Zeitung Heute : In die Botanik gehen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Ach, die Gurke ist eine Beere!“ „Ja, und die Haselnuss eine Plumpsfrucht“, sagt der Künstlerfreund, inzwischen an die Vitrine herangetreten. Noch mehr als diese grundstürzende Erkenntnis gefallen ihm die ästhetischen Qualitäten einer vergrößerten farbigen Erdbeere oder die Modelle der verschiedenen Pflanzensamen.

Das Botanische Museum ist für die Freunde eine heitere Überraschung. Das Gebäude ist in sehr gutem Zustand, die Schaukästen und Präparate sind restauriert und erstaunlich vielfältig. So werden in einem kleinen Raum Pflanzen, Samen und Stoffe aus den Pharaonengräbern gezeigt. Die Freunde erfreut hier besonders die Farbenpracht eines rekonstruierten pflanzlichen Halsschmucks der Mumien.

Überraschend sind die Kenntnisse des Künstlerfreundes. Der Rentner erfährt von ihm den Ursprung des Namens „Ackergauchheil“. Im Mittelalter heilte man mit dieser Pflanze den „Gauch“, den Narren. Ob’s geholfen hat, wissen aber beide nicht.

Besonders spannend ist der Film in der Sonderausstellung „Wien - Pflanzenwelt einer Großstadt“. Hier wird die Lebenswelt am Wiener Stephansdom gezeigt. Der Falke falkt, die Maus maust, der Seidenspinner spinnt am Götterbaum, und die gotischen Spitzbogen stürmen himmelan; Musik tönt, Bruno Ganz spricht. Der Rentner ist begeistert. Aber als Ganz von „Glanz und Herrlichkeit“ spricht, reißt der Künstlerfreund ihn aus der Ergriffenheit. „Zu pathetisch und redundant“, sagt er. Aber gepackt hat es den Künstlerfreund auch.Der Rentner erzählt, wie sehr ihn der Besuch im Naturkundemuseum Bamberg beeindruckt habe: Dort gibt es ein originales Naturalienkabinett aus dem Ende des 18. Jahrhunderts mit seinen alten Tierpräparaten. Zudem zeigt eine ganz moderne Multivision die Schönheit des Lebendigen und wie die Menschen sie zerstören. Man wisse es ja, aber hier werde es sinnlich erlebbar.

Botanisches Museum, Königin-Luisen-Straße 6-8, Berlin-Dahlem;

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