Zeitung Heute : In der Ladenzone soll kein Passagier angeschnallt sitzen bleiben

Im gesamten Gebäude sind 22 000 Quadratmeter für Geschäfte und Restaurants eingeplant. Zwischen Sicherheitskontrolle und Flugsteigen lockt ein „Marktplatz“ zum Shoppen vor dem Take-Off

Willy Brandt ganz entspannt. Es gibt nur wenige Aufnahmen, die den früheren Bundeskanzler in einem Flugzeug zeigen – im Kontrast zu seinen Amtsnachfolgern. Foto: Ullstein - dpa
Willy Brandt ganz entspannt. Es gibt nur wenige Aufnahmen, die den früheren Bundeskanzler in einem Flugzeug zeigen – im Kontrast...Foto: ullstein bild - dpa(85)

Nicht nur einfach in Schönefeld ankommen oder abfliegen – welcher Fluggast sich das so schlicht vorstellt, hat die Rechnung ohne die Flughafengesellschaft gemacht. Etwas essen oder trinken, ein wenig einkaufen – Möglichkeiten, einige zusätzliche Euro in Berlin zu lassen, werden ausreichend am neuen Großflughafen Berlin Brandenburg bestehen. Zahlreiche Geschäftsleute haben bereits die Möglichkeiten genutzt, ihren Fuß in die Tür des neuen Hauptterminals zu stellen. Die Fristen für die Interessensbekundungsverfahren für Gastronomie, Autovermietung, Duty Free, Einzelhandel und Service sind längst abgelaufen.

Nun ist es ja nicht so, dass Berlinbesucher unter einem Mangel an Geschäften in der Stadt zu leiden hätten. Doch am Flughafen ist es immer noch etwas anderes: Mit dem Kauf von Last-Minute-Souvenirs, dem schnuckeligen Polohemd, der Flasche Riesling, den leckeren Weingummis in der Riesentüte und anderem mehr oder weniger Nützlichem vergehen die Stunden und Minuten bis zum Abflug gefühltermaßen deutlich schneller.

Davon werden etwa 150 Geschäfte profitieren, die unter anderem im Abflugbereich angesiedelt sind. Im gesamten Flughafengebäude sind knapp 22 000 Quadratmeter für Ladenflächen und Restaurants eingeplant. Zwischen Sicherheitskontrolle und den Flugsteigen soll ein „Marktplatz“ entstehen. Dort ist auf etwa 8000 Quadratmetern Platz für 50 Geschäfte und Gastronomie. Unter anderem sind zwei Restaurants mit jeweils hundert Plätzen vorgesehen. Diesen Bereich durchqueren alle Passagiere auf ihrem Weg zum Einstieg. Reisende sollen dazu gebracht werden, am Flughafen durchschnittlich 11,04 Euro pro Person auszugeben, statt wie momentan auch im internationale Vergleich eher magere 6,98 Euro.

Eine Etage höher wird ein sogenannter Food-Court entstehen, eine Restaurantmeile nach amerikanischen Vorbild, wo es Snacks, warme Gerichte und Getränke gibt. Auf der Speisekarte sollen auch regionale Spezialitäten stehen. Wer Currywurst, Döner und Spreewälder Gurken bislang in den Abflughallen von Flughäfen vermisst hat, kann sich am neuen Airport auf diese Weise kulinarisch von Berlin verabschieden. Ins Budget des Flughafens sind die Einnahmen aus der Vermietung fest eingeplant. 47 Prozent der Einnahmen sollen aus dem „Non-Aviation“-Bereich kommen, also aus dem Segment, das Einnahmen aus anderen Quellen als dem direkten Flugbetrieb generiert.

Die Bewerbungsphase für Gastronomie und Geschäfte ist weitgehend abgeschlossen. Für die gastronomischen Einheiten stehen die meisten Mieter bereits fest. Momentan laufen die Auswahlgespräche für den Ladenbereich. Auf jede Geschäftsfläche gebe es etwa drei bis vier Bewerber, heißt es bei der Flughafenleitung. Die Vergabe, die in drei Stufen erfolgt, wickelt ein eigens eingerichtetes Projektbüro ab, das Angebote entgegennimmt und prüft. Es achtet auch auf eine abgewogene Mischung der Angebote der Mieter. Mitte dieses Jahres sollen bereits alle Verkaufsflächen einen Mieter haben.

