Zeitung Heute : In der Mitte gespalten

Erst gilt Prodi als Sieger, dann Berlusconi, dann wieder Prodi: Das Hin und Her in Italien zeigt, wie zerrissen die Nation ist

Paul Kreiner[Rom]

Das Mitte-links-Bündnis um Romano Prodi hat nach einer stundenlange n Zitterpartie die Parlamentswahlen in Italien gewonnen. Warum ist das Ergebnis so knapp ausgefallen?


Es ist Dienstagmittag, als Romano Prodi vor die Presse tritt und sich endgültig zum künftigen Regierungschef Italiens erklärt. „Wir regieren. Wir regieren fünf Jahre lang. Wir können das. Auch wenn’s hart wird“, ruft er. So sicher wirkt Prodi, dass ihn ein Reporter fragt, ob er denn sofort zum Staatspräsidenten gehen werde, um sich seinen Regierungsauftrag abzuholen. „Jetzt gehe ich erst mal in mein Büro“, gibt Prodi zur Antwort.

Zu diesem Zeitpunkt sind noch immer nicht alle Stimmen ausgezählt, knapp einen Tag nach Schließung der Wahllokale ist immer noch unklar, wer die Mehrheit im Senat hat. Das endgültige Ergebnis, das Oppositionsführer Prodi offiziell zum Wahlsieger macht, steht erst am Abend fest. Doch Prodi will nicht warten – und so verkündet er schon Stunden zuvor, dass er und nicht Silvio Berlusconi künftig das Land regieren werden.

Als am Montag um 15 Uhr die Wahllokale schlossen, da ahnte noch niemand, dass es 28 Stunden dauern würde, um alle Stimmen auszuzählen. 28 Stunden, in denen mal Prodi und mal Berlusconi in den Hochrechnungen vorne lagen. „Es sind die schlimmsten Wahlen der Geschichte“, sagt Gabriele Masia, Direktor des Umfrageinstituts Nexus.

Dabei hatte es am Anfang so ausgesehen, als ob die Sache klar wäre: In den ersten Hochrechnungen zeichnete sich eine deutliche Mehrheit für das Mittelinks-Bündnis von Prodi ab. Wahlforscher, Journalisten und Soziologen analysierten bereits wort- und kenntnisreich, warum Prodi seinen Widersacher so klar besiegt habe. Doch dann, später am Abend, liegt plötzlich das Mitte-rechtsBündnis von Berlusconi bei den Senatssitzen vorne. Dieselben Fachleute, die eben noch Prodis eindeutigen Sieg erklärten, sehen sich nun angesichts der neuen Zahlen genötigt, ebenso wort- und kenntnisreich zu erklären, warum Prodi der Verlierer ist.

Die Wahlforscher werden hektisch, weil sich ihre Einschätzungen und die Auszählungsergebnisse eklatant widersprechen. Gegen Mitternacht, neun quälende Stunden nach Schließung der Wahllokale, gibt Nexus-Direktor Masia auf: „Ich weiß nicht, ob ich das nun komisch oder tragisch finden soll. Wir können nicht mehr sagen, wer gewinnen wird.“

Auf dem Platz vor Prodis Hauptquartier werden Zweifel laut: „Es kann doch nicht sein, dass wir neun Stunden nach Wahlende noch kein Ergebnis haben. In einem zivilisierten Land passiert so etwas doch nicht.“ Fragen, die auch in den Fernsehsendungen gestellt werden. Man könne nur Ergebnisse weitergeben, die aus den Wahlkreisen auch einliefen und das tue man zeitgerecht, rechtfertigt sich das Innenministerium. Schließlich habe es 2001 bei den Wahlen, vierzehn Stunden gedauert, bis ein Ergebnis vorlag.

Es ist mittlerweile ein Uhr nachts, als Prodi beschließt, seine Anhänger nicht ohne Beistand zu lassen. Er besteigt den leuchtend gelben Wahltruck und ermuntert die Tausenden zum Ausharren. Zwei Stunden später wird er wiederkommen, mit einer Sektflasche in der Hand, und seinen Sieg ausrufen. Er wird die Augen zusammenkneifen und den Korken knallen lassen. „Wir haben gewonnen“, ruft er. „Der Sieg ist da! Beginnen wir gleich mit der Arbeit! Verändern wir Italien! Bleiben wir vereint, immer vereint!“

Jubel bricht aus, der vom Ergebnis noch längst nicht getragen ist. Mit nur 0,07 Punkten liegt Prodis Bündnis im Abgeordnetenhaus in Führung. Gerade einmal 27 464 Stimmen trennen ihn von der Mitte-rechts-Koalition Berlusconis. Und die liegt zu diesem Zeitpunkt bei den Stimmen für den Senat, der zweiten Parlamentskammer, vorne. Am Morgen titeln Berlusconis Zeitungen: „Prodi tut so, als hätte er gewonnen.“

„Das Land ist gespalten, genau in der Mitte durch, von oben bis unten“, lautet schließlich die hilflose Analyse der Fernsehkommentatoren, die erst Prodi, dann Berlusconi und am Ende keinen zum Sieger erklären. Auch bei den Politikern beider Lager stellt sich mit zunehmender Rede- und Denkerschöpfung so etwas wie eine fatalistische Fröhlichkeit ein: „Nichts zu machen“, heißt es.

Die Wahlforscher suchen nun verschämt nach Gründen für das Debakel. „Die Unentschlossenen, immerhin drei Viertel der Wähler, haben sich erst bei der Stimmabgabe für eine Partei entschieden. Das können unsere Vorabumfragen natürlich nicht abbilden“, lautet die offizielle Verteidigungslinie der Institute. Doch diese Erklärung funktioniert nicht. Denn zwischen den Lagern hat es praktisch keine Wählerwanderung gegeben, sondern nur innerhalb der einzelnen Bündnisse. Das heißt, Prodis und Berlusconis Koalitionen hätten in der Summe die Werte erreichen müssen, die von den Instituten vorhergesagt worden waren. Also, dass Prodi mit drei bis fünf Punkten vor Berlusconi liegen wird. Warum es schließlich nur 0,07 Punkte geworden sind? „Womöglich kennen wir das italienische Volk nicht mehr“, sagt selbstkritisch ein Wahlforscher.

Von Berlusconi ist zu diesem Zeitpunkt noch nichts zu sehen. Erst am Dienstagabend, als vom Innenministerium das Endergebnis bekannt gegeben wird, meldet er sich zu Wort: „Niemand kann sagen, dass er gewonnen habe.“ Seine Partei verlangt eine Neuauszählung, 43 000 der fürs Abgeordnetenhaus abgegebenen Stimmzettel müssten noch einmal überprüft werden. Erst dann „werde ich bereit sein, einen Sieg des politischen Gegners anzuerkennen“, sagt Berlusconi.

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