodex garantiert einen gewissen Standard," meint Velten vorsichtig, "das ist sicher ganz sinnvoll in einem Berufszweig ohne feste Parameter."

Die Irritation ist deshalb auch bei all denjenigen groß, die sich für das neue Berufsfeld interessieren. Angehende Info-Broker haben am 20. September in Hamburg die Gelegenheit, sich zu informieren. Die Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis veranstaltet im Rahmen ihrer Jahrestagung ein Seminar zu "Grundlagen der Existenzgründung für Information Broker". Auf dem Programm steht unter anderem, wie man das Dienstleistungsangebot entwickelt, wie die Kostenplanung auszusehen hat, wie hoch der Kapitalbedarf ist, wo man Zuschüsse bekommen kann und wie man für sich wirbt. Wichtige Adressen für alle, die sich über Information-Broking informieren wollen

Deutsche Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis e.V. (DGI), für das Seminar in Hamburg: Renate Brand in Bad Zwischenahn ( 00 44 03 / 6 34 27, Fax: 00 44 03 / 6 53 31), E-mail: inbraform@t-online.de , sonst: Ostbahnhofstr. 13, 60314 Frankfurt am Main 0 69 / 43 03 13, Fax: 0 69 / 4 90 90 96, E-mail: voos@dgd.de



Deutsche Gesellschaft für Dokumentation e.V. (DGD) Geschäftsstelle: Ostbahnhofstr. 13 60314 Frankfurt a.M. Tel.: 0 69 / 43 03 13 Fax: 0 69 / 4 90 90 96, Internet: www.dgd.de/infobroker/infobr.htm .

Ansprechpartner der Arbeitsgruppe "Information Broker" im DGD: Reiner Schwarz-Kaske 0 80 55 / 90 46 96, Fax: 0 80 55 / 90 46 89, E-mail: Schwarz-Kaske@t-online.de.

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