Zeitung Heute : „In Deutschland sterben die Gentlemen aus“

Rätselhafte Generation: Am Montag wird die neue Shell-Studie vorgestellt – über die Jugend von heute. Marie Pohl ist eine ungewöhnliche Expertin. Sie ist in dieser Sache einmal um die Welt gereist. Interview: Barbara Nolte; Foto: Bernd Hartung

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Sie ist 23 Jahre alt und hat soeben ihr erstes Buch veröffentlicht: Marie Pohls „Maries Reise“ ist bei Rogner & Bernhard, Hamburg, erschienen. Ihr Vater, der Dramatiker Klaus Pohl, und ihre Mutter leben in New York, dort ist Marie Pohl aufgewachsen. Heute lebt sie in Berlin; am 30. August liest sie aus ihrem Debüt im „Kaffee Burger“.

Frau Pohl, wie geht es Ihnen?

Ich war gerade in New York, meine Mutter und meine Freunde besuchen. Mir geht es gut.

Vom „Zeit“-Dossier bis zum „Spiegel“-Titel „Jung, erfolgreich, entlassen“ – man liest jeden Tag, wie schlecht es um Ihre Generation steht. Sie würden sich in der Welt, die keine Konventionen mehr hat, nicht zurechtfinden. In der Wirtschaftskrise verlieren sie als erste ihre Jobs.

Ja? Ich lese im Moment wenig Zeitung. Ich muss ein bisschen sparen.

Wir möchten uns mit Ihnen über Ihre Generation unterhalten, Frau Pohl. Am Montag wird die Shell-Studie vorgestellt, die alle paar Jahre die Jugend in Deutschland erforscht. Sie haben ein Buch über die 20-Jährigen auf der ganzen Welt geschrieben: „Maries Reise“, das gerade erschienen ist. Sie haben acht Städte bereist, unter anderem Buenos Aires, San Francisco, Hanoi.

Ich mag das Wort Generation nicht. Wir sind doch heute nicht mehr so eng miteinander verbunden wie unsere Eltern, die 68er. Ich kann nur für mich und meine Bekannten reden.

Auf Ihrem Buchdeckel schreiben Sie: „Ich suche: die interessantesten Personen meiner Generation.“

Das ist auch ein Tick ironisch gedacht. Ich meine: Was ist das für eine Generation, die man erst suchen gehen muss. Der Satz ist auch ein Kommentar zu dieser Zeit, in der die Suche so eine große Rolle spielt, dieses: Wer sind wir, wie definieren wir uns? Ich wollte nicht noch ein Generationenbuch schreiben, sondern Geschichten schreiben über Leute, die so alt sind wie ich. Um auf den Anfang zurückzukommen: Es ist Unsinn, dass unsere Generation mit der Welt nicht klarkommt. Und ich würde auch nicht sagen, dass es bei uns keine Konventionen mehr gibt.

In den Zeitungsartikeln steht sinngemäß, dass Jugendliche heute derart hohe Ansprüche an sich und ihr Leben haben, die sich nicht erfüllen lassen.

In New York habe ich erlebt, dass viele nicht genau wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sie sind fertig mit dem College, da waren sie von 18 bis 22 so richtig eingebettet. Sie haben sich benommen wie Kinder, weil es Lehrer gab, die ihnen gesagt haben: Ihr müsst das und das tun – das haben sie genau nicht gemacht. Nun sind sie in die Welt geschubst worden und denken: Oh Gott, ich muss mich beweisen als Künstler, ich muss mich beweisen als Arzt, ich muss mich beweisen als Anwalt! Die fühlen sich ziemlich unter Druck.

Früher haben Eltern immer gewarnt: Werde nie Lehrer, dann wirst du arbeitslos. Wovor warnen sie heute?

Ich habe das Gefühl, sie raten einem von allem ab: Werde nie Anwalt, alle wollen Anwalt werden. Werde nie Journalistin oder Fotografin, weil die Medienwelt im Moment total kaputt ist. Werde niemals Schauspielerin, niemals Musiker, niemals Architekt…

Der Stress fängt mit dem Collegeabschluss an?

In Amerika viel früher. Viele sind schon ab der neunten Klasse damit beschäftigt, sich lauter Hobbys zuzulegen, die gut auf der Bewerbung aussehen, die sie für irgendein Elite-College einschicken: Klavierspielen, Aids-Walk organisieren. Dort fängt’s schon mit 16 an, dass man nicht mehr macht, worauf man Bock hat.

