In eigener Sache : Der Tag, an dem der Tagesspiegel umzieht

Rüdiger Schaper

Was haben Daniel Barenboim, Nofretete, der Suhