Zeitung Heute : In der Vorhölle

Im Inferno Bagdad sterben jeden Tag 50 Menschen, in Basra ist es vergleichsweise ruhig: zehn Todesopfer pro Woche

Birgit Svensson[Basra]

Für sie ist es eine Reise ins Paradies, drei Tage lang nur, am liebsten würde sie für immer dorthin zurückkehren. Sie sitzt im Flugzeug auf dem Weg nach Basra, wo sie einst lebte, mit Bagdad im Rücken, wo sie seit den 80er Jahren ist, Maschda, 52 Jahre alt, Lehrerin, ist auf Verwandtenbesuch. Sie schaut aus dem Flugzeugfenster, unten ist eine weite Marschlandschaft zu sehen. Der Zusammenfluss von Euphrat und Tigris nördlich von Basra hat diese Sümpfe geschaffen. Von Saddam Hussein trockengelegt, um den gegen ihn rebellierenden Schiiten eine Rückzugsmöglichkeit, ein Versteck zu nehmen, ist das Gebiet nach seinem Sturz wieder geflutet worden. 75 Prozent der Fläche stünden wieder unter Wasser, besagen die Angaben des Bagdader Wasserministeriums. Maschda ist Schiitin.

Von 1980 bis 1988 war der Irak im Krieg mit dem Iran, der erste Golfkrieg. „Wir wohnten direkt am Fluss“, sagt Maschda, „am Schatt al-Arab, da wurde jeder Meter blutig umkämpft.“ Also zog die Familie weg, nach Bagdad, wo es ruhiger war. Heute ist es umgekehrt.

In Basra gibt es mindestens 13 Stunden Strom am Tag, während die Einwohner von Bagdad oft tagelang keinen haben. Es gibt genügend Wasser, wenn auch von schlechter Qualität. In Bagdad dagegen tropft der Wasserhahn in einigen Stadtvierteln nur noch leise vor sich hin. Es gibt keine Ausgangssperre in Basra, die über zwei Millionen Einwohner gehen wie selbstverständlich auf die Straße, bevölkern die Märkte und die Restaurants, selbst in der Dunkelheit. In der Hauptstadt fressen die Sperrstunden immer mehr vom Tag. Von abends acht Uhr bis morgens um sechs und freitags zusätzlich von elf Uhr bis drei am Nachmittag darf sich kein Fahrzeug auf den Straßen Bagdads blicken lassen, nicht einmal ein Fahrrad.

In Bagdad greift die Zerstörung immer mehr um sich, in Basra wird aufgebaut, wenn auch verhalten. Der Neubau der medizinischen Fakultät der Universität soll im nächsten Frühjahr fertig sein, ein großes Hotel entsteht und einige Wohnhäuser. Basra und Bagdad liegen 550 Kilometer voneinander entfernt.

Maschdas Töchter wollen in Bagdad bleiben und Maschda bei ihnen. Die eine ist Ärztin dort, im Yarmouk-Krankenhaus, wohin täglich die Dutzenden Opfer von Bombenanschlägen und blutigen Auseinandersetzungen, Schiiten und Sunniten, gebracht werden – die Angehörigen der verfeindeten islamischen Glaubensrichtungen. Sie will da nicht weg. Die andere Tochter ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Bagdad-Universität. Und das ist ein Platz, an dem das Unheil nicht nur zu sehen ist, dort findet es auch regelmäßig statt. Immer wieder werden Professoren und Dozenten ermordet. Maschda sagt, ihre Tochter habe schon über 50 Kollegen verloren.

„Ja, es ist ruhiger in Basra“, sagt Maschda, „aber Ausländer sind auch hier in Gefahr.“ Einige wurden gekidnappt, andere erschossen. Vor allem Journalisten geraten ins Visier der mittlerweile 18 rivalisierenden Schiitenmilizen im Süden Iraks. Im vergangenen Herbst wurde ein britischer Reporter zusammen mit seinem irakischen Übersetzer erschossen, als er Basra auf der Straße Richtung Norden verlassen wollte.