Sie haben mit 16 den ersten Kurzfilm gedreht, mit 18 arbeiteten sie als Assistentin bei renommierten Regisseuren, jetzt ist Ihr erstes Buch „Maries Reise“ erschienen. Deutsch, Spanisch, Englisch können Sie perfekt. Ihr Lebenslauf liest sich auch sehr…

…Moment, dass ich gut Englisch kann liegt daran, dass meine Eltern mit mir nach New York gezogen sind, als ich 13 war. Den Kurzfilm habe ich in der Schule gemacht, mich hat es gereizt, eine Geschichte zu erzählen. Nach dem Abitur bin ich nach Spanien gezogen, weil ich Spanisch lernen wollte. Ich habe immer nur gemacht, worauf ich Lust hatte, wirklich!

Dann sind Sie ein sehr konstruktiver Mensch.

Ja, sehr. Ich bin aber auch manchmal orientierungslos, ich bin auf der Suche wie viele aus meiner Generation: Wo will ich leben? Wie kann ich meine vielen Interessen verbinden? Aber ich wusste immer: Ich will Geschichten erzählen, mit Worten oder Bildern, ich will diese Reise machen. Vielleicht erwischt einen dann die Orientierungslosigkeit nicht ganz so heftig.

Auf der ersten Station Ihrer Reise, in Havanna, haben Sie sich gleich verliebt. Sie sind trotzdem weitergereist…

Ja, für die Reise, für das Buch. Ich bin zwar damals weitergezogen, aber ich habe die Liebe nicht aufgegeben.

Sie sind in jeder Stadt einen Monat geblieben: Leute finden, kennen lernen, über sie schreiben. Klingt stressig.

Ein Monat war o.k. Ich hatte mein Exposé erst dem „Spiegel“ geschickt. Die haben gesagt: „Tolle Idee. Geht das nicht auch in acht Wochen?“ Ging natürlich nicht. Mein Verlag und der „Stern“ haben sich zum Glück auf meine Bedingungen eingelassen.

Ist immer alles glatt gelaufen?

Nein, in Israel ist die große Panne passiert. Dazu muss man wissen, dass in jede Stadt in der letzten Woche ein Fotograf kam, um meine Protagonisten zu fotografieren. In Israel ist es passiert: Er kam – ich hatte keine Geschichte. Das heißt, ich wollte über drei Kiffer schreiben, mit denen ich die meiste Zeit verbracht hatte. Die fuhren in die Berge bei Jerusalem, um beim Sonnenaufgang eine Tüte zu rauchen. Als der Fotograf das hörte, sagte er: Marie, das geht nicht, ich brauche plakative Bilder, Soldaten oder so was – keine Kiffer. Zum Glück habe ich am letzten Tag dieses Siedlermädchen gefunden, und ihre Geschichte ist die beste Reportage des Buches geworden.

Der Leiter der neuen Shell-Studie Klaus Hurrelmann hält die Mädchen heute für ehrgeizig: Sie verfolgten einen klaren Lebensplan, der sich ganz nach ihren Bedürfnissen ausrichtet. Erkennen Sie sich darin wieder?

Ich kann nur sagen, dass ich ein Ziel habe, das ich bis 30 erreicht haben möchte. Ich möchte nicht sagen was, ich bin da ein bisschen abergläubig.

Hurrelmann sagt sogar: „Bei vielen Mädchen kann man schon von Rollentausch sprechen. Sie haben eine Mentalität, wie man sie früher nur von Männern kannte.“

Also ich lerne immer mehr Mädchen kennen, die mir sagen: Ich möchte gerne eine Familie gründen, ich möchte gerne Mutter sein.

Nicht wahr!

Doch. Ich kenne wirklich viele Leute, die sagen, ich hab’ Bock darauf, ich will einfach nur heiraten und meine Kinder großziehen. Die denken aber gleichzeitig, so ein Lebensplan sei etwas Schlechtes. Die sagen mir: Wenn einer auf einer Party fragt: Was ist Dein Job? Da kann ich doch nicht sagen: Hausfrau! Ich sage denen dann immer: Mach’ das doch!

Dann hat der Feminismus das Gegenteil erreicht, was er wollte.

Gut, dass Sie das ansprechen. Ich bin total gegen Feminismus.

Ja?

Ich finde, es ist mitterweile ein Punkt gekommen, wo das Gleichheitsideal alles ist. Ich mag es, wenn Frauen weiblich und Männer männlich sind. In Deutschland sterben die Gentlemen aus.

Auf Ihrer Reise müssen Sie doch erlebt haben, dass man es als Frau in Ländern, in denen es keine starke Frauenbewegung gab, viel schwerer hat?

Sicher war es auf meiner Reise manchmal schwierig. Es ist in manchen Situationen immer schwierig als Frau mit bestimmten Männern, besonders wenn man einen großen Busen hat. Aber ich bezweifele stark, dass das jemals irgendeine Bewegung wegkriegt.

