Zeitung Heute : In der Tiefe des Ballungsraums

Eine Farbe, eine Religion: Königsblau. Der FC Schalke 04 kann heute deutscher Fußballmeister werden – erstmals seit 49 Jahren, in der spannendsten Saison seit langem. Doch die Mannschaft spielt beim Erzfeind in Dortmund. Sie kann dort alles gewinnen oder wieder einmal alles verlieren

Sven Goldmann[Dortm] Gelsenkirchen

Norbert Dickel hat einen schweren taktischen Fehler begangen, er hat sein Handy auf dem Schreibtisch liegen lassen. Sein Knie schmerzt, da tun auch die drei Schritte, von der Sitzgruppe zum Tisch, ziemlich weh. Dickels Handy ist in den vergangenen Tagen im Dauergebrauch, es ist zu einer Art Notfalltelefon für die deutsche Fußballprominenz geworden.

Zwei Spieltage noch in der Fußball- Bundesliga, es ist eng an der Spitze der Tabelle, drei Mannschaften können Meister werden. Und jetzt kommen die Schalker nach Dortmund, der Tabellenführer, der ewige Rivale. Das Duell polarisiert, schon immer. Aber so brisant wie an diesem Samstag war es lange nicht. Schalke kann den Titel gewinnen, zum ersten Mal seit 49 Jahren. Oder ihn verspielen. Selbst ein Unentschieden könnte zu wenig sein. Für die Fans des Siegers, sollte es einen geben, ist ein größerer Triumpf schwer vorstellbar. Es versteht sich von selbst, dass das Stadion seit geraumer Zeit ausverkauft ist. Das gilt eigentlich auch für die besseren Plätze. Deswegen soll Dickel helfen.

„Wollen wir doch mal sehen, wer es jetzt ist“, sagt Dickel und inspiziert die Anzeige seines Telefons. „Ja schau mal da, der Andy Möller!“ Andreas Möller, Weltmeister von 1990 unter anderem, Fußball-Nationalspieler im Ruhestand, hat für beide Clubs gespielt, für Borussia Dortmund und Schalke 04. Für ihn wird wohl noch eine Karte abfallen.

Auch Dickel war selbst mal Spieler in Dortmund, daher die Knieprobleme. Inzwischen leitet er die Abteilung Event- Marketing im Verein, außerdem ist er Stadionsprecher. Er weiß: Wenn jeder eine Karte bekommen hätte, der eine wollte, dann müsste das Spiel im Maracana stattfinden, dem größten Fußballstadion der Welt, 200 000 Menschen passen rein. Aber Rio de Janeiro ist weit weg, und natürlich ginge das auch sonst nicht.

So werden 82 000 ins Dortmunder Stadion kommen, das größte Deutschlands.

40 Kilometer sind es von Gelsenkirchen nach Dortmund. 25 Minuten auf der A 40, 34 Minuten mit der S-Bahn.

Dortmund gegen Schalke, Schwarz- Gelb gegen Königsblau, das war schon immer mehr als ein Fußballspiel. Vor ein paar Wochen sah es sogar noch so aus, als gehe es für beide Seiten um alles. Dortmund stand am Abgrund, auf dem Weg, aus der Liga abzusteigen.

Doch dann gewann Dortmund ein Spiel nach dem anderen, und nach dem Sieg am vergangenen Wochenende ist der Abstieg auch theoretisch nicht mehr möglich. Die Reaktion der Spieler nach dem Match war bemerkenswert. Sie drehten eine kurze Jubelrunde und dann sagte der Brasilianer Dedé: „Jetzt kommt das wichtigste Spiel der Saison!“ Schalke.

Bayern München hat mehr Titel. Werder Bremen, der eine Meisterschaftskonkurrent, spielt schöner und dem VfB Stuttgart, dem anderen, gehört die Sympathie des Außenseiters. Doch das Herz des deutschen Fußballs schlägt im Ruhrgebiet. Ginge es nach dem Verstand, die Fans aus Dortmund und Gelsenkirchen hätten sich vor Jahren schon angewidert abgewendet von lustlosen Millionären in kurzen Hosen und gewissenlosen Finanz-Hasardeuren. Doch Schalke und Borussia sind mehr als Vereine, sie stehen für ein Lebensgefühl, das keiner erklären kann. Religion. Ist eben so.

Einmal Schalke, immer Schalke, sagt Peter Lohmeyer. Man leidet, man verzeiht. Lohmeyer ist Schauspieler. Im „Wunder von Bern“ hat er einen traumatisierten Kriegsheimkehrer gespielt, der durch die Liebe zum Fußball den Weg zurück zur Familie findet. Seitdem gilt er als Experte für alles Menschelnde rund um dieses Spiel. Lohmeyer war entsetzt, als er von der Partnerschaft seines Klubs mit dem russischen Energiekonzern Gasprom hörte. Aber Schalker Fan, sagt er, würde er auch dann noch bleiben, wenn Wladimir Putin den Vorstandsvorsitz übernähme.

