Zeitung Heute : In Deutschland erfunden, in Japan vermarktet

Der Tagesspiegel

Faxen gehört heute zum Alltag. Die Technik gilt als hochmodern. Schließlich haben sich die Übertragungsgeräte hierzulande erst in den letzten zwei Jahrzehnten verbreitet. Doch das Fax-Prinzip ist keineswegs neu. Die Methode, Bilder auf elektronischem Weg zu übermitteln, wurde bereits in der ersten Hälfte des Jahrhunderts entwickelt.

Der Erfinder ist Rudolf Hell, der jetzt 100-jährig in Kiel gestorben ist. In der Hafenstadt hat der geniale Ingenieur sein Unternehmen nach dem Krieg aufgebaut. Seine frühere Firma in Berlin-Dahlem war völlig zerstört worden. Geboren wurde Hell im bayerischen Eggmühl. Elektrotechnik studierte er in München, wo er 1927 die „lichtelektrische Bildzerlegeröhre“ erfand, eine der technischen Grundlagen für das Fernsehen. Kurz darauf stellte der junge Diplom-Ingenieur auf der Münchner Gewerbeausstellung eine funktionierende Sende- und Empfangsstation vor. Für seine Promotion dachte sich Hell ein neues Funkpeilgerät aus.

Auf den „Fax-Weg“ kam er kurze Zeit später mit seinem „Hell-Schreiber“. Es ging darum, Bilder auf Hell- und Dunkelwerte abzutasten und zu übertragen. Buchstaben, Ziffern und Abbildungen wurden elektronisch in kleine Punkte zerlegt, per elektrischem Impuls weitergeleitet und beim Empfänger wieder zusammengesetzt.

„Allerdings konnten nur jeweils zwei Geräte genau desselben Typs miteinander kommunizieren“, sagt Siemens-Experte Karlheinz Groebmair. Ein einheitlicher Standard fehlte. Sender und Empfänger mussten also exakt dieselbe technische Sprache sprechen. Dann konnten Nachrichten über große Entfernungen gesendet und ausgedruckt werden. Die Geräte, die in großen Stückzahlen bei Siemens produziert wurden, waren besonderen „Bedarfsträgern“, in der Regel Behörden wie Wetterdiensten, Polizei oder Militär, vorbehalten. Zwar musste die Nachrichtenübertragung per Hell-Schreiber nach dem Krieg fortschrittlicherer Technik weichen. Beim Versenden von Telebildern war die Hell-Methode jedoch lange Zeit führend. Bis Anfang der 90er setzten Post, Polizei und Nachrichtenagenturen Hell-Technik ein.

1956 brachte Hell das erste Kleinfaxgerät auf den Markt. Faxen ist also eine deutsche Erfindung. Warum gibt es dann heute keinen deutschen Hersteller für die fixen Übertragungsgeräte? Den Markt beherrschten lange Zeit japanische Firmen, mittlerweile verlagert sich die Dominanz nach China. „Wir haben die Entwicklung nicht verschlafen“, sagt Groebmair. Von Anfang an habe sich Siemens bewusst dort engagiert, wo der größte Bedarf war: im japanischen Markt nämlich. Schließlich habe sich der Konzern zurückgezogen, als klar geworden sei, dass kein Geld zu verdienen sei.

Faxen für jedermann, oder zumindest als breite gewerbliche Anwendung, war aber erst mit einheitlichem Standard möglich. „Am wichtigsten war dabei die Normierung der Übertragungsgeschwindigkeit“, sagt Groebmair. Während vor dem Krieg das zeilenweise Abtasten per Hell-Schreiber schon mal ein Stündchen dauern konnte, schrumpfte jetzt die Übertragungszeit auf ein paar Minuten. Der Durchbruch kam mit einer neuen Abtastmethode. Das Faxgerät erkannte jetzt bestimmte Merkmale der Textgestaltung, wie Wortabstände oder Absätze.

Der Schwerpunkt der Entwicklung verlagerte sich nach Asien. Dies lag daran, dass diese Übertragungsmethode der japanischen Bilderschrift entgegenkommt. Schriftzeichen eignen sich nicht so gut für die Übertragung per Tele- oder Bildschirmtext. Ein standardisiertes Kodierungsverfahren ermöglichte schließlich die Kommunikation von Geräten unterschiedlicher Hersteller.

Mit der Zeit wurden die Fax-Geräte immer schneller, vielseitiger und preiswerter. Der führende deutsche Hersteller Siemens, der mit Hells Firma kooperierte und diese schließlich übernahm, tat sich mit japanischen Unternehmen zusammen. Für einen massenhaften Absatz mussten die Geräte immer billiger werden. „Riesige Stückzahlen produzieren, das konnten die Japaner besser als wir“, sagt Groebmair. Die Patente, die Siemens hielt, - dazu zählten auch diejenigen des Fax-Pioniers Hell - , konnten die Entwicklung nicht entscheidend beeinflussen. Sie galten nur für bestimmte technische Prozeduren.

Rudolf Hell erwies sich auch als kreativer Erfinder in der Drucktechnik. 1954 entwickelte er eine elektronisch gesteuerte Graviermaschine. In den 60er Jahren folgte die computergesteuerte Lichtsatzanlage, die den Bleisatz ablöste. In den 70ern schaffte er den Durchbruch in der Scannertechnik. Paul Janositz

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