Zeitung Heute : In der Kinderstube der RAF

Sie nannten ihn „Familienbulle“: Der ehemalige BKA-Beamte Alfred Klaus erlebte den Deutschen Herbst vor 25 Jahren aus nächster Nähe

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Von Anne Siemens

Man muss schnell sein, um Alfred Klaus folgen zu können. Auf dem Schreibtisch seiner Hamburger Wohnung breitet der 84-Jährige in dunkelblauem Blazer und mit Seidenschal Papiere aus: Aktenvermerke, ordentlich in Klarsichtfolien sortiert, seitenlange Analysen zur RAF und Kopien von Kassibern, die Teil des heimlichen Informationssystems der Gefangenen in Stuttgart-Stammheim waren. Klaus hat sie entschlüsselt, an den Rand der maschinengeschriebenen Seiten hat er sich Notizen gemacht. Immer wieder zieht er neue Papiere, teils schon vergilbt, aus Aktenordnern heraus, so zügig geht das, dass man gar nicht genug Zeit hat, alles zu begreifen. Und nach und nach liegt so die ganze Geschichte der RAF auf der polierten Tischplatte.

Klaus war Erster Kriminalhauptkommissar des BKA, und gerade in diesen Tagen ist er wieder häufig im Fernsehen zu sehen, erzählt in Talkshows und Dokumentarfilmen, wie das war mit der RAF, wie die Gruppe entstanden ist und wie er als einer der obersten Ermittler den Deutschen Herbst erlebte, der sich nun zum 25. Mal jährt. Klaus zieht eine neue Seite aus den Papierstapeln vor sich. „Hier beschreibe ich die Stellungen der einzelnen Mitglieder“, sagt er. „Gudrun Ensslin habe ich immer als den Motor der RAF gesehen. Sie war bedingungslos in der Verfolgung ihrer Ziele, hat die anderen stets angetrieben. Ulrike Meinhof hingegen habe ich als Stimme der RAF eingestuft. Sie war die Schreiberin, hat die Kommandoerklärungen verfasst.“

Alfred Klaus redet schnell und wortgewandt. Wie einer, der überzeugen will. Er steht auf, um weitere Dokumente zu holen. Rasch geht er durch sein Wohnzimmer, das aussieht wie ein bewohntes Tagebuch. Regale voller Akten und Bücher über Terrorismus füllen die Wände. Und während er da so durchs Zimmer hetzt, wird deutlich: Klaus erzählt nicht nur die Geschichte der Gruppe. Es ist auch seine eigene Lebensgeschichte.

Alfred Klaus bekam 1971 den Auftrag, die „Sonderkommission Terrorismus“ mitaufzubauen und hatte damit einen der schwierigsten Jobs, den das BKA damals zu vergeben hatte. Seine Abteilung sollte die jungen Menschen fassen, die seit der Frankfurter Kaufhausbrandstiftung 1969 die Titelseiten der Zeitungen füllten. Ein gutes Dutzend der RAF-Mitglieder war zwar von der Polizei festgenommen worden, aber Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Andreas Baader – die führenden Köpfe der Gruppe – waren noch auf freiem Fuß. Schon in den 50er Jahren hatte sich Klaus mit politischen Straftaten befasst, auch hatte er gegen die später verbotene KPD ermittelt und sich mit deren ideologischen Hintergründen beschäftigt. „Als ich den Posten antrat, war ich überzeugt davon, dass das BKA bei der Bekämpfung des Terrorismus nur Erfolg haben könnte, wenn man sich in die Denkweise der Täter einfühlt.“ Was von den Terroristen der RAF geschrieben und bei Durchsuchungen gefunden wurde, las der BKA-Beamte. Er studierte auch das Konzept der Stadtguerilla von Carlos Marighella. Damals verstand er als einer der Wenigen, dass der Staat es mit Gegnern zu tun hatte, die einem bis dahin unbekannten Täterprofil entsprachen: Junge Menschen, gebildet, intelligent, größtenteils aus gutem Elternhaus – und voller Hass auf das System. Einige seiner Kollegen warfen Klaus vor, er liefere mit seiner Herangehensweise den Terroristen den Unterbau. „Meine Kollegen sagten immer: Du bist ja der Chefideologe der RAF geworden. Teils war das lustig, teils aber auch verächtlich gemeint“, sagt Klaus. Er versuchte, so viel wie möglich über die Persönlichkeiten der Terroristen zu erfahren. Im April 1971 fuhr er durch ganz Deutschland und besuchte die Familien der Terroristen. Einige Jahre später nannte Ulrike Meinhof ihn deshalb „Familienbulle“. Ein Begriff, den man bis heute mit Klaus verbindet.

