Zeitung Heute : In die Unterwelt abtauchen

Lars von Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Dass hinter manch harmlos wirkender Fassade unserer Stadt Gruseliges geschieht, hatte ich schon immer geahnt. Wie schlimm es wirklich um Berlin steht, weiß ich seit „Berlinoir“. So heißt die Vampir-Comic-Trilogie, deren ersten Teil Zeichner Reinhard Kleist und Autor Tobias O. Meißner zu Jahresbeginn vorstellten. Spitzzähnige Monster haben darin die Macht in Berlin übernommen, zapfen den Sterblichen das Blut kanisterweise ab und lassen sich auch von einer mit Armbrusten und Holzpflöcken bewaffneten Rebellentruppe nicht stoppen. Jetzt haben Kleist und Meißner den zweiten Band ihres blutrünstigen, kunstvollen und insgesamt sehr unterhaltsamen Werkes vorgelegt.

„Mord!“ heißt der Titel, und der Inhalt passt dazu. Der Aufstand der Vampirjäger war vergebens, die Blutsauger treiben ungehindert ihr Unwesen zwischen Tiergarten und Friedrichshain. Ein blutgieriger Werwolf sucht in den Katakomben der futuristisch gewucherten Hauptstadt nach Opfern, ein wahnsinniger Kindermörder hinterlässt eine Spur des Todes, und die wiederaufgebaute Berliner Mauer trennt Sterbliche von den wahren Herrschern der Gruselmetropole, den untoten Vampiren. Das Buch ist nichts für sanfte Gemüter. Wer düstere Science-Fiction-Geschichten mit Zitaten aus „Nosferatu“ und „M - eine Stadt sucht den Mörder“ mag, der kommt bei „Mord“ aber auf seine Kosten.

Kleists Zeichnungen, die Autor Meißner mit teils ironisch leichten, teils etwas zu bedeutungsschweren Texten begleitet, sind außerdem eine Freude für Lokalpatrioten. Im Alptraum-Berlin geht der Oberblutsauger in der Gedächtniskirche zur Beichte, die Rebellen attackieren die Diktatoren bei einer Feierstunde im klassischen Reichstag mit spitzem Kuppelaufbau, und vor der Siegessäule wartet eine Guillotine auf diejenigen, die sich der Diktatur der Blutsauger widersetzen. Bei so vielen Berlin-Anspielungen darf dann auch der Tagesspiegel nicht fehlen: Der mutiert in der Geschichte zum Nachtspiegel.

„Mord! – Berlinoir Band 2“, 48 S., 12,50 Euro, Edition 52. Am 12.11., 20 Uhr, eröffnet in der Galerie Knoth&Krüger (Oranienstr. 188) eine Ausstellung mit Originalen aus „Mord!“ (bis 1.12.). Wir verlosen fünf Exemplare des Buches. Einsendungen bis 11.11. mit Adresse und Stichwort Berlinoir per E-mail an verlosungen@tagesspiegel.de

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