Zeitung Heute : „In Deutschland ist das Glas immer halb leer“

Nobelpreisträger Störmer über das Geheimnis der Forschung in den USA und die Voraussetzungen für Erfolg

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Herr Störmer, Sie haben den Nobelpreis erhalten. Wenn Sie zurückblicken, was waren die wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass Sie eine solche Leistung geschafft haben?

Das Erste war: Ich bin in Deutschland ausgebildet worden. Ich habe dort eine ausgezeichnete Ausbildung erhalten. Das Zweite war: Ich bin in die USA gegangen und speziell zu Bell Labs, was damals in meinem Forschungsgebiet das beste Labor der Welt war. Damit hatte ich eine ungeheuer fruchtbare Umgebung gefunden. Die Forschung war also keine Einzelleistung von mir. Eigentlich hätte auch Bell Labs einen Nobelpreis verdient.

Wenn Sie ihre Erfahrungen in Deutschland mit denen in den USA vergleichen, was ist dort das Besondere?

Der Unterschied liegt nicht so sehr im Ausbildungssystem, sondern im Optimismus des Landes. In Deutschland ist das Glas immer halb leer, in den USA ist es halb voll. Es ist eine andere Atmosphäre. Wenn ich in Deutschland einen Vortrag halte, wird mir danach gesagt, dass dieses nicht geht und jenes unmöglich ist. In den USA kommen die Leute und sind begeistert und machen Vorschläge:Man müsste dies noch machen und was halten Sie von der Idee? Der Unterschied ist der zwischen Pessimimus und Optimismus.

Es liegt also nicht am Geld für die Forschung?

Es gibt auch da Unterschiede. Die Ausgaben pro Student in den USA sind etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Natürlich muss man mit solchen Statistiken vorsichtig sein. Aber die Ausbildung in Deutschland wird im Wesentlichen aus Steuermitteln finanziert. Die USA wenden pro Student etwa die gleiche Summe aus Steuermitteln auf. Aber es kommt noch einmal so viel privates Geld hinzu – Studiengebühren und die vielen Spenden von ehemaligen Absolventen.

Wie kann die deutsche Politik Universitäten zu Forschergeist und Innovation stimulieren?

Solche Fragen klingen so, als ob es morgen mit Deutschland zu Ende ginge und alles im Schlamm versinkt. So ist es ganz und gar nicht. Die Forschung in Deutschland ist ausgezeichnet. Hierher an die Columbia Universität kommen in Deutschland promovierte Forscher, die hervorragend sind. Das heißt nicht, dass man nicht einiges besser machen kann. In der Hinsicht finde ich die Idee, die Universitäten zu differenzieren, sehr angebracht. Auch müssen die deutschen Universitäten mehr junge Leute aus dem Ausland anziehen.

Warum klappt das nicht?

Zum einen wissen die Studenten aus dem Ausland nicht, welches die guten Universitäten in Deutschland sind. Das ist die Stärke und die Schwäche des deutschen Systems. Die Stärke ist, dass alle Universitäten in etwa gleiches Niveau haben. Die Schwäche ist, das keine Hochschule als Attraktion herausragt. Es müssten viel mehr Vorlesungen und Seminare in Englisch gehalten werden. Und die jungen Wissenschaftler müssten nach ihrer Ausbildung bessere berufliche Perspektiven in Deutschland bekommen.

Was kann mehr Wettbewerb zwischen den Universitäten bringen?

Das spielt eine große Rolle. In den USA versucht jede Universität, die besten Studenten anzuziehen. Diese werden einmal gute Berufspositionen bekommen und später ihre Universität unterstützen.

Sollen Unis ihre Studenten selbst auswählen?

Man kann nicht artifiziell Elite-Universitäten schaffen. Man muss ihnen die Möglichkeit geben, miteinander in Wettbewerb zu treten. Nur so kann sich herausstellen, welche wirklich die beste ist. Die Universitäten müssen ihre Studenten auswählen können und sie müssen die Freiheit haben, zusätzliche Mittel für ihren Betrieb einzuwerben.

Wie funktioniert eigentlich wissenschaftlicher Fortschritt? Ist das der Geistesblitz?

Ich glaube, eine entscheidende Rolle ist die Atmosphäre. Der Wettbewerb zwischen den Leuten muss „freundlich“ sein, er muss die Errungenschaften feiern und er darf nicht persönlich werden. Eine solche Atmosphäre zu schaffen, das ist ganz entscheidend für herausragende wissenschaftliche Leistungen.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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