Viele der Familien empfingen den BKA-Mann freundlich, „weil ich ehrlich begreifen wollte“, sagt Klaus heute. Oft kam während der Gespräche mit den Familien die Frage auf: Wie konnte es dazu kommen, dass mein Kind Terrorist geworden ist? „Tragische Momente waren das, die auch mir nahe gingen“, sagt der „Familienbulle“. Seine eigene Familie jedoch vernachlässigte er wegen seiner Arbeit. Heute spricht Klaus von Versagen gegenüber seinen Angehörigen, davon, dass er sie seinem Beruf geopfert habe. Rund um die Uhr arbeitete er in der „Sonderkommission Terrorismus“, kam kaum noch nach Hause. Sechs Monate nachdem er den neuen Posten angetreten hatte, trennte sich Alfred Klaus von seiner Frau. „Glücklich war unsere Ehe in den Jahren davor schon nicht mehr. Aber in diesen Monaten war mir klar geworden: Meine Arbeit und meine Familie sind nicht mehr miteinander in Einklang zu bringen.“ Klaus entschied sich für seinen Beruf. Rückblickend würde er den gleichen Weg wieder gehen, sagt er, obwohl er auch Momente erlebe, in denen er sich schuldig fühlt. Der jüngste von Alfred Klaus’ Söhnen starb 1984 im Alter von 27 Jahren an Herzversagen. „Bis heute ist das Gefühl geblieben, nicht genug Zeit mit ihm verbracht zu haben“, sagt er, „verschwinden werden diese Gefühle wohl nie.“

Mit den Familien der Terroristen hingegen führte Alfred Klaus lange Gespräche. Mit Andreas Baaders Mutter und Großmutter unterhielt er sich abends bei einer Flasche Wein. Die Frauen machten sich Vorwürfe, weil „ihr Junge“ Kaufhäuser in Brand steckte und dem Staat den Kampf erklärt hatte. Oft war der BKA-Mann auch der Tröster. „Immer wieder“, sagt Klaus, „fragten mich die Frauen, ob der Junge sich nicht anders entwickelt hätte, wenn er nicht vaterlos aufgewachsen wäre.“ Andreas Baaders Vater war im Krieg gefallen.

Von Astrid Prolls Vater, die zu den Gründungsmitgliedern der RAF gehörte, wurde Klaus mit den Worten begrüßt, „ich habe keine Kinder mehr“. Der Vater war ein angesehener Architekt, erfolgreich. „Er gehörte zu dieser Generation nach dem Krieg, die Gefühle kaum zulassen konnte“, sagt Klaus. „Für ihn zählte der wirtschaftliche Aufbau des Landes, dass er seine Kinder materiell immer gut versorgt und ihnen eine gute Ausbildung ermöglicht hatte. Dass Astrid zur RAF gehörte, war für ihn so wenig verständlich, dass er sie einfach ausschließen wollte aus seinem Leben.“ Während dieses Besuchs übernachtete Alfred Klaus in Astrids altem Kinderzimmer. Nach ihrer Inhaftierung vermittelte er erfolgreich zwischen Vater und Tochter. Bei seinem ersten Besuch, zu Astrid Prolls Geburtstag, begleitete Alfred Klaus den Vater, kaufte mit ihm gemeinsam Geschenke: „Eben das, was man im Gefängnis am Nötigsten braucht, Unterwäsche zum Beispiel.“

Die schwierigste Phase in Alfred Klaus’ Zeit beim BKA war der Deutsche Herbst. Unter den Papieren auf seinem Schreibtisch zieht der ehemalige BKA-Beamte einige Seiten hervor, seinen Vorschlag, wie die Entführung von Hanns-Martin Schleyer beendet werden könnte. „Mir war klar, dass die Regierung einen Austausch der Gefangenen gegen Schleyer niemals ernsthaft in Betracht zog. In dem Krisenstab herrschten schlicht Denkblockaden, dominiert von Helmut Schmidts Haltung, die typisch war für einen ehemaligen Oberleutnant des Zweiten Weltkriegs: kein Nachgeben.“ Baader hatte gegenüber Klaus zehn Tage vor dem 18. Oktober 1977, der zum Todestag der Stammheim-Inhaftierten werden sollte, angedeutet, dass die Gefangenen Selbstmord als letztes Mittel im Kampf gegen den Staat nicht ausschließen würden. Sofern die Regierung zu einem Austausch nicht bereit sei. Alfred Klaus wusste: Ein Selbstmord der Gefangenen wäre das Todesurteil für Schleyer. Denn niemand kannte die Gnadenlosigkeit der Gruppe gegenüber anderen und sich selbst so gut wie er. Der BKA-Beamte entwarf daraufhin seinen Alternativ-Vorschlag, um Schleyer zu retten: Klaus wollte, dass die Gefangenen an den Verhandlungen zwischen RAF und Regierung beteiligt werden. Sein Vorschlag wurde abgelehnt.

Klaus war einer der Letzten, der die Gefangenen in Stammheim lebend sah. Baader begrüßte ihn an diesem Abend mit den Worten: „Eigentlich ist es schon zu spät.“ Jan-Carl Raspe soll in dieser Nacht im Gespräch mit einem Anstaltsgeistlichen geweint haben. Der Vorwurf, nicht – entgegen dem Befehl – mehr getan zu haben, um Schleyer zu retten, begleitet Klaus seit dieser Zeit wie der „Familienbulle“. Er sagt, es sei anstrengend, über all das immer wieder zu sprechen. Dann überlegt er kurz: „Aber diese Geschichte zu erzählen, hält mich auch lebendig.“

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