Frauen, die nach Basra gehen, sollten einen Hijab tragen, einen Schleier, rät Maschda. Handzettel, die in den Stadtvierteln verteilt würden, riefen die Frauen dazu auf. Sie erwähnt die Mobilfunkfirma MTC, die ins Fadenkreuz der Islamisten geriet, als sie telefonierende Frauen ohne Hijab auf Werbeplakaten abbildete. Die Plakate wurden niedergerissen. Jetzt lächelt eine junge Verschleierte die Bewohner von Basra an.

Die Verfasser dieser Anordnungen vermutet Maschda bei der Mahdi-Armee, die praktisch die ganze Stadt kontrolliere. Die Miliz des Schittenführers Moktada al-Sadr, die er 2003 nach der Invasion der Koalitionstruppen ins Leben rief, hat auch in Bagdad großen Einfluss. Dort untersteht ihr vor allem Sadr-City, ein Armenviertel im Nordosten. Moktada al-Sadr und seine Anhänger machen keinen Hehl aus ihrer Absicht, im Irak einen fundamentalistischen Staat errichten zu wollen. Die Anschläge in Basra gehen mehrheitlich auf das Konto der Mahdi-Armee oder der mit ihr rivalisierenden Milizen. „Passen Sie auf sich auf“, gibt Maschda mit auf den Weg, „die machen keinen Unterschied zwischen Amerikanern, Briten und dem Rest der westlichen Welt.“ Dann verabschiedet sie sich und setzt sich in ein gelbes Taxi.

Ein paar Stunden später, im Zentrum der Stadt, wartet ein Mann vor den Toren des grauen Betongebäudes, das die Industrie- und Handelskammer beherbergt. Er heißt Abdelkadr, ist 44 Jahre alt und ebenfalls aus Bagdad, Elektroingenieur und seit Monaten arbeitslos. Dabei gäbe es genug Arbeit. Seit dem Einmarsch der multinationalen Truppen in den Irak vor vier Jahren herrscht in der Hauptstadt Strommangel, doch wann immer eine Leitung repariert, ein Mast wieder aufgestellt oder die Relaisstation in Betrieb genommen ist, wird alles wieder kaputt gemacht; Techniker werden bedroht oder gar ermordet. Ein sunnitischer Handwerker geht derzeit nicht in einen schiitischen Bezirk und umgekehrt. Abdelkadr ist skeptisch, wie es ihm als Sunnit im schiitischen Basra ergeht, ob er eine Arbeit findet.

Abdelkadr geht ins Haus, im Vorzimmer des Handelskammer-Vorsitzenden empfängt ihn dessen Sekretärin Nivin. „Die Schiiten sind in Basra weitgehend unter sich. Angehörige einer Minderheit müssen hier ungeheuer stark sein“, sagt sie. Die schmächtige Frau mit den schwarzbraunen Augen trägt weder Schleier noch Kopftuch. Abdelkadr fühlt, dass zwischen den beiden eine gewisse Allianz entsteht, die anderswo im Irak undenkbar wäre. Nivin ist Christin.

Früher habe sie bei den Amerikanern als Übersetzerin im ehemaligen Regierungspalast Saddam Husseins gearbeitet, sagt sie, dann bei den Briten. Doch das sei zu gefährlich geworden. Die Mahdi-Armee bedroht alle, die für die „Besatzer“ tätig sind, mit dem Tod. In Bagdad arbeitet der politische Zweig der Sadristen, wie die Anhänger al-Sadrs genannt werden, in einer Koalition mit acht schiitischen Parteien zusammen, aus deren Reihen die von den USA gestützte Regierung hervorgeht. Sechs der Minister im Kabinett waren Anhänger des Chefs der Mahdi-Armee. Sie haben inzwischen die Regierung verlassen und eine politische Krise hervorgerufen.

