Zeitung Heute : In digitaler Mission

HELMUT MERSCHMANN

In Hamburg hält man viel von äußerer Form und Konventionen. Gerade im "Neuen Hamburg", in der Speicherstadt am Hafen, wo die "Güter per Mausklick umgeschlagen werden" (Eigenwerbung der Hansestadt). Eines der interessantesten Güter dort ist virtuell: das New Media-Projekt "politik-digital". Das E-Zine ( www.politik-digital.de ) hat sich die politische Berichterstattung im Internet auf die Fahnen geschrieben und nicht den Klassenkampf. Eine Karriere im Internet-Boom: Die vier Jung-Redakteure tragen gut sitzende Anzüge, machen einen aufgeweckten Eindruck und vertreten ihre Sache souverän. Zählt man ihr Alter zusammen, übertreffen sie den 85jährigen Alfred Rosenthal, der in ihrer Zeitschrift als ältester deutscher Internet-Bewohner vorgestellt wurde, nur knapp.

Treffpunkt: Hamburger Hafen, morgens um zehn. Auf schwankenden Bohlen führt der Steg hinab zum Forschungsschiff "Aldebaran" ( www.aldebaran.de ), wo Bundesumweltminister Jürgen Trittin einen digitalen Schnack mit dem Rest der Welt halten will. Die Funkstrecke, die ihn aus der Schiffskombüse mit dem Internet verbinden soll, macht Schwierigkeiten. Ein User fragt, ob es an Atomstrom zum Chatten fehle. Danach geht es routiniert voran, und Jürgen Trittin beantwortet alle Fragen nach seiner Umweltpolitik und den Grünen. Es macht ihm sogar Spaß. Auf solche Chats hat sich die Redaktion von "politik-digital" spezialisiert und ist damit bekannt geworden. Polit-Prominenz wie Johannes Rau und Dagmar Schipanski griffen schon in die Tasten, Guido Westerwelle war gerade da.

Angefangen hat alles bei der letztjährigen Wahl zum deutschen Bundestag. Peer-Arne Böttcher und Lars Hinrichs gelang es, die meistbesuchte Internet-Site ( www.wahlkampf98.de ) mit Hintergrundberichten zu den Kampagnen der Parteien aufzuziehen. Seit November vergangenen Jahres arbeiten die beiden, die sich beim Grundwehrdienst als Redakteure im Verteidigungsministerium kennengelernt haben, zusammen mit Philipp Stradtmann an ihrem E-Zine. Vor ein paar Wochen kam noch Steffen Wenzel hinzu, der ein abgeschlossenes Soziologie-Studium vorweisen kann. Er promoviert neben seinem Redakteursposten über Streetball-Kultur. Böttcher und Hinrichs studieren noch pro forma, setzen aber mehr auf die eigenen Erfahrungen und Entwicklungen im Internet.

Was die Redakteure von "politik-digital" eint, ist ihr politische Interesse und der Anspruch, darüber "verständlich, aber wissenschaftlich fundiert zu schreiben", sagt Peer-Arne Böttcher. Sie wollen "den Dialog zwischen Bürgern und Politikern wieder auffrischen" und alle ansprechen, die sich für Politik, insbesondere solche, die das Internet betrifft, interessieren. Kontinuierlich, wöchentlich aktuell und parteiübergreifend. Typische Themen von "politik-digital" sind digitale Städte, Kryptographie, also Verschlüsselungstechniken und die EU-Gesetzgebung in Sachen Internet. Über dreißig freie Autoren, darunter Friedrich Küppersbusch und Peter Glotz, schreiben für das Team in der Hamburger Speicherstadt. Es schätzt sich mittlerweile in der glücklichen Lage, für "jedes Thema den richtigen Autoren ansprechen" zu können.

An Selbstbewußtsein mangelt es den Internet-Journalisten nicht. In Bonn unterhalten sie bereits einen Redaktionsableger, im Juli wird nach Berlin expandiert. Die Nähe zur politischen Macht sei notwendig, um im Geschäft zu bleiben. Als solches begreifen sie ihr Unternehmen nämlich durchaus. Mit einer Premium-Partnerschaft mit dem Online-Buchshop "Bol" haben sie Neuland betreten. Ihre Redaktion befindet sich in den Räumlichkeiten der Medienagentur LAVA/iXL, die den Online-Auftritt der "Tagesschau" vorgenommen hat und "politik-digital" mit ihrer Infrastruktur unterstützt. Weitere Kooperationen wie mit der Zeitschrift "Tomorrow" lassen Geld in die Kassen fließen. Berührungsängste gibt es nicht.

Anders als vergleichbare E-Zines in den USA, die von Aktivistengruppen betrieben werden, versteht sich "politik-digital" als unabhängige Plattform für eine Vielzahl von Meinungen. Auf ihren politischen Hintergrund angesprochen, reagieren die Redakteure etwas verschreckt. Sie lassen lieber die anderen streiten und ziehen sich auf ihre Beraterfunktionen zurück. Dieser Dienstleistungscharakter umfaßt neben moderierten Chat-Sessions beispielsweise auch elektronisches Votieren. Auf der Homepage von "politik-digital" läuft gegenwärtig eine Ak-tion gegen Spams, unerwünschte Werbe-E-Mails. Man kann auf der Homepage online eine an die EU-Komission gerichtete Petition unterzeichnen.

Viele Netz-Freaks glaubten zu Beginn des Internet-Booms, daß das World Wide Web zu einer Demokratisierung führe. Ist "politik- digital" ein Stück elektronische Demokratie? Illusionen machen sich die Redakteure über ihre digitale Mission nicht. Weder über ihre Aktionen, noch über die Chancen einer "elektronischen Demokratie". Zwar sei das Internet das "demokratischste Medium", wie Steffen Wenzel sagt, doch "zunächst müssen die Rahmenbedingungen stimmen, wie man das Internet dem Bürger nahebringt". Hier liegt noch einiges im argen. "politik digital" will die politischen Meinungsbildung fördern und mitgestalten. Dazu gehört, die Parteien anzuhalten, vermehrt das Internet zu nutzen und "interaktiv mit dem User zu kommunizieren". Am 16. Juni schaut Gregor Gysi bei den Internet-Redakteuren in der Speicherstadt vorbei. Wahrscheinlich auch im Anzug.

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