Damit regionalen Geschäftsleuten bei der europaweiten Ausschreibung eine Chance eingeräumt werden konnte, boten die Industrie- und Handelkammern (IHK) Cottbus und Berlin für ihre Mitglieder spezielle Beratungen an. Burkhard Kühn von der gleichnamigen Unternehmensberatung ist im Auftrag der IHK Berlin mit den Interessenten während der Bewerbungsphase die Geschäftsideen durchgegangen. „Sie mussten beispielsweise beachten, dass der Betrieb am Flughafen besondere Herausforderungen an die Öffnungszeiten stellt“, sagt Burghard Kühn. Wenn eine Maschine Verspätung hat, könne man nicht einfach den Laden dicht machen. Das würde ein schlechtes Licht auf den gesamten Flughafen werfen. Je nach Lage des Geschäfts seien außerdem Fragen der Sicherung gegen Diebstahl und Einbruch zu erwägen.

Eine weitere Herausforderung sind die Fluggastströme. „Die Reisenden wollen in den Restaurants immer schnell bedient werden. Wie kann man das dann beispielsweise mit dem Anspruch an frisch zubereitetes Essen in Einklang bringen?“ Solche Fragen und Denkanstöße von Burghard Kühn haben die Interessenten allerdings nicht abgeschreckt. Alle Bewerber, die in seiner Beratung waren, wollen nach wie vor ihr Geschäftsvorhaben in die Tat umsetzen.

Der größte Mieter im Verkaufsbereich steht bereits fest. Es ist der „Duty-Free“- Riese Gebrüder Heinemann, der auf vielen Flughäfen dieser Welt das Geschäft mit Parfüms, Tabakwaren und mehr abwickelt. Das Unternehmen aus Hamburg hat als „Anker-Mieter“ 30 Prozent der gesamten Verkaufsfläche übernommen. Die Hamburger sind bereits heute in Schönefeld und Tegel sowie mit einem „Zollfrei“-Angebot an Bord vieler Fluggesellschaften präsent. Neben einem 1700 Quadratmeter großen Heinemann Duty Free Shop auf dem Marktplatz im Hauptterminal kommt ein kleinerer Verkaufsbereich im sogenannten Non-Schengen-Bereich, als jenseits von Pass- und Sicherheitskontrollen. Dort wird es auf etwa 1000 Quadratmetern ein besonders hochwertiges Sortiment geben. Außerdem betreibt Heinemann je einen kleinen Shop am Süd- und Nord-Gate und einen besonderen Crewshop für Angestellte des Airports und von Airlines. Im Sommer entscheidet sich, ob Gebrüder Heinemann noch weitere Läden am neuen Flughafen eröffnen wird wie zum Beispiel Boutiquen von Edelmarken wie Hermès oder Bulgari. Solche Geschäfte betreibt die Firma bereits an anderen Flughäfen.

Als Besonderheit wird das Unternehmen eine Verkaufsfläche mit regionalen Produkten und Delikatessen aus der Region Berlin-Brandenburg einrichten. Das mehrfach ausgezeichnete Architektenteam Graft (Berlin) hat die 60-Quadratmeter-Fläche mit gewohnt zackigen Aufstellern, Regalen und Sitzflächen gestaltet. Auch an anderen Standorten lässt Gebrüder Heinemann die Regionalflächen von lokalen Designern und Architekten gestalten.

Etwa 350 Mitarbeiter in Verkauf und Verwaltung, im Management und im Lager will Heinemann am neuen Flughafen beschäftigen, das entspricht nahezu einer Verdoppelung des bisherigen Teams. Außerdem sind zahlreiche Neueinstellungen geplant.

Das „Non-Aviation“-Segment wird für Flughäfen generell immer wichtiger. Die Kosten lassen sich vom Flugbetrieb allein nicht decken. Doch da kann die Berliner Flughafengesellschaft ganz entspannt sein: Das Geschäft floriert. Auf den Flughäfen Schönefeld und Tegel wurden die Verkaufsflächen in den vergangenen drei Jahren bereits verdoppelt. In Schönefeld gibt es mittlerweile 36 Restaurants und Geschäfte. In Tegel sind es gar 63 an der Zahl. Im Jahr 2000 trugen die Dienstleister bereits mit einem Anteil von knapp 20 Prozent zum Gesamtergebnis der Berliner Flughäfen bei. Dieser Beitrag stieg auf 33 Prozent im Jahr 2007 und bis 2012 wollen die Berliner Flughäfen diesen Anteil gar auf stattliche 47 Prozent steigern.

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