Nivin ist froh, eine Stelle bei der Handelskammer gefunden zu haben. Die Mehrzahl ihrer Familienangehörigen sind aus dem Irak ausgereist: ein Bruder, zwei Schwestern und die Eltern. „Aber wir können doch nicht alle gehen. Wir sind doch hier geboren, haben seit Jahrtausenden hier gelebt. Wenn wir jetzt nachgeben, müssen wir immer mehr Konzessionen machen“, sagt sie. Und im Flüsterton fährt sie fort: „Womöglich nötigen sie uns Christen dann noch, zum Islam überzutreten.“ Die wenigen Alkoholläden jedenfalls, die es noch vor zwei Jahren in Basra gab, sind inzwischen verschwunden. Brandbomben haben die Geschäfte verwüstet, oder die Besitzer haben rechtzeitig aufgegeben. Lizenzen zum Verkauf von Alkohol werden im Irak traditionell an Christen vergeben.

Was man stattdessen in den Geschäften und auf den Märkten der Stadt sieht, sind Lebensmittel, Obst und Gemüse, Milch und Ziegenkäse, Fleisch und Fisch, Gewürze, Hauspantoffeln, Lampen und Ventilatoren. Viele dieser Waren kommen aus dem Iran.

Nivins Chef, der Vorsitzende der Handelskammer, sagt: „Wir wollen aus dem Schatten des Iran heraustreten.“ Er heißt Qassim Ali Al-Saaidy und bietet Tee und Mokka an. Der Anteil der Importe aus Kuwait halte sich aber inzwischen schon die Waage mit denen aus dem Iran. „Hochpreisige Markenartikel kommen alle aus Kuwait.“ Al-Saaidy hätte auch gern Geschäftsbeziehungen mit anderen, westlichen Ländern. „Aber von dort kommt keiner“, sagt er. Die Briten seien zwar militärisch präsent, „aber Geschäfte machen die hier nicht“. Amerikaner seien nur im Ölgeschäft aktiv und die Deutschen, die zu Zeiten Saddam Husseins so regen Handel mit dem Irak betrieben hätten, seien seit seinem Sturz nicht mehr gesehen worden.

Die Handelswege von und nach Iran hingegen waren schnell erschlossen, lange Zeit blieben die Grenzen unbewacht, da irakische Armee und Polizei von den Amerikanern über Nacht aufgelöst wurden. An der Nahtstelle am Schatt al-Arab war es am einfachsten. Von der Uferstraße in Basra kann man den Iran schon sehen.

Wieder etwas später, auch im Stadtzentrum. Ein Treffen mit einem Journalisten, dem Programmdirektor eines Radiosenders, im Hotel. Er mochte sich nicht in seinem Rundfunkstudio verabreden, das sei zu gefährlich. „Westler bringen auch uns in Gefahr.“

Er heißt Waad al-Sibah. Angesprochen auf den Einfluss des Nachbarn Iran, sagt er: „Sichtbar sind die Iraner nicht, aber der Iran ist hier überall.“

„Tausende und Abertausende irakischer Schiiten sind in den Iran geflohen“, fährt er fort, „als Saddam Hussein nach dem Ende des Kuwait-Krieges den Aufstand gegen ihn im Süden blutig niederschlagen ließ. Die kommen jetzt alle zurück und richten ihr Leben hier so ein, wie sie es aus dem Iran gewohnt sind.“ Die zweite Amtssprache in Basra sei mittlerweile Farsi – Persisch. Verwaltung, Interessenverbände und Studentenorganisationen würden nach iranischem Vorbild funktionieren. Die beiden großen Schiitenparteien erhielten direkt Unterstützung von Teheran. Auch von Moktada al-Sadr wird gesagt, dass er Geld und Waffen aus dem Iran erhält. „Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Waad ist ein Überlebenskünstler. Um seinen Radiosender zu retten, verkauft er die öffentliche Zuteilung für den Gasgenerator – jeder offiziell registrierte Betrieb bekommt eine verbilligte Zuteilung an Gas oder Benzin – auf dem Schwarzmarkt und finanziert damit sich, seine Kollegen und die Ausgaben für die Programme. „Ansonsten müssten wir den Laden hier schließen“, sagt der 38-Jährige.

