Zeitung Heute : In der Verlängerung

Zehn Zentimeter mehr im Oberschenkel, zehn im Unterschenkel. Der härteste Eingriff im Bereich der plastischen Chirurgie, sagt der Arzt. Der Weg ins Glück, sagt einer, der wachsen will

Marco Lauer[Lebach]

Bald wird sein Blick auf die Welt ein anderer sein. Wird er einige Millionen Männer überholen. Unter sich lassen.

Leo war 1,67 Meter. Er ist in der letzten Wachstumsphase. Vor gut drei Monaten war die Operation. 1,74 Meter ist er schon. 1,77 Meter wird er werden. Er hätte Lust, mal wieder was zu trinken. Aber er muss Schmerztabletten nehmen. Weil die Spannung in den Beinen am stärksten ist, wenn man liegt. Und weil „alles ab dem fünften Zentimeter Wachstum exponentiell härter wird“. Weil der Körper sich auflehnt gegen seine Veränderung.

Man trifft Leo irgendwo in Deutschland. Nicht Ort, nicht voller Name sollen in der Zeitung stehen. Einzig das Alter darf erwähnt werden: 29. Ein junger Mann mit schmalem Gesicht. Sein Körper ist trainiert und sehr schlank. „Alle dort sind klein und dünn“, sagt Leo. „Das Abnehmen hat man ja selbst in der Hand.“ Die Größe nicht. Dort aber, wo alle klein und dünn sind, nimmt jemand die Größe in die Hand.

Professor Augustin Betz, 58 Jahre alt, 1,79 Meter groß, sanfte Augen, Unfallchirurg, Vater dreier kleiner Kinder, beherrscht es, Menschen größer zu machen, in dem er ihre Beine verlängert. Bis zu zehn Zentimeter am Oberschenkel und bis zu zehn Zentimeter, wer noch nicht genug hat, am Unterschenkel. Er macht damit die Menschen glücklicher. „Das Leben ist anstrengender, wenn man klein ist“, sagt Betz in seinem Betz Institute. „Vor allem für Männer.“

Mehr als 300 Menschen schon hat Betz „aus rein kosmetischen Gründen“ operiert, seit er 1997, nach 20 Jahren als Unfallchirurg, damit begann, Beine auseinanderzuziehen statt wieder zusammenzufügen. Wobei es im Grunde ja eher psychologische Gründe seien, sagt Betz. „Und mit meinem Skalpell kann ich seelische Probleme vielleicht manchmal besser lösen als ein Psychologe.“ Zwei Operationen jede Woche und Erreichbarkeit rund um die Uhr, er gibt allen operierten Patienten seine private Handynummer. „Weil die Zeit nach der OP nicht einfach ist.“

Der sehnliche Wunsch nach mehr Größe nähert sich für viele zum ersten Mal der Wirklichkeit in den bescheidenen Räumen des Betz Institute. Ein winziges Gebäude mit einer Fassade aus Waschbeton. Der zur Praxis umgebaute Kiosk des Kreiskrankenhauses am Rande der 14 000-Einwohner-Stadt Lebach, tief im Saarland.

Im Besprechungszimmer liegen auf dem Boden kleine, quadratische Podeste. Verschieden hoch. „4 cm“ steht auf einem. 6, 8,10 auf den anderen. Am Ende des Vorgesprächs zur OP bittet Betz die Patienten, sich auf eines der Podeste zu stellen. Sie sollen sehen, wie es sich tatsächlich anfühlen könnte danach.

Leo hat sich auf das zehn Zentimeter hohe Podest gestellt.

Zuvor aber hat ihn Betz darauf vorbereitet, dass der Weg dorthin kein Spaziergang wird. Wobei er seine Sätze immer mit diesem singenden saarländischen Dialekt umwickelt. So dass das Gesagte meist nicht mehr so schlimm klingt. Eher wie gesprochenes Schulterklopfen. Trotzdem braucht eine große Unerschrockenheit, wer hört, was auf ihn zukommt, und sich dennoch nicht dagegen entscheidet.

Drei bis vier Stunden dauert in der Regel die Operation für beide Oberschenkel, die häufigere Variante. Nachdem die Patienten in Vollnarkose versetzt sind, schneidet Betz mit dem Skalpell ein kleines Loch in den hinteren Teil der Hüfte. Bohrt mit „Eröffnungswerkzeug“ ein weiteres am Knochen entlang, tief hinunter bis zu der Stelle, an der er ihn durchtrennen will. Schiebt dann eine winzige Spezialsäge mit langem Schaft durch das Loch und zersägt den Knochen. Wodurch ein Bruch an jedem Bein simuliert wird. Was in etwa den Folgen eines Verkehrsunfalls gleichkommt. Nur ohne Blutverlust und ohne Schäden von Haut und Gewebe, weil alles im Inneren des Beines geschieht. Statt den Knochen so schnell wie möglich wieder zusammenwachsen zu lassen wie sonst, wird an der Bruchstelle ein Nagel eingesetzt, der genau das Gegenteil bewirkt: den Knochen auseinanderzieht. „Teleskopnagel“ heißt er im Prospekt des Betz Institute. Weil er sich nach der Operation wie ein Teleskop ausfahren lässt. Um täglich höchstens einen Millimeter. Und um maximal zehn Zentimeter insgesamt. Die nach 100 Tagen etwa erreicht werden.

