Zeitung Heute : In Deutschland tut man zu wenig gegen Cyber-Kriminelle (Kommentar)

Kurt Sagatz

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine gewaltige Lücke. Am Freitag kommt erstmals die neue, von Innenminister Schily ins Leben gerufene Task-Force gegen den Internet-Vandalismus zusammen und wird darüber beraten, wie Angriffe auf die Infrastruktur des E-Business in Deutschland im Keim erstickt werden können. Ein großes Ziel.

Die Realität sieht anders aus. Ein süddeutsches Systemhaus stellte fest, dass der eigene Internet-Rechner als Sprungstelle für Angriffe auf andere Web-Angebote genutzt wurde. Die Firma wandte sich an das BKA und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Aber die Behörden fühlten sich nicht zuständig. Am Ende wurde das Unternehmen an die lokale Polizeidienststelle verwiesen.

Während sich in den USA der Präsident mit Experten berät und zu diesem Gespräch einen der bekanntesten Hacker quasi aus dem Untergrund ins Weiße Haus bestellt, scheint es andernorts noch immer wichtiger, den Dienstweg einzuhalten. Und da eine Cyberattacke schließlich auch eine Art von Einbruch ist, beginnt die Zuständigkeit in Deutschland ganz unten. Doch das nutzt nichts - zumal Einrichtungen wie das BSI ihre Erkenntnisse nur einem kleinen Kreis von Großunternehmen mitteilen. Wer weiß, dass von den 360 Beschäftigten der Behörde nicht einmal ein Dutzend für das Internet zuständig ist, braucht nicht lange nach den Gründen zu fragen.

Auch diesen Umstand können sich die Cyber-Kriminellen zu Nutze machen. Denn als Sprungbrett für ihre Attacken eignen sich nicht nur die Großrechenanlagen der Industrie oder irgendwelche Universitätsrechner, sondern auch die Tausenden von Firmenrechnern, die inzwischen den Mittelstand ans Internet anbinden. Hier gilt es aufzuklären und ein Sicherheitsbewusstsein zu schaffen, das künftigen Attacken den Boden entzieht.

Privat betriebene Netzwerke sind jedenfalls nicht die Lösung, das hat das Beispiel Amerika gezeigt. Dort haben sich eine Reihe von Großbanken zu einem Sicherheitsverbund zusammengeschlossen. Doch obwohl man dort vier Tage vor den großen Attacken sogar wusste, wer angegriffen werden sollte, hielt man die Informationen zurück. Denn eine Weitergabe an die Behörden ließen die Statuten nicht zu. Dies mag in den USA statthaft sein, für die Bundesrepublik wäre es ein schlechtes Vorbild. Zusammen mit den europäischen Partnern wird hier ein Frühwarnsystem benötigt, an dem alle partizipieren können. Technisch stellt das im Kommunikations-Wunderland Internet keine Hürde dar. Es braucht nur ein politische Signal.

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