Zeitung Heute : In die freie Wildbahn gehen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Neulich war ja mal wieder Ostern. Und was soll ich Ihnen sagen, die Kleine glaubt tatsächlich noch an den Osterhasen. Ach wie süß, werden Sie jetzt vielleicht denken, das unschuldige Kind. Nun, immerhin kommt sie im Sommer in die erste Klasse und bald darauf wird sie sieben. Ist es da nicht langsam höchste Zeit, sie mit ein paar unangenehmen Wahrheiten zu konfrontieren, die so nicht im Märchenbuch stehen? Und weil wir gerade auf dem Land waren, hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, sie darauf vorzubereiten, dass Hasen in Wirklichkeit gar keine Eier legen.

Erst einmal musste ich die Kleine suchen. Sie lag mit ein paar anderen Kindern vor einem Traktor und starrte gebannt darunter. Was gibt es denn da, wollte ich wissen. „Eine Katze“, piepste sie mit ihrem für eine Sechsjährige immer noch ziemlich zarten Stimmchen. Und, fragte ich weiter, was macht die Katze? Wobei ich fest damit rechnete, das Viech würde sich der Nachwuchspflege widmen. Schon weil die Kinder so versonnen guckten. Kinder lieben Tierbabys. Das wäre doch ein schöner Anlass, das Thema Fortpflanzung aufzugreifen. „Sie tötet eine Maus“, antwortete mein kleines Mädchen, „und jetzt frisst sie gerade den Kopf.“ Ich habe die Sache mit dem Hasen dann erst mal vergessen und mir statt dessen Gedanken darüber gemacht, ob so viel Natur überhaupt gut ist für zarte Kinderseelen.

Das ist ja das Schwierige an der Kindererziehung. Ständig fragt man sich, wann eigentlich der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Kleinen die nötige Reife für den nächsten Schritt haben. Man will sie ja nicht überfordern. Aber unterfordern will man sie schon gar nicht. Kann man sich ja gar nicht mehr leisten heutzutage. Und was meinen Sie, was man von anderen Eltern zuweilen so zu hören kriegt, was ihre Sprösslinge alles können. Da gibt es Sechsjährige, die konjugieren französische Verben und spielen dazu Geige. So etwas verunsichert mich.

Ich habe mir deshalb fachlichen Rat gesucht und ein Buch gekauft: „Das Weltwissen der Siebenjährigen“ von Donata Elschenbroich. Frau Elschenbroich arbeitet am Deutschen Jugendinstitut und hat Interviews mit Experten der verschiedensten Disziplinen geführt. Herausgekommen ist ein Bildungskanon für Erstklässler. Und der ist so etwas wie eine Anleitung zum Neugierigsein. Man könnte das Buch allerdings auch als eine Liste lesen, die es abzuarbeiten gilt. So ist es zwar nicht gemeint, aber, falls es jemand so versteht, macht nichts, es gibt Schlimmeres.

Was sind das für Dinge, die Donata Elschenbroich zum Weltwissen zählt? Nun, Siebenjährige sollten zum Beispiel „auf einen Baum geklettert sein“, „die Erfahrung gemacht haben, dass ein eigener Verbesserungsvorschlag in die Tat umgesetzt wurde“ oder „den eigenen Pulsschlag gefühlt haben“, um nur mal drei zu nennen. Vom Osterhasen steht übrigens gar nichts drin. Dafür habe ich folgenden bedenkenswerten Satz gefunden: Kinder sollten „die Natur als Freund und als Feind erlebt haben. Als empfindlich, beschützenswürdig. Und als stärker, gefährlich.“ Pech gehabt, kleine Maus. Aber du bist nicht umsonst gestorben.

Donata Elschenbroich, „Weltwissen der Siebenjährigen“. Goldmann Taschenbuch, 9, 90 Euro.

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