Zeitung Heute : In der Opferrolle

Ein US-Hersteller glaubt, dass ein populäres Videospiel in Deutschland aus politischen Gründen verboten wird

Benedikt Plass

Am runden Kanzlertisch Anfang der Woche war man sich noch einig und gelobte Besserung: Gewalt in Computerspielen könne für Kinder und Jugendliche nachteilhaft sein und müsse darum eingedämmt werden. Doch die Praxis sieht anders aus: Trotz aller versprochenen Anti-Gewalt-Bestrebungen hat vor allem der US-Videospielehersteller Electronic Arts (EA) größere Schwierigkeiten mit den jüngsten Jugendschutz-Bemühungen. Die deutsche Niederlassung kämpft seit einigen Wochen vor dem Kölner Verwaltungsgericht gegen die Indizierung ihres Erfolgstitels „Command and Conquer: Generals“. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hatte das PC-Programm zwei Wochen nach seiner Veröffentlichung Mitte Februar auf die rote Liste gesetzt – selbst für die schnelllebige Spiele-Industrie ein ungewohnt rigoroser Schritt der Bonner Prüfstelle.

Was der BPjM und Bundesfamilienministerin Renate Schmidt bei „Generals“ zu weit ging, war der beißende Zynismus des Spiels, der die aktuelle weltpolitische Lage überzogen karikiert habe. Das fiktive Szenario nebst beklemmend realer Rahmenhandlung, in dem man den Terror bekämpfen, aber auch selbst ausüben kann, war den Prüfern zu nah an der Realität. EA-Geschäftsführer Jens Uwe Intat über die BPjM-Begründung: „Es darf nicht sein, dass ein Spiel aufgrund seines zynischen Inhaltes indiziert wird. Es mag schließlich auch nicht jeder ein Satiremagazin wie Titanic. Wir wollen mit der Klage ein Zeichen setzen, gegen die Art und Weise, wie die Indizierung abgelaufen ist.“ Intat wirft der BPjM vor, den Schnell-Stopp von „Generals“ aus politischen Motivationen eingeleitet zu haben: „Ohne den drohenden Irak-Krieg wäre das doch niemals so abgelaufen. Das Urteil ist weder für sich genommen, noch im Vergleich zu anderen Produkten nachzuvollziehen. Wir sind als Tochter eines US-Unternehmens ein Opfer der deutschen Kriegspolitik geworden.“ Außer in China und in Deutschland kann man Generals nach wie vor überall auf der Welt kaufen.

Seit Erfurt am Pranger

Computerspiele und Jugendschutz führen in Deutschland eine reichlich dissonante Beziehung. Seit dem Amoklauf von Erfurt im April 2002 steht das digitale Unterhaltungsmedium mehr denn je im Blickpunkt von Jugendschützern und Medienpädagogen: Der damals 19-jährige Täter Robert Steinhäuser war begeisterter Anhänger des 3D-Shooters „Counter-Strike“; schnell hatte die Presse einen Sündenbock für das Massaker gefunden. Die BPjM entschied sich jedoch überraschenderweise gegen eine Indizierung.

Die deutschen Computerspiele-Anbieter haben aus dem Medienaufruhr nach Erfurt gelernt – und bemühen sich mehr denn je um Aufklärung und Austausch. So waren Gewaltdarstellung in den Medien und Jugendschutz auch die zentralen Themen beim runden Tisch „Medien gegen Gewalt“, der am Montag im Bundeskanzleramt tagte. Vertreter von Bund, Ländern und Medien trafen sich mit Gerhard Schröder, um über erreichte Ziele und künftige Aufgaben zu diskutieren. Letztere sehen Konsolen-Veteran Nintendo und Branchen-Riese Electronic Arts („Die Sims“) vor allem in der Verbesserung der Medienkompetenz von Eltern und Kindern. „Schlussendlich sind doch die Eltern mit daran schuld, wenn ihr Kind ungestört blutige Ballergames konsumiert“, so EA-Geschäftsführer Intat.

Nintendo und EA kündigten auf dem Treffen an, Informationsbroschüren für Kinder und Jugendliche an rund 4500 Verkaufsstellen verteilen zu wollen. Das Schriftstück enthält Hinweise zum neuen Jugendschutzgesetz vom 1. April, Erläuterungen zur besonderen Rolle und Verantwortung von Familie und Erziehung, eine Darstellung der Alterskennzeichnungen der Unterhaltungssoftware-Selbstkontrolle (USK, siehe Kasten) sowie eine Tabelle mit Einstufungen aller Nintendo-Produkte.

Dass Computerspiele mit Gewaltinhalten das Seelenleben der Jugend negativ beeinflussen könnten, scheint man in den USA von vorneherein auszuschließen. Diese These bestätigte jüngst eine erfolgreiche Klage des Software-Verbandes IDSA (Interactive Digital Software Association) im US-Bundesstaat Missouri. Dort hatte die Stadt St. Louis vor zwei Jahren entschieden, Vertriebsbeschränkungen für Gewalt darstellende Computer- und Videospiele einführen zu wollen. Ein Bundesgericht in St. Louis gab der IDSA jedoch Recht und setzte die entsprechende Vertriebsordnung wieder außer Kraft. Begründung: Computerspiele fielen unter das „First Amendment“, den Artikel über freie Meinungsäußerung sowie Presse- und Religionsfreiheit; ein Verbot der Abgabe von gewalttätigen Daddel-Inhalten an Minderjährige sei deshalb verfassungswidrig, so das Gericht.

Die IDSA fühlt sich von diesem Erfolg angespornt: Man plant nun, ein weiteres Verbot im Staat Washington gerichtlich anzufechten. IDSA-Präsident Doug Lowenstein: „Die Entscheidung des Gerichts untermauert deutlich unsere Position: Digitale Spiele sind gesellschaftlich auf einer Stufe mit Kunst, Film oder Literatur angekommen.“

Anders in Deutschland: EA-Mann Intat ärgert an der BPjM-Entscheidung vor allem, dass „Generals“ nach dem neuen Jugendschutzgesetz gar nicht hätte indiziert werden dürfen. Darin steht: Spiele, die von der USK mit einer Altersfreigabe von 16 Jahren zugelassen werden, können nachträglich nicht mehr auf dem Index landen. Da die USK „Generals“ mit einer 16er-Freigabe versehen hatte, glaubt Intat fest an einen Erfolg der EA-Klage: „Selbst wenn der Prozess noch über ein Jahr dauern könnte und uns wirtschaftlich wenig dienlich ist, wollen wir zumindest einen moralischen Sieg erringen. Und das werden wir auch.“

Mehr zum Thema:

www.bundespruefstelle.de

www.idsa.com

www.usk.de

www.vud.de

www.zavatar.de

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