Lohmeyer kommt aus Hagen. Hagen liegt viel näher an Dortmund als an Gelsenkirchen, war aber schon immer eine Schalker Hochburg.

Warum ausgerechnet Schalke?

„Das sucht man sich nicht aus, man wird hineingeboren. Ich hatte das Glück, dass mein Freund um die Ecke Schalke-Fan war.“ Im Stadion trägt Lohmeyer gern selbst gemachte T-Shirts. Für die entscheidende Phase der Meisterschaft hat er eins gemalt, auf dem steht: „Wir wolln’s nicht gegönnt haben, wir ham’s uns verdient!“

Die letzten Tage vor einem Derby sind immer die schönsten, sagt Dickel. Wenn das Kribbeln beginnt, wenn die Leute schwarz-gelbe Fahnen aus den Fenstern hängen. Früher, als er noch selbst gespielt hat, sagt Dickel, „bin ich vor solchen Spielen immer dreißigmal aufs Klo gerannt“. Er wird bald 46, das Haar ist ergraut, die Hüften sind fülliger geworden. Die Nervosität ist geblieben.

Norbert Dickel ist der einzige Stadionsprecher in Deutschland, der schon mal zwei Tore in einem deutschen Pokalfinale geschossen hat. 1989 war das, 4 : 1 gegen Werder Bremen in Berlin, sechs Wochen nach einer schweren Knieoperation. Er hat Schäden davongetragen. Arthrose. Dickel hatte zu früh wieder angefangen. Aber wer sagt schon nein, wenn ein Finale ansteht und die Borussia ruft. Die Dortmunder Fans haben das nicht vergessen. Jene auf der berühmten Südtribüne haben Dickel zur Melodie von „Flipper“ ein Lied gewidmet: „Wir singen Norbert, Norbert, Norbert Dickel, jeder kennt ihn, den Held von Berlin!“

Lohmeyer ist genauso alt wie Dickel, aber besser in Form. Kein Gramm Fett, mindestens einmal in der Woche spielt er Fußball. Das Ruhrgebiet hat er längst verlassen, er lebt mit seiner Familie in Hamburg. Nur nicht in diesen Tagen. An den Wochenenden geht jetzt Schalke vor. „Ich hatte gedacht, mit dem Alter lässt das nach“, sagt Lohmeyer. „Aber es wird immer schlimmer.“ Vor ein paar Monaten hat ihm Mirko Slomka, der Schalker Trainer, ein Trikot versprochen, als sie miteinander telefonierten. „Peter, jetzt musst du aber auch immer kommen, egal, was mit der Familie ist!“, hat Slomka gesagt. Seitdem kommt Lohmeyer immer. So einfach ist das.

Vor einer Woche ist er nach der Verleihung des Deutschen Filmpreises in aller Frühe mit der Bahn von Berlin nach Gelsenkirchen gereist, um das Heimspiel gegen Nürnberg zu sehen. An ihm wird es nicht liegen, wenn noch etwas schiefgeht. Dieses Mal nicht.

Peter Lohmeyer hat nicht vergessen, was vor sechs Jahren geschah. Wie auch? Kein Schalker Fan hat es vergessen.

Letzter Spieltag, Schalke muss daheim gegen Unterhaching gewinnen und der FC Bayern München zeitgleich in Hamburg verlieren. Lohmeyer ist mit der Tochter nach Korsika gefahren, er will der nervlichen Spannung ausweichen, er hat sich dann doch ein Transistorradio besorgt. „Auf meinem Schoß saß Sabine Töpperwien“, die Radioreporterin vom WDR, sagt Lohmeyer. „Meiner Tochter habe ich ein Eis gekauft, damit sie nicht nervt.“ Ein Ehepaar kommt vorbei, aus Bayern, ausgerechnet, gemeinsam haben sie das Spiel verfolgt. Und dann. „Dann war ich Meister.“ Allerdings nur ein paar Minuten lang. Das Spiel in Schalke ist aus, Hamburg tut den Schalkern einen großen Gefallen. So scheint es. Bis die Bayern in der Nachspielzeit doch noch ein Tor schießen. Und Lohmeyer hat „Sand gefressen. Auf dem Rückweg vom Strand hat meine Tochter mir noch das Auto vollgekotzt“.

So weit darf es diesmal nicht kommen. Lohmeyer fährt nach Dortmund. Obwohl, Dortmund darf er eigentlich nicht sagen, Schalker sagen Lüdenscheid-Nord oder die verbotene Stadt. Fan-Folklore.

„Also, ein schönes Stadion haben sie schon“, sagt Lohmeyer. Sein Klub hat dafür die moderne Arena auf Schalke, die gar nicht im Stadtteil Schalke liegt, sondern in Gelsenkirchen-Erle. Schalker Fußball-Puristen tun sich schwer mit dem technischen Schnickschnack, dem ausziehbaren Rasen und dem komplett verschließbaren Dach. Die Wurzeln des Clubs liegen woanders, rund um die Glückauf-Kampfbahn, wo Schalke bis 1973 spielte. Die alten Steintraversen dort sind längst zurückgebaut, nur die Haupttribüne steht noch, Reminiszenz an die späten 30er und frühen 40er Jahren, als in Gelsenkirchen so viel Kohle gefördert wurde wie nirgends sonst in Europa und Schalkes Fußballspieler in Deutschland als unschlagbar galten. Heute sind die Schalker Zechen stillgelegt, es gibt kaum noch Laufkundschaft, die sich im Vereinsheim neben dem alten Stadion trifft. Es gibt dort vor dem Spiel in Dortmund nur ein Thema. Meisterschaft.