100 Tage, von denen die ersten nur unter starken Schmerzmitteln erträglich sind. Und die folgenden kaum leichter werden. Viel liegen. Drei Stunden Krankengymnastik täglich. Mindestens. Wenig gehen. Und nur auf Krücken. Weil anfangs allein der Nagel trägt. Nur langsam wächst dann frische Knochensubstanz in die Lücke. Bis der Knochen sich ganz auf die neue Länge eingestellt hat, vollständig miteinander verwachsen ist, der Nagel in einer zweiten Operation endgültig entfernt werden kann, vergehen eineinhalb bis zwei Jahre. Danach erst ist es möglich, sich für weitere zehn Zentimeter in einem zweiten Schritt Waden- und Schienbeinknochen brechen und strecken zu lassen.

Die Beinverlängerung sei der härteste Eingriff im Bereich der plastischen Chirurgie, sagt Betz.

Es gibt Kritik an seinem Tun. Solle er lieber Menschen helfen, die wirklich Hilfe bräuchten. Nicht denen, die sonst offenbar keine Sorgen hätten. Die so sprächen, seien Leute, sagt Betz, ruhig und mit sonorer Stimme, die sich ein schnelles Urteil bilden über Probleme, von denen sie keine Ahnung haben. Die nicht wüssten, dass einige von denen, die zu ihm kamen, sich mit dem Gedanken trugen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Nicht jeder von ihnen sei so verzweifelt, alle aber eine der eine Wunsch: größer zu sein, als die Natur ihnen zugemessen hat.

„Ein Mann muss einfach groß sein“, sagt Leo. Wenn man klein ist als Frau, sei das vielleicht nicht so angenehm. Aber eine Frau könne klein sein und sei trotzdem begehrenswert. Weil sie einen Beschützerinstinkt auslöse. Ein Mann dagegen müsse beschützen. Deswegen sei bei Männern Größe viel entscheidender. „Das war schon immer so“, sagt Leo, sonst werde er nicht für voll genommen. Wie viele machten sich lustig über Sarkozy oder Berlusconi? Obwohl die es sogar weit nach oben geschafft hätten.

Nur 0,5 Prozent aller Männer in Deutschland, den USA und dem restlichen Mitteleuropa, besagt eine neue Statistik, sind unter 1,60 Meter groß. Elf Prozent zwischen 1,60 und 1,69 Meter. 19 Prozent zwischen 1,70 und 1,75 Meter und mehr als zwei Drittel größer als 1,75 Meter. Betz’ männliche Patienten sind zwischen 1,57 Meter und 1,76 Meter. Sie müssen fast immer hochschauen. Umgekehrt wird auf sie herabgeblickt. Sie sehen eine Beinverlängerung als Investition in die Zukunft: 40 000 Euro kostet die Streckung der Oberschenkel. Noch einmal so viel die der Unterschenkel. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung hat errechnet, dass jeder zusätzliche Zentimeter an Körpergröße durchschnittlich 0,6 Prozent mehr Bruttolohn mit sich bringt. US-Studien belegen, dass Frauen Männer bevorzugen, die mindestens fünf Zentimeter größer sind als sie selbst. Dass kleinere Männer länger Single bleiben, später Vater werden und aus Mangel an Gelegenheit treuer sind. Psychologen sagen, weil kleinere Männer um alles mehr kämpfen müssten, fehle ihnen eine gewisse Selbstverständlichkeit.

Leo sagt „Verzeihung“, bevor er bei der Bedienung etwas bestellt, und er redet eloquent. Unter seinen Freunden gebe er durchaus den Takt vor. „Wenn etwas ist, rufen sie zuerst mich an.“ Obwohl sie ihn um 20 Zentimeter oder mehr überragten. Bei denen ist seine Größe kein Thema, dann aber wieder hörte er, wie andere in der Disco fragten: „Ist der Kurze auch dabei?“, und brach innerlich zusammen. „Weil man etwas hört über sich, dass man nicht ändern kann.“

Solange er Teenager war, sagt Leo, machte es ihm nicht viel aus, dass er kleiner war als die meisten. Wäre es ihm nicht mal sonderlich aufgefallen, hätte man ihn nicht in der Schule öfter einen Zwerg genannt. „Wahrscheinlich habe ich unterbewusst geglaubt, dass ich noch wachse.“ Dann wurde die Größe immer öfter Thema für ihn. Auf Bildern schaute, bei Gesprächen hörte er genauer hin. Filterte für sich heraus, wenn er den Mädchen beim Schwärmen zuhörte, dass irgendwann irgendwie fast immer das Wort „groß“ fiel. Im Alltag verglich er häufiger seine Größe und fiel oft durch bei sich selbst. „Irgendwann wurde mir bewusst“, sagt er, „dass ich klein bin.“ Und dass er nicht mehr wachsen wird. „Das war beschissen.“

