Zeitung Heute : In der Villa des Sammlers

Ulrich Traub

"Die Schweiz hat keinen Louvre, sie ist einer." Was recht großspurig in der Werbung daherkommt, hat seine Berechtigung. Auf einer Reise durch die Nordschweiz wartet die größte Sammlung impressionistischer Malerei außerhalb von Paris auf die Kunstfreunde. Die reichen Schätze, die kunstsinnige Industrielle in Basel, Baden, Zürich und Winterthur in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts zusammengetragen haben, sind von ihren Nachfahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden. Die Bilder von Degas und Manet, von Pissarro und Sisley gingen aber nicht nur als Schenkungen an die Kunstmuseen in diesen Städten. Der größte Teil der Sammlungen blieb am angestammten Ort: im privaten Ambiente der Villen der Mäzene. In den Landhäusern im englischen oder französischen Stil dürfen die Meisterwerke im exklusiven Rahmen bestaunt werden.

Wie ein ungebetener Gast mag sich der Besucher der 1846 erbauten Villa Flora in Winterthur oder der Villa Langmatt in Baden fühlen. Es wirkt, als sei die Sammlerfamilie nur mal kurz ausgeflogen. Porzellan und Silber stehen in Vitrinen griffbereit, die Bibliothek reizt zu Studien, auf dem Klavier liegen Notenblätter und in den einladenden Polstern würde man es sich gern bequem machen. Nie ist die Kunst - wie im klassischen Museum - allein. Sie wird stets begleitet von einem Inventar, das den Geschmack einer Zeit widerspiegelt.

Die Sammlungen wuchsen schnell. Damit die Bilder auch im rechten Licht erstrahlen konnten, ließen die Sammler ihre Villen um Oberlichtgalerien erweitern, die die wichtigsten Werke aufnahmen. Der Industrielle Emil Georg Bührle überließ seiner üppigen Sammlung sogar ein ganzes Haus auf seinem Grundstück in Zürich in Sichtweite des Sees. Wie Oskar Reinhart, dessen 200 Werke in seiner Villa "Am Römerholz" auf einem Hügel über Winterthur gezeigt werden, legte auch Hedy Hahnloser-Bühler in der Flora besonderen Wert darauf, das Umfeld der Bilder gestalterisch aufzuwerten. Was hier modern geriet, prunkte dort klassisch. Es kam auch schon mal vor, dass die betuchten Kunstfreunde etwas Dekoratives bei den französischen Künstlern in Auftrag gaben.

Ergriffene Betrachter, die sich zögernden Schrittes über knarzende Holzböden den Meisterwerken nähern, Kunstfreunde, die sich beim Personal für das Gesehene bedanken und Stammgäste, die mit Namen an der Tür begrüßt werden: Die Museen in den Sammlervillen haben ein Publikum, das die besondere Nähe zu den Kunstwerken zu schätzen weiß. Die Renoir-Reproduktion, die in der Sammlung Bührle für 960 Schweizer Franken angeboten wurde, dürfte denn auch schnell einen Käufer gefunden haben.

Es sind die vielen herausragenden Werke der Impressionisten und ihrer Nachfolger von der Künstlergruppe Nabis, Bonnard, Vuillard und Vallotton, die vor allem in der erst seit 1995 dem Publikum zugänglichen Flora zu sehen sind, die das Publikum in die Villen locken. Doch einige Sammler wollten mehr. Ein kunsthistorischer Kontext sollte hergestellt werden. So findet man "Am Römerholz" und in der Sammlung Bührle Werke von Cranach und Holbein, El Greco und Goya, Frans Hals und Rembrandt, Canaletto und Tiepolo, Lorrain und Poussin bis hin zu Seurat, Signac, Matisse und Picasso.

In der Villa Langmatt überrascht neben venezianischen Stadtveduten und Landschaften von Camille Corot die Asiatica-Sammlung des Sammlerpaares Sidney und Jenny Brown-Sulzer. Außerdem ist ein hundert Jahre altes Badezimmer zu bestaunen. Der Pioniergeist der normalerweise eher der deutschen Kultur verbundenen Sammler aus der Nordschweiz ermöglicht dem heutigen Besucher kleine Weltfluchten. Anstatt dräuender Historienschinken, die sonst die Salons jener Zeit füllten, wird er mit den anziehenden Naturbeschreibungen der Impressionisten konfrontiert: Gegenentwürfe zur Realität unserer Tage.

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