Als im Jahre 2005 eine Wahl nach der anderen im Irak stattfand, brauchte Ijad Allawi, Ministerpräsident der ersten Übergangsregierung in Bagdad, ein Sprachrohr im Süden. Zu Zeiten Saddam Husseins gab es nur den staatlichen Einheitssender. Nach der Wende im Irak entstanden in Basra vier private Rundfunkstationen. Eine davon ist Radio Shanasheel, Waads Sender. Der Schiit Allawi wollte eine Opposition zu den schon damals immer stärker werdenden religiösen Sendern aufbauen. Doch die Wähler wollten es anders. Seine Liste erhielt nur einen Bruchteil der erwarteten Stimmen. Von den anfangs 35 Mitarbeitern blieben bei Shanasheel noch fünf übrig, die Sendezeit musste um sechs Stunden verkürzt werden, eigene Beiträge sind jetzt rar. Immer öfter muss Waad al-Sibah auf fremd produzierte Stücke zurückgreifen, wie die von Radio Niqash, dem von Deutschland finanzierten Irak-Radio.

Ein Camp am Flughafen, Briten sind hier stationiert. David Gell, der Major und Sprecher der britischen Truppen im Irak, wundert sich. Es sei ungewöhnlich, dass westliche Medienvertreter sich im zivilen Bereich von Basra bewegen, sagt er. Die meisten seien „eingebettet“ mit den Soldaten. Im Verlauf der letzten vier Jahre hätten sich in Basra zwei Welten gebildet, sagt Gell. Die militärisch-britische und die zivile. Anders als in Bagdad, wo die Amerikaner zivile Berater in allen Ministerien und Organisationen platziert haben, mischen sich die Briten in Basra im zivilen Leben kaum ein. „Wir kommen, wenn wir gerufen werden“, sagt Gell. Man verstünde sich als Schlichter und Vermittler. Das ist womöglich ein Grund dafür, warum es in Basra ruhiger ist als in Bagdad. Doch haben auch hier die Anschläge in letzter Zeit zugenommen. „Wir werden fast täglich angegriffen“, sagt Gell.

90 Prozent der Bomben und Granaten, die in Basra explodieren, gelten den Besatzungstruppen. Sprengfallen werden gezündet, wenn eine Patrouille vorbeifährt, Konvois werden beschossen oder Mörser auf deren Gebäude abgefeuert. Zivilisten sind nur in Ausnahmefällen betroffen. Der Anschlag auf einen Marktplatz in Basra liegt fast zwei Jahre zurück. „Wir haben erkannt, dass wir nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems hier sind“, sagt Gell und begründet damit auch den bereits begonnenen Rückzug britischer Truppenteile. Zwei der Provinzen, Muthanna und Dhi Qar, seien schon komplett an die Iraker übergeben worden. „Mit Erfolg“, behauptet Gell. In Basra wolle man nur zwei Stützpunkte behalten: einen am Flughafen und einen in der Stadt. Die Reduzierung der Truppenstärke um 1600 Mann auf 5500 Soldaten laufe schrittweise ab.

Ein Knall in der Innenstadt lässt die Passagiere am Flughafen zusammenzucken. Dieses Mal sind es fünf Katjuscha- Raketen, abgefeuert auf das britische Konsulat. Doch die Briten sind stolz, dass es in ihrem Einflussbereich trotz allem erheblich ruhiger ist als in Bagdad. Während in der Hauptstadt trotz des am 14. Februar in Kraft getretenen Sicherheitsplans noch immer durchschnittlich 50 Menschen jeden Tag sterben, sind es in Basra etwa zehn pro Woche. 148 britische Soldaten mussten seit dem Einmarsch der multinationalen Truppen im März 2003 ihr Leben lassen, die Amerikaner haben über 3000 verloren.

Der letzte Anschlag in Basra, von dem Europa über Nachrichtenagenturen erfuhr, war vor zwei Wochen. Sechs Tote. Der letzten beiden in Bagdad: gestern, Montag, mindestens 13. „Basra ist eben nicht Bagdad“, sagt David Gell. Vielleicht klingt das zynisch. Vielleicht ist es auch einfach die Wahrheit.

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