In dem Bestseller „Generation Golf“ konstituiert sich die Generation durch Fernsehsendungen und Marken: Sehr viele Deutsche, die heute um die 30 sind, haben zum Beispiel „Wetten, dass…?“ gesehen, hatten einen Füller von Geha oder Pelikan. Was ist das Verbindende bei den heute 20-Jährigen?

Vielleicht das Reisen? Wir reisen heute anders, als unsere Eltern das getan haben. Wir können leichter in anderen Ländern leben und arbeiten. Durch Internet und Globalisierung sind wir in diesem Sinne vielleicht freier, weltoffener. Es gibt internationale Stipendien, viele 20-Jährige sprechen zwei Sprachen sehr gut, das öffnet ganz andere Türen.

Gibt es einen Film, einen Star, der alle begeistert?

Lassen Sie mich kurz überlegen: „Pulp Fiction“. Und „Dirty Dancing“ – für die Mädchen. Über „Dirty Dancing“ kann ich mich mit Mädchen aus der ganzen Welt unterhalten. Ich liebe diesen Film. Und ich bin bereit, ihn vor allen Jungs zu verteidigen, die mich dafür verdammen werden.

„Dirty Dancing“ ist von 1987.

Ich „Dirty Dancing“ gesehen, als er gerade raus kam. Ich war damals acht.

Und bei Musik: Noch immer Techno?

Für mich ist es HipHop und Reggae, obwohl ich zugeben muss, dass ich Oldies höre und spanische Musik, Zigeunermusik. Vielleicht ist das ja das Prinzip unserer Generation: Mischmasch – wir suchen uns überall etwas zusammen und machen etwas Eigenes draus.

Haben Sie sich bei Ihrer Reise irgendwo auf der Welt fremd gefühlt?

In Vietnam. Dort herrscht eine andere Welt. Diese Hitze! Jeans zu tragen, war ein Albtraum. Ich habe mir einen Schlafanzug gekauft, den ich immer anhatte. Die Sprache war eine Barriere, selbst die Leute, die Englisch sprachen, habe ich nicht wirklich verstanden. Es ist ein anderes Denken, komplett. Auch die Hauptfigur meiner Geschichte, Vy, führte ein ganz anderes Leben als ich. Seine Eltern haben alles vorgeplant: Er wird später den Laden seines Vater übernehmen, er wird das Mädchen heiraten, das ihm seine Eltern ausgesucht haben, er wird mit ihr bei seinen Eltern leben. Ihn stört das nicht, er sucht sich seine kleinen Fluchten, illegale Mopedrennen, an denen er teilnimmt.

Und Ihre Eltern?

Lassen mich machen. Das geht vielen meiner Freunde nicht anders.

Klingt beneidenswert.

Nur: Man macht sich auf einmal selber den ganzen Druck. Wenn man mal drei Wochen lang nur auf der Couch rumhängt, hat man ein schlechtes Gewissen.

Kinder, die nicht richtig jung sind. Eltern, die nicht älter werden wollen. Die Unterschiede zwischen den Generationen scheinen zu verschwinden: Mütter und Töchter tragen oft dieselbe Kleidung und hören dieselbe Musik.

Bei der Musik stimmt das. Neulich hat meine Schwester HipHop angemacht, ein Lied von Biggy, dem Gangster-Rapper, und plötzlich fand das mein Vater toll.

Ihr Vater Klaus Pohl ist ein renommierter Dramatiker.

Ja, das gibt mir einen Ansporn, genauso renommiert oder noch besser zu werden als er. Er ist ja auch Schauspieler. Ich würde gerne Schauspielerin werden.

Den Generationenkonflikt lasst Ihr einfach ausfallen?

Es gibt ihn in vielen Familien nicht mehr. Viele bewundern ihre Eltern. Sie denken: Wenn man es schafft, mal so zu leben wie sie, hat man einiges erreicht.

Eine Figur in Ihrem Buch beklagt, dass es keine Dramen gab, dass Ihre Eltern immer für alles Verständnis hatten.

Was meine Eltern betrifft, kann ich nur sagen, dass es trotz allem Verständnis oft gekracht hat. Aber auf andere Art als bei meiner Mutter. Die war mit 20 im Gefängnis. Sie hat in Ost-Berlin gelebt und gegen das Ende des Prager Frühlings demonstriert. Das ist schon mal eine Aktion. Ihre Eltern fanden das bestimmt nicht toll. Wenn ich rebellieren würde, würde ich das mit meinen Eltern bestimmt auch noch absprechen.

Wird, wer so eine sorgenfreie Kindheit hatte, auch zum glücklichen Menschen?

