Zeitung Heute : In der Vergangenheit schaudern

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Der Künstlerfreund war im Urlaub. Der Rentner musste den Jour fixe allein verbringen. Aus Spaziergängen vergangener West-Berliner Zeiten fiel ihm ein: Es gab im Grunewald einen „Selbstmörderfriedhof“. Der Rentner fuhr zum Schmetterlingsplatz nahe dem S-Bahnhof Grunewald, schnallte seine Langlauf-Skier (da lag noch Schnee, man kann aber auch zu Fuß gehen) an und begann, den Friedhof zu suchen. Links vorbei an einer renaturierten Kiesgrube. Der Teufelssee lag rechts, das frühere Schullandheim am Postfenn tauchte auf. (Das gehört nun auch zur West-Berliner Zeit. Der Senat hat es inzwischen verkauft. Man kann ja ins Umland fahren! ) Er war ganz woanders als gedacht, also irgendwie zurück!

Aber dann fand er den kleinen Friedhof mitten im Wald doch noch: Eine Mauer umschließt ihn, ein überdachter Rundbogen bildet den Eingang. Die Gräber waren tief verschneit. „Selbstmörderfriedhof“, das hat doch eigentlich etwas Unheilvolles: Da liegen diese Unglücklichen nun fern der Menschen vor der Stadt. Der Schnee gab jedoch den Grabsteinen und Hügeln, den Tannen und Lebensbäumen ein sentimentales, weihnachtliches Aussehen.

Russisch-orthodoxe Holzkreuze tragen Inschriften in Kyrillisch und die Jahreszahl 1918. Wahrscheinlich Kriegsgefangene. Grabsteine hinter Reihen von Holzkreuzen beziehen sich alle auf die letzten Tage des 2.Weltkrieges. Wie alt die Toten gewesen sind? Noch in den letzten Tagen der Kämpfe hatte die SS in Zehlendorf „Volkssturm“ ausgehoben. Ein Vater eines Jugendfreundes ist dabei umgekommen. Der Rentner kratzte einen Stein frei: „Unbekannt 1945“, an anderer Stelle „Unbekannter Soldat 1945“. Keine Selbstmörder also. Auch „Papa“ und „Mutti“ liegen hier; der Königliche Schlossverwalter Wilhelm Hintze, „ein treuer Diener der Hohenzollern“. Der Rentner packte eine Stulle aus, da schrillte das Handy, eine SMS: „Blick über den grauen Bodden, Schwäne, Enten, ganze Nacht hat’s geschneit. Kap Arkona ! Und Du?“ Der Künstlerfreund hat die Zeit genau abgepasst. Dem Rentner wärmt es das Herz. SMS zurück: „Selbstmörderfriedhof.“

Vom Schmetterlingsplatz am S-Bhf. Grunewald Richtung Schildhorn bis zu einem Wegweiser: „Zum Friedhof“, ca. 3,5 km.

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