Wie viele Einwohner haben wir jetzt?

280 000.

Nee, 260 000. Aber von denen kommen 200 000 zur Meisterfeier. Und dann noch das halbe Sauerland.

Zweifel unerwünscht. Angeblich plant die Stadtverwaltung einen Triumphzug von der Arena bis zum Musiktheater im Revier, kurz „Mir“. Der gewaltige Bau am Kennedyplatz ist nach dem FC Schalke 04 die zweite Attraktion, die Gelsenkirchen zu bieten hat. „Ein grandioses Theater und der beste Beweis dafür, dass die Kultur im Ruhrgebiet lebt“, sagt der Schauspieler Lohmeyer. Das „Mir“ ist weltweit bekannt wegen der riesigen Reliefs, mit denen der Franzose Yves Klein das Foyer ausstattete. 1958 war das. Im Jahr der bislang letzten Schalker Meisterschaft. Als Farbe verwendete Klein, natürlich, Blau. Nur nicht das Schalker Königsblau, sondern das etwas dunklere Ultramarin. Seitdem wetteifern Kunst und Fußball, welches das wahre Gelsenkirchener Blau sei. Die Fußballer könnten jetzt Argumente für das Königsblau liefern.

13 000 Fans werden in die verbotene Stadt kommen. Ein paar haben einen Abstecher zum Borsigplatz angekündigt. Der Platz ist für Dortmund, was der Schalker Markt für Gelsenkirchen ist.

Urplatz der Fußballfans.

„Aber da ist jetzt nur noch was los, wenn wir Meister werden oder den Europapokal gewinnen“, sagt Norbert Dickel. Auf Bänken auf dem Platz sitzen Männer und Frauen, um die herum sich Bierflaschen stapeln. Die Bessergestellten gehen ins „Big Boss“, die Fußballkneipe mit den gehäkelten Wimpeln und schwarz-gelben Aufklebern auf der Theke. Ein Mann mit blauem Pullover kommt herein. „Ach herrje, unser Schalker, na, haste schon Angst vor Samstag?“, fragt die Wirtin. Sie spricht mit hartem polnischen Akzent, was ein wenig an die Zwanzigerjahre erinnert, als Bergleute aus Oberschlesien ins Ruhrgebiet strömten. Der Mann sagt, er habe eine Karte für das Spiel. „Halte ich für Gerücht, hast du doch kein Geld für“, sagt die Wirtin. Der Mann zieht eine Karte aus der Brieftasche, Südtribüne, wo die härtesten der harten Dortmunder Fans stehen.

„Da willst du hin? Mit blaues Trikot?“

Der Mann trinkt ein Bier und verlässt das „Big Boss“ mit der Bemerkung, er müsse sich ausruhen für die Meisterparty am Samstag.

Ein paar Schalker Spieler haben für den Fall eines vorzeitigen Titelgewinns angekündigt, zu Fuß zurück nach Gelsenkirchen zu laufen. „Lass die mal erzählen, die werden schön mit dem Bus fahren“, sagt Norbert Dickel. Wenn man ein bisschen nachhakt, gibt er zu, dass ihm eigentlich egal ist, wer Meister wird. Nur dürfe er das nicht so laut sagen. Dortmund gegen Schalke, das ist das letzte bisschen Folklore, das der Kommerzbranche Fußball geblieben ist. „Wir brauchen diese Rivalität, auch wenn sie immer künstlicher wird“, sagt Dickel.

Liebe wird es aber auch nicht mehr werden. Es gab mal einen Versuch, 1997, als das Ruhrgebiet Europa beherrschte. Schalke gewann den Uefa-Cup, Dortmund die Champions League, und die Fans beider Mannschaften riefen „Ruhrpott! Ruhrpott!“ Es war eine Art kollektive Glückseligkeit, wie sie die Berliner nach dem Fall der Mauer erlebt haben. Dieser Zustand hat ein paar Tage angehalten.

Als der Rausch des Seitensprungs vorüber war, haben beide Seiten schnell wieder auseinandergefunden. Geblieben ist die Erkenntnis, dass es doch ganz schön ist, einen Lieblingsfeind zu haben. Peter Lohmeyer sagt: „Um ehrlich zu sein, bin ich ganz froh, dass die nicht mehr absteigen können. Stell dir mal vor, wir werden Meister und schießen die in die zweite Liga. Da kannst du doch gar nicht richtig feiern.“

Und wenn es für Schalke heute schiefgeht? Zieht er zum letzten Spiel gegen Bielefeld wieder ein selbst bemaltes Hemd an: „Nix ist scheißer wie Platz zwei!“

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