Zeitung Heute : In der Spur

Deutschlands Sorgenkind auf dem Weg zum Exportschlager: die Lkw-Maut

Eva Sittig

Ein Rückschlag folgte dem nächsten. Trotzdem: Seit Januar 2005 ist die Lkw-Maut auf Deutschlands Straßen in Betrieb. Jetzt soll sie für den Auslandseinsatz fit gemacht werden. Gehört der Image-Wandel in der Politik schon zum Tagesgeschäft ist er bei Telematik-Systemen eher ungewöhnlich. Und beim krisengewohnten Lkw-Maut-System von Toll Collect hätte wohl niemand ein neues, besseres Image erwartet. Doch seit dem offiziellen Start im Januar 2005 läuft das System. Laut Betreiber sogar so zuverlässig, dass europäische Nachbarländer wie auch asiatische Staaten und selbst die USA interessiert nach dem deutschen Maut-System schielen.

„Das deutsche Mautsystem wird über kurz oder lang ein Exportschlager in ganz Europa“, prognostizierte Toll Collect-Geschäftsführer Christoph Bellmer schon Ende letzten Jahres. Den optimistischen Ausblick setzte T-System direkt in unternehmerische Tat um und gründete im Januar 2006 die Satellic Traffic Management GmbH (Satellic). Die Firma gestaltet den Aufbau und Betrieb elektronischer Mautsysteme mit Satellitentechnologie. Sie soll das Toll Collect-System auf die Bedürfnisse anderer Länder zuschneiden. Gerade die Satelliten-Technologie macht das System so interessant für den Export. Denn im Vergleich zur Mikrowellentechnik wie sie in Österreich für ein bestehendes und ein nur geringfügig verändertes Straßensystem verwendet wird, ist die Ortung per Satellit flexibel einsetzbar. Sie lässt sich zu jedem Zeitpunkt auf andere Verkehrsteilnehmer, etwa Pkw, und auf andere Teile des Straßennetzes ausweiten. Zum Beispiel, wenn neue Autobahnen gebaut werden - was gerade im großen Stil in China passiert, oder wenn neben Autobahnen auch andere Straßen mautpflichtig werden. In Großbritannien etwa plant man künftig alle Straßen mit einer Mautpflicht zu belegen.

Ein weiteres Export-Argument ist das flexible Abrechnungssystem. Die Preise lassen sich jederzeit ändern. Neue Gebührenklassen können eingeführt und abhängig von der Tageszeit unterschiedliche Preise auf den gleichen Strecken erhoben werden.

Gründe für das breite Anwendungs-Spektrum sind nicht nur die satellitengestützte Ortung, sondern auch die modulare Struktur des Systems. Die einzelnen Module können an die Ansprüche der ausländischen Kunden angepasst werden, etwa Ortung per Satelliten, Datenübertragung via Mobilfunk auf ein Festnetz und flexibles Abrechnungssystem. Verbindendes Element ist die „On Board-Unit“, im Fachjargon kurz „OBU“ genannt, ein Fahrzeuggerät, auf dem eine spezielle Software installiert ist.

Die Software kennt dank der GPS-Satelliten-Technik die Position des Fahrzeugs. Erreicht der Wagen eine mautpflichtige Strecke, so sendet das Fahrzeuggerät eine SMS über das GSM-Handy-Netz an Toll Collect. Jetzt läuft der Maut-Zähler in der OBU. Verlässt das Fahrzeug die Mautstrecke, wird erneut eine SMS an die Zentrale geschickt. Sie übermittelt zugleich die Kosten der aktuell zurückgelegten Fahrt.

„Allerdings werden die Maut-Kosten mit der aktuell laufenden Technik nicht exakt erhoben“, kritisiert Karlheinz Schmidt, Geschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung. „Neben der mangelnden Präzision der Satellitentechnik – zum Beispiel kann das System unmittelbar parallel verlaufende Straßen noch nicht unterscheiden – liegt das vor allem an dem nicht funktionierenden Kontrollsystem“, so Schmidt. „Im Mai 2005 haben wir 145 Fahrten mit Lkw durchgeführt, die keine Mauterfassung an Bord hatten, um das Kontrollsystem zu prüfen. Nur fünf dieser Test-Mautpreller wurden erwischt.“ Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch stern TV im Februar 2006: Fünf Lkw legten 2200 Kilometer auf deutschen Autobahnen zurück. In keinem Fall wurde die Maut ordnungsgemäß erhoben. „Das Kontrollsystem ist nicht glaubhaft“, erklärt Schmidt, „und ohne ein glaubhaftes Kontrollsystem ist die Maut auch nicht exportfähig.“

Dabei sind es gerade die hohen technischen Ansprüche des Toll Collect-Systems, die im Ausland großes Interesse hervorrufen. Satellic zufolge haben unter anderem Großbritannien, Schweden, China und Russland Interesse an der satellitengestützten deutschen Mauttechnologie gezeigt. Auch Cornelia Wels-Maug, Analystin bei dem unabhängigen Beratungsunternehmen OVUM, prognostiziert dieser Technologie ein globales Wachstumspotenzial: Der weltweite Umsatz für Anwendungen der Satellitentechnologie werde bis zum Jahr 2020 auf 250 Milliarden Euro steigen. Um in diesen Markt einzusteigen, wollen Satellic und Toll Collect das deutsche Lkw-Maut-System mit dem Image einer hochentwickelten und zuverlässigen Technologie ausstatten.

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