Zeitung Heute : In der Schönhauser braut sich was zusammen

Der Tagesspiegel

Von Ingo Bach

Prenzlauer Berg. Das Kesselhaus in der Kulturbrauerei ist pleite. Der Betreiber des Veranstaltungsortes, Dag Zippel, hat nach Tagesspiegel-Informationen beim Amtsgericht Charlottenburg Insolvenz beantragt. Mit der Zahlungsunfähigkeit des Kesselhauses ist auch das Sanierungskonzept der Geschäftsführerin der Kulturbrauerei, Karin Baumert, gefährdet, denn ihr Plan, bis zum Ende des Jahres den fünfstelligen Schuldenbetrag des sozio-kulturellen Projektes abzutragen, basiert zu einem wesentlichen Teil auf den Mietzahlungen des Kesselhauses.

Von den Projekten in der Kulturbrauerei ist das Kesselhaus das einzige Unternehmen, das Gewinn macht – beziehungsweise dies bis Ende des vergangenen Jahres tat. Denn seit November 2001 ging es mit dem Kesselhaus bergab. Wie berichtet, versuchte die neu berufene Geschäftsführerin der Kulturbrauerei, die ehemalige Baustadträtin von Mitte, Karin Baumert, Zippel aus dem Pachtvertrag für das Kesselhaus zu drängen. Offizielle Begründung: Mietschulden des Pächters. Doch darüber hinaus ging es Baumert auch um den direkten Zugriff auf das Kesselhaus, das mit seinen Veranstaltungen gute Gewinne einfuhr. Damit will sie die Schulden, die im letzten Jahr auf 900 000 Mark (460 000 Euro) angewachsen waren, abbauen. Vor wenigen Wochen hatte sich Baumert endgültig durchgesetzt: der Pachtvertrag läuft zum 1. Mai aus. Danach will die Geschäftsführerin das Kesselhaus in eigener Regie weiterführen.

Doch in Baumerts Sanierungskonzept spielt die Pacht, die vom Kesselhaus bis zum 1. Mai noch gezahlt werden muss, eine große Rolle. Zippel hat die Miete für Februar noch nicht gezahlt und nach der Insolvenz wird er auch für März und April keine oder nur eine verringerte Pacht zahlen können. „Wenn Zippel die Miete von 7450 Euro monatlich für die drei Monate nicht aufbringen kann, gerät der Zeitplan in Schwierigkeiten“, sagt Baumert. Bis Ende 2002 sollen die Schulden getilgt sein, hofft Baumert. Von den 460 000 Euro seien jetzt noch etwa 72 000 Euro übrig, plus der ausstehenden – aber schon wesentlich heruntergehandelten – Betriebskosten, die Baumert nun durch die Erhöhung der Betriebskostenanteils bei den Mietern hereinholen will. Die Kulturbrauerei wird vom Senat mit jährlich 255 000 Euro Projektfördermittel unterstützt – und soll auch weiterhin gefördert werden. Die Schuld für die finanziell verfahrene Situation trage Baumert selbst, sagt Zippel. Mit ihrer Kampagne gegen ihn – unter anderem warf sie dem Kesselhaus-Betreiber eine schlechte Zahlungsmoral und eine übertriebene Kommerzialität vor –, habe sie das Kesselhaus systematisch in die schlechten Schlagzeilen und damit in den Ruin getrieben.

„Die schlechte Presse ließ immer mehr Veranstalter abspringen.“ Inzwischen habe die gesamte Kulturbrauerei ein echtes Image-Problem. „Wenn man jetzt irgendwelche Veranstalter anspricht, winken die gleich ab“, sagt Zippel. „Seit Januar sind Vorgespräche mit rund zwanzig Veranstaltern geplatzt.“ Bis Ende April läuft zwar das bereits vereinbarte Programm weiter, doch weil keine neuen Kunden dazukommen, hat das Kesselhaus jetzt eine Auslastung von nur knapp 50 Prozent. Im letzten Jahr lag sie bei über achtzig Prozent. Im Schnitt zwei Mal im Monat vermietete Zippel das Kesselhaus an Firmen, die dort ihre Jahrestreffen oder Promotionveranstaltungen durchführten – damit hat das Kesselhaus richtig Geld gemacht und auch Nichtkommerzveranstaltungen finanziert, sagt Zippel. Zum Beweis zeigt er seinen Veranstaltungskalender seit September 2001: Lesungen, Tanzveranstaltungen der Jüdischen Gemeinde, Podiumsdiskussionen – aber auch jede Menge Rockkonzerte und Partys. „Bis November haben wir schwarze Zahlen geschrieben.“

Bis die Geschäftsführerin der Kulturbrauerei dahin kommt, wird es ein weiter Weg, meint Zippel. „Die Kulturbrauerei an der Schönhauser Allee ist bei Veranstaltern nicht mehr sehr beliebt.“ Er bezweifelt, dass Karin Baumert überhaupt Veranstalter anlocken kann. „Sie hat kein Konzept, keine Mitarbeiter, die von dem Geschäft Ahnung haben und auch keine Kontakte zur Szene.“ Solche Beziehungen aufzubauen, dauere Jahre. „Wer da bei null anfangen muss, wird große Probleme haben, überhaupt jemanden zu finden.“

Hinzu kommt die knappe Vorbereitungszeit. Partys oder Konzerte haben lange Vorbereitungszeiten. Ein halbes Jahr zwischen Vertragsabschluss und Veranstaltung sind keine Seltenheit. Doch für die Zeit nach Dag Zippel gibt es noch kein Programm für das Kesselhaus. Die Gefahr, dass das Kesselhaus – und damit die Sanierung der Kulturbrauerei – ab Mai in ein großes Loch fällt, sei groß, sagen Insider. Baumert gibt zu, dass man mit dem Rücken zur Wand stehe. Von einem eigenen Programm ist keine Rede mehr. „Wir brauchen jetzt Mieter, Mieter, Mieter für das Kesselhaus!“ Jede Anfrage sei willkommen. „NPD-Veranstaltungen wird es natürlich nicht geben. Aber sonst haben wir nicht die große Wahl.“

Auch Zippel kommt aus der Pleite nicht schadlos heraus. Zum einen hat er jetzt Schulden, zum anderen einen beschädigten Ruf. Aufgeben aber will er nicht. „Ich habe mich um mehrere Veranstaltungsorte beworben und mache weiter.“

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