Weil er sich innerlich groß und selbstbewusst fühlte, fiel es ihm immer schwerer, sein Äußeres hinzunehmen. Als stecke er in einem falschen Körper. Zwar habe er sich gesagt, dass es Wichtigeres gebe, als groß zu sein oder zumindest nicht klein. Sein Äußeres aber färbte immer dunkler ab auf sein Inneres. Vor allem die Wochenenden wurden schlimmer für ihn. Wenn es rausging, unter Menschen. Dann war es für ihn immer ein bisschen, als ob er in die Schlacht ziehen müsse.

Vor dem Spiegel richtete er sich, mischte Gel in sein Haar, gefiel sich ganz gut am Ende. Seine Freundin schlüpfte in die Schuhe mit den Absätzen, „weil ich das mag wie jeder Mann“. Wenn sie dann leicht in die Knie gehen musste, um ihn zu küssen, „war der Abend für mich wieder gelaufen“. Die Freundin habe nie ein Problem gehabt mit seiner Größe. Riet ihm ab, als er ihr von dem Arzt im Saarland erzählte. Er sei verrückt, sagte sie. Aber wenn es ihn wieder glücklich mache, dann solle er es tun. Er sagte: unbedingt. Und er ist froh, den Schritt gemacht zu haben.

„Die Schmerzen gehen vorbei“, sagt Leo, „größer bleibt man ein Leben lang.“

Früher hat er wie besessen Geld gespart für seinen Traumwagen, ein Mercedes Sportcoupé. „Der steckt jetzt hier drin“, sagt er, versucht ein Lachen und klopft mit den Händen auf seine Oberschenkel. Im Auto fühlte sich Leo seit langem schon am wohlsten. Oder im Restaurant. Dort, wo er sitzen kann.

Außer seine Eltern und die Freundin hat Leo niemanden eingeweiht. Das machen die meisten so. Wer zu Professor Betz geht, hat davor schon eine Strategie im Kopf, wie er es verheimlichen will. Ein Widerspruch aus Scham: Niemand soll es merken, und doch sollen alle die Veränderung sehen.

Viele sagen, sie hätten einen schweren Unfall gehabt. Andere gehen auf erfundene Weltreise. Meist jene, die sich schon vorsorglich von ihrem Partner getrennt haben. Weil der es nicht versteht. Oder weil es keine Zeugen mehr geben soll dafür, dass sie mal klein waren.

Ihren Job kündigen viele Patienten, weil sie nicht ein paar Monate Urlaub bekommen, ohne den wahren Grund preisgeben zu müssen. Nur jene, die schon eine hart erarbeitete Karriere gemacht haben und sie nicht aufgeben wollen, quälen sich nach wenigen Wochen zurück in die Firma. Wachsen vor ihren Kollegen. Leo kündigte seinen Job als Maschinenbauingenieur. Erzählte allen von einem Verkehrsunfall. Tauchte ab. War nur noch telefonisch zu erreichen.

Dass sein näheres Umfeld es bemerken wird, wenn er, zehn Zentimeter gewachsen, wieder auftaucht, glaubt er nicht. Er sei mit 1,77 Meter dann ja noch immer nicht gerade groß. Und da die meisten nicht davon wüssten, dass es so etwas gebe, würde es auch keiner glauben. Das sagte ihm Professor Betz schon beim Vorgespräch: „Der Mensch denkt, was nicht sein kann, gibt es nicht.“

Zwei Tage nach der OP schon fühlte Leo sich wie befreit. Fühlte seelisch die zehn Zentimeter schon voraus. „Ein Gefühl wie ein Lottogewinn“, sagt er, schaut auf seine Beine und streicht mit den Händen darüber. Was ihm die Kraft gebe, durch die schwierige Zeit zu kommen, durch die er gerade auf Krücken geht. In ein paar Wochen, „wenn ich ausgewachsen bin“, will er sich erst mal belohnen, indem er seinen Personalausweis korrigieren lässt.

„Die Menschen, die bei mir waren“, sagt Professor Betz, „gewöhnen sich recht schnell an ihre neue Größe.“ Das laufe unterbewusst ab. „Einer, der auf 1,77 oder 1,82 Meter hochkommt, fühlt sich nach einer Weile so, als ob er ganz natürlich so groß wäre.“ Viele seiner Patienten wollten später nichts mehr zu tun haben mit der Zeit der Verlängerung. Sie am liebsten auslöschen.

So sieht es auch Leo. „Es fängt ein neues Leben an für mich.“ Er und das Glück, endlich auf Augenhöhe.

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