Zeitung Heute : In der wichtigsten Nebenrolle

Beim Parteitag der SPD dreht sich nicht alles um Schröder und Müntefering. Es gibt auch einen anderen wichtigen Wechsel an der Spitze. Der Berliner Klaus Uwe Benneter wird Generalsekretär. Von ihm wird wenig erwartet – und das könnte seine Chance sein.

Hans Monath Ulrich Zawatka-Gerlach

Von Hans Monath und

Ulrich Zawatka-Gerlach

Wenn sie Olaf Scholz zum Abschied die Blumen in die Hand drücken, wird Klaus Uwe Benneter genau hinhören. Man kann immer dazulernen in einem politischen Leben, besonders wenn es schon so windungsreich war wie das des Berliner Juristen. Wie sie dem Vorgänger für seine Leistungen als Generalsekretär danken, obwohl viele froh sind, dass sie ihn los sind. Werden die Delegierten mit ihm besser umgehen? Längst hat sich der künftige Generalsekretär der SPD überlegt, was er anders machen will als Scholz und was die verunsicherte Partei von ihm erwartet.

Der 56-jährige Berliner war zumindest nicht der geborene Liebling der SPD. Schon auf dem Parteitag von Bochum im November wollte er in den Vorstand aufrücken. Zwar warb er eifrig bei den Landesverbänden für sich. Doch in zwei Wahlgängen fiel er durch, beim zweiten mit dem schlechtesten Ergebnis aller Kandidaten.

In Organisationsfragen kennt er sich wie die meisten früheren „Stamokap“-Anhänger aus. Als die Jusos Benneter 1977 zum Chef wählten, waren die linksradikalen Anhänger der These vom „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ noch stark. Als eine Mischung aus „marxistischem Parteichinesisch, scheinsoziologischem Intellektualismus und kaltschnäuziger Kadertaktik“ beschrieb damals ein Politikwissenschaftler die Praxis der Gruppe. Die Kadertaktik sei immer noch lebendig, stöhnen Sozialdemokraten über die Ex-Radikalen, von denen manche im Parteiapparat Karriere machten. Doch das gilt nicht für Benneter, dessen Aufstieg sich abseits des großen Parteiapparats in einem kleinen Landesverband vollzog – in Berlin.

Aus der Juso-Zeit rührt auch die Freundschaft zum heutigen Kanzler. Der „Anti-Revisionist“ Schröder, der mit der „Stamokap“-Gruppe im Clinch lag, wurde 1977 zu Benneters Nachfolger als Juso-Chef gewählt. Der nämlich war von der SPD als Linksradikaler ausgeschlossen worden. Es war dann auch der Jurist Gerhard Schröder, der dem Freund 1983 wieder in die SPD hineinhalf.

In Berlin arbeitete sich der Notar zum Landesschatzmeister hoch, war Vize-landesvorsitzender und gehörte dem Abgeordnetenhaus an, wo er den Untersuchungsauschuss zur Banken-Affäre leitete. Nachdem er 2002 das Bundestags-Direktmandat Steglitz-Zehlendorf holte, wurde er zum Vorsitzenden des „Lügen-Ausschusses“ gewählt, wo er eine gute Figur machte. Und entpuppte sich zum Erstaunen der Parteirechten von den „Seeheimern“ als ein Polit-Pragmatiker, der sich für Schröders Agenda 2010 einsetzte.

Ein Schulkamerad, der mit Benneter in Karlsruhe in der Abiturklasse gesessen hatte, hat ihn zum neuen Amt beglückwünscht und erinnerte an eine alte Schülerzeitung, in der über Benneter steht: „Ärgert gerne und erfolgreich seine Lehrer… Kettenraucher, will Bundeskanzler werden.“ Auch die Genossen im Berliner Landesverband wissen nur zu gut, dass Benneter jeden gern ärgert, den er auf dem Kieker hat. Der früheren Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing machte er als Hauptmann der Parteilinken das Leben schwer, als sie versuchte, die SPD auf ihren Sparkurs einzuschwören. So sehen manche Parteifreunde die Nominierung mit gemischten Gefühlen, darunter der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der kein gutes Verhältnis zu Benneter hat.

Anders als etwa der Niedersachse Sigmar Gabriel, der die Zuhörer in Bochum zu Beifallsstürmen hinriss, verfügt Benneter nicht über die Fähigkeit, im Nu viele Menschen für sich einzunehmen. Als der begnadete Populist Gabriel in einem Radio-Interview in die Verlegenheit gebracht wurde, ausgerechnet die kommunikativen Fähigkeiten Benneters zu bewerten, rang er sich das Urteil ab, der neue Generalsekretär kenne die Partei gut, sei „ein ruhiger Mann und ausgesprochen verlässlich und vertrauenswürdig“.

Der Freund Schröders weiß, dass auf ihn eine völlig andere Aufgabe wartet als auf Olaf Scholz. Der Vorgänger musste einen Parteichef vertreten, der nach den Sitzungen ins Kanzleramt eilte und wenig Zeit hatte für die SPD. Müntefering will viel präsenter sein. Von ihm erwarten die Mitglieder, dass er zu ihren Veranstaltungen kommt, zuhört, erklärt und das alte Gemeinschaftsgefühl belebt. Und für die Organisation bringt Müntefering seinen Vertrauten Kajo Wasserhövel mit, der – übrigens früher auch Stamokap-Anhänger – Bundesgeschäftsführer wird.

Was bleibt da für Benneter? Wenn man Mitgliedern des SPD-Vorstands zuhört, dann fügen sich die Aussagen zu einem Bild: keine Riesenaufgabe, aber eine wichtige Funktion. Er soll als eine Art Sensor mit Alarmfunktion fungieren. Er muss an der Spitze der Partei fühlen, ob sich da etwa eine Missstimmung ankündigt. Die muss ja gar nicht aufkommen, aber Schröder soll es beruhigen, dass er sofort wüsste, wenn es denn passierte. Es sieht so aus, als wolle die Partei den Berliner nicht mit Erwartungen überfrachten. Das kann man auch positiv sehen: Viel falsch machen kann der Mann gar nicht. Zumindest, solange er niemanden ärgert.

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