Ich glaube, das hängt von dem Menschen ab. Ich bin glücklich. Aber ich kenne auch Leute, die mit 20 ziemlich kaputt sind, die haben sich selbst kaputtgemacht, ja kaputtgedacht. Vielleicht, weil sie keine wirklichen Probleme haben, machen sie alles zum Problem: Dass sie einen Vaterkomplex haben oder einen Mutterkomplex. Alles wird heute zum Komplex: Dicksein, Dünnsein, die Männer, die sie haben oder nicht haben.

Hatten Sie den Eindruck, dass 20-Jährige anderswo auf der Welt mehr Talent zum Glücklichsein haben?

In Finnland hatte ich wenigstens das Gefühl, dass sie wissen, wie man glücklich sein kann. Die tanzen auf ihren Partys so wild, sind von der Energie ergriffen und lachen bis zum Umfallen. Deren Haltung ist: Die Party ist das, was du aus ihr machst. Im Gegensatz zu Deutschland, wo du irgendwo hinkommst und erwartest, dass du was geboten kriegst. Finnland ist gleichzeitig ein trauriges Land, es hat eine sehr hohe Selbstmordrate. Die Finnen sind merkwürdige Menschen.

Am meisten Distanz schienen Sie zum jungen Internet-Millionär aus dem San-Francisco-Kapitel zu haben.

Der hatte einen Komplex, einen richtigen Millionärskomplex.

Was ist das?

Das viele Geld hat ihm zu schaffen gemacht. Und das hat er mir in die Schuhe geschoben! Es gab bei unserem Essen Momente, in denen war er sehr freundlich. Dann schien es, als ob sich plötzlich sein Gewissen meldete und sagte: Du sollst dich nicht mit solchen Leuten treffen, die wollen nichts Gutes, die wollen nur böse über dich schreiben. Er fand diese ganze Idee, über einen 20-jährigen Millionär zu schreiben, völlig uninteressant. Er fand auch Geld völlig uninteressant.

Ein Millionär, dem Geld egal ist – haben Sie es geglaubt?

Sein Vater war Anwalt, er hatte schon von zu Hause aus Geld. Nur einem Millionär kann Geld egal sein.

Finden Sie, dass Ihrer Generation Geld wichtig ist?

Wir reagieren ja nur. Ist es nicht normal, dass man sich in einer Gesellschaft, in der man nur mit Geld überleben kann, Gedanken macht, wie man es verdient?

Und wie ist es mit Politik? Es heißt, dass das politische Interesse der jungen Menschen immer weiter abnimmt.

Bei den Politikern! Ja, klar! Wir sind auf Politik-Diät, in diesem Sinne werden wir immer dünner.

Kennen Sie Katherina Reiche?

Nein. Wer ist das?

Sie ist eine junge Frau, die Edmund Stoiber aufgestellt hat, damit junge Frauen wie Sie die CDU wählen.

Ich fühle mich von keinem Politiker repräsentiert. Überhaupt nicht. Gar nicht. Im Gegenteil. Wer kümmert sich denn um die ganzen Umweltprobleme?

Die Grünen?

Ich finde, dass sich die Grünen in ihrer Umweltpolitik leider überhaupt nicht durchsetzen können. Wenn jetzt Oktober wäre, wenn die Wahl vorbei wäre, würde ich noch andere Sachen über die Grünen sagen, sie sind mir ein bisschen unsympathisch. Aber ich fürchte, dass sie bei der Wahl das geringste Übel sind.

Warum engagieren Sie sich nicht?

Ich schreibe. Eine Freundin von mir wollte sich mal engagieren, und da ist sie auf ein Anti-Globalisierungstreffen gegangen. Da waren lauter chaotische Leute mit total verschiedenen Anliegen: Mütter mit ihren Kindern, junge Arbeitslose, irgendwelche Hippies, Punks. Sie hatte den Eindruck, es hat nichts gegeben, was die Leute verbunden hat, außer: Sie sind gegen das, was heute ist…

Noch mal zur Shell-Studie. Der wissenschaftliche Leiter Hurrelmann sagt, dass junge Menschen sich politisch nur engagieren, wenn sie selbst was davon haben, zum Beispiel für niedrigere Studiengebühren. Was ist Ihnen persönlich wichtig?

Ich finde, Marihuana sollte legalisiert werden.

Ihre Generation, heißt es, nimmt Designer-Drogen.

Wir nehmen alles Mögliche. Ich habe das erste Mal Gras geraucht, als ich 13 war, und meine ersten große Drogenerlebnisse hatte ich mit 16: auf LSD ins Museum of Natural History gehen und zwischen den Dinosaurierskeletten hindurchklettern, nackt im Central Park baden gehen…

Dann stimmt, was immer gesagt wird: Ihre Generation macht alles immer früher.

Es sieht so aus, dass unsere Generation immer früher immer älter sein will. Und dann denkt man mit 20: Scheiße, vielleicht ist es doch cool, jung zu sein.

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