Zeitung Heute : In der Mausefalle

Justin Timberlakes neue Platte wird umjubelt, auch Britney Spears und Christina Aguilera sind Weltstars. Alle drei Karrieren begannen im legendären Mickey Mouse Club. Doch was ist aus ihren Mitstreitern von damals geworden?

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Von Ulf Lippitz In den USA gilt der Mickey Mouse Club als Klassiker der Fernsehunterhaltung. Die Kindersendung wurde 1955 zum ersten Mal ausgestrahlt, aber 1959 von Walt Disney abgesetzt. Nach dem Aufstieg von MTV in den 80er Jahren legte der Disney Channel die Show 1989 neu auf. Sie hieß fortan MMC und war ganze sieben Staffeln lang erfolgreich. Man brachte junge Moderatoren auf den Bildschirm, die zwischen Zeichentrickfilmen sangen, tanzten und Sketche spielten. Insgesamt standen bis zur Absetzung der Show 1994 knapp 40 Teenager vor der Kamera, erstmals auch Schwarze und Latinos. Und allein von den sieben so genannten Mouseketeers der ersten beiden Staffeln stiegen drei zu Superstars auf: Justin Timberlake, Britney Spears, Christina Aguilera. Was aus ihnen und ihren vier Weggefährten von damals wurde:

1. TJ FANTINI

Auf dem Zählerstand steht 5956. Er registriert die Besucherzahl auf TJs Webseite www.tjfan.com. Nicht gerade eine beeindruckende Zahl. Fantini macht jetzt Musik, so viel verrät uns die Seite, und auch, dass er ziemlich miese Musik macht. „Get Funky“, heißt ein Lied zum Herunterladen. Darin kämpft TJs dünne Stimme fünf quälende Minuten gegen einen Drum-Computer und eine E-Gitarre an – und verliert.

Sein Plattenvertrag wurde beendet, nachdem sein erstes Album „Classified“ sich verkaufte wie Döner in den Zeiten von Gammelfleisch. Mit Hilfe einer Talentagentur und Club-Konzerten versucht er, wieder Fuß in der Musikindustrie zu fassen. Zwischendurch hat er Parkhäuser gefegt, weil er pleite war.

TJ Fantini hat eine Seite auf myspace.com – so wie eigentlich jeder Musiker, der sich für das nächste große Ding hält. Myspace ist eine Kommunikationsplattform im Internet, auf der man seine Musik vorstellen und Freunde verlinken kann. TJ listet nur alte Mitstreiter aus dem MMC auf – allerdings fehlen Britney Spears und Justin Timberlake. Vor zwei Jahren hat TJ in einem CNN-Interview berichtet, wie sich die beiden Kinderstars das erste Mal geküsst haben: in seinem Haus – beim Flaschendrehen. Vielleicht ist das Verhältnis seither getrübt.

2. TATE LYNCHE

Mit seinen 24 Jahren kann der selbst ernannte „Allround-Unterhalter“ bereits auf zwei abgebrochene Karrieren zurückblicken. Nachdem er nur in zwei Staffeln mitgewirkt hatte, wurde der MMC eingestellt. Dann flog Lynche vor zwei Jahren als Finalist bei „American Pop Idol“ raus, der US-amerikanischen Version von „Deutschland sucht den Superstar“. Marque, so heißt Lynche mit bürgerlichem Namen, sei verbittert, heißt es.

Dabei sah es nach dem Disney-Gastspiel gut für ihn aus. Er tanzte in Broadway-Musicals wie „Fame“ und „Der König der Löwen“ und war Model in Werbefilmen. Ironie des Schicksals: Die Musical-Engagements wurden ihm bei der Casting-Show zum Verhängnis. Die Jury schasste ihn, weil er „zu broadwaymäßig“ auftrete.

Lynche lebt in Jersey City, eine kurze Zugfahrt entfernt von der Glitzerwelt Manhattans, überlegt aber, nach Los Angeles umzuziehen und eine Karriere als Schauspieler zu versuchen. Nicht, dass es ihm schlecht ginge. Er gibt sein Jahreseinkommen mit 47 000 bis 59 000 Euro an. Aber das ist immer noch weniger als bei seinem Vorbild Will Smith. Der schwarze Schauspieler stieg vom Teenie-Liebling zum Superstar auf – und verdient 20 Millionen Dollar für einen Film.

3. LINDSEY ALLEY

Für die 28-jährige Schauspielerin scheint die hektische Welt des MMC heute weit weg – obwohl sie so lange dabei war. Sie stand sechs Jahre vor der Kamera, von der ersten bis zur letzten Klappe. Außer ihr hat das nur Jennifer McGill geschafft. Und wie McGill lebt auch Alley von kleinen Engagements in New Yorker Off-Theatern.

Schon früh trat Lindsey Alley vor die Kameras. Seit dem sechsten Lebensjahr wirkte sie in Fernsehfilmen mit, es waren kleine Rollen, einmal spielte sie 1988 sogar in einem Kinofilm mit. Das Ende des MMC bedeutete für sie einen Neuanfang. Sie studierte Theater an der University of Missouri-Columbia, danach kamen Auftritte in kleinen Theatern. Sie schrieb ein eigenes Theaterstück, „Like It Is“, und im Frühjahr 2006 stand sie mit einer One-Woman-Show auf der Bühne. In „Look Ma’ ... No Ear“ singt und erzählt sie ihre Biografie: vom Kleinstadt-Mädchen in Lakewood, Florida, zum Ex-Mouseketeer in New York.

Lindsey will keine Popsängerin sein. Deshalb hat sie kein Profil auf Myspace, aber eine kleine Homepage. Darauf schildert sie ihre Liebe zu New York und heißem Apfel-Cider. Als herausragende Fähigkeiten listet sie Stückeschreiben, Backen und Nähen auf. Sie entschuldigt sich auffallend oft dafür, nur wenige Einträge zu schreiben. Eine kühne Vermutung: Sie, die das Rampenlicht von allen Mouseketeers schon am längsten kennt, wird sich als Erste daraus zurückziehen.

4. CHRISTINA AGUILERA

Hier kommt der Sex. X-Tina, wie Medien sie liebevoll wegen ihrer VideoClips in Lumpen-Lappen und MiniTogas nennen, hat sich seit dem Ende des MMC als das „Luder von nebenan“ etabliert. In ihrem ersten Hit „Genie In A Bottle“, das war 1999, sang sie darüber, dass sie die ganze Zeit gerieben werden müsse – wie eben die Flasche, aus der ein Geist aufsteigt. Ihre Plattenfirma stilisierte sie zum freizügigen Gegenstück zur damals noch braven Britney Spears.

Christina war das nicht genug. Drei Jahre später erzählte sie in unzähligen Interviews, dass sie erst jetzt ihre Sexualität entdeckt habe. Sie posierte im Lendenschurz, ölverschmiert – so als habe sie gerade ein Tankerunglück überlebt. Sie zwitscherte, wie „schmutzig“ doch ihre Fantasie sei und tanzte schlangengleich um Männergruppen herum – meist nicht weniger als fünf Tänzer pro Auftritt.

Zurzeit mutet die Sängerin ihren Anhängern eine radikale Wende zu. Sie tritt als Diva aus den 30er Jahren auf, nicht züchtig, aber doch bedeckter. Auch die Musik klingt heute stärker nach Soul als nach Hupfdohlen-Pop. Seit November vergangenen Jahres ist sie mit Musik-Manager Jordan Bratman verheiratet. Aus dem Pop-Flittchen ist ein eleganter Weltstar geworden.

5. JUSTIN TIMBERLAKE

Der Hahn im Korb. Jede zweite Frau zwischen 20 und 40 Jahren wünscht sich vermutlich ein Date mit ihm. Schamlos beflügelt Timberlake Frauenträumereien vom richtigen Kerl. Er singt, dass er den Sex zurück in die Musik bringe, lanciert Drogen-Geschichten und zertrümmert auf dem neuen Album-Cover eine Disco-Kugel. Mannomann! Unterdessen turtelt er daheim mit der Schauspielerin Cameron Diaz auf dem Designer-Sofa.

Dabei sollte er sich zuerst mal bei den Deutschen für sein Rockstarleben bedanken. Er war Kopf der Softboyband N’Sync, die ihren ersten Vertrag hierzulande erhielt – und 1995 den ersten Hit landete. Drei Jahre später, nachdem jedes Kaff zwischen Allgäu und Kieler Förde bedudelt war, zündete der Boyband-Boom jenseits des Atlantiks. Timberlake turtelte damals übrigens mit Britney Spears, was beide vertuschten.

Heute macht Timberlake schwarze Musik für weiße Jungs. Er tränkt R&B mit knalligen Disco-Sounds. In dieser Woche erscheint sein neues Album „Future Love/Sex Sounds“. Parallel dazu hat Timberlake sein Image verfeinert: Er ist der neue Michael Jackson – nur ohne Privatzoo und Peter-Pan-Komplex.

6. RYAN GOSLING

In der Sendung war er der Mädchenschwarm. Danach gelang ihm reibungslos der Übergang zum Fernseh- und Filmschauspieler. Der 26-jährige Kanadier spielte seine bisher größte Rolle neben Sandra Bullock in dem mäßigen Thriller „Mord nach Plan“. Im nächsten Jahr sollen vier Filme mit ihm ins Kino kommen. Er ist zwar nicht der nächste Tom Cruise, aber vielleicht der nächste Ryan Philippe, der junge Polizist aus L.A. Crash.

Gosling spielt Jazz-Gitarre, hat bei der kanadischen Band Souldecision im Background-Chor gesungen, zum Glück aber keine Myspace-Seite. Er betreibt das marokkanische Restaurant „Tagine“ in Los Angeles und engagiert sich in der Tierschutz-Organisation PETA. Schon früh bewies er Nächstenliebe: Er erklärte seinen Co-Moderatoren, wie das mit der Biene und der Blüte funktioniert. Als er Jahre später Britney halbnackt mit einer Schlange auf der Bühne sah, fragte er sich: Ist das meine Schuld?

7. BRITNEY SPEARS

Ach, Britney. Die Sterne standen so gut. Die neue Madonna, jauchzten die Medien. So jung, so viele Hits, so viele Zeitungsmeldungen. Jetzt läuft alles aus dem Ruder. Die letzte Platte – ein Fehlschlag. Die Ehe mit Tänzer Kevin Federline – ein Quell ständiger Gerüchte. Ratschlag: Pause machen, keine Nackedei-Fotos mehr, neuen Manager suchen und wieder Poplieder singen. Das kann sie am besten.

Wussten schon 1990, dass Grinsen Voraussetzung für eine Karriere ist:

1. TJ Fantini

2. Tate Lynche

3. Lindsey Alley

4. Christ. Aguilera

5. Just. Timberlake

6. Ryan Gosling

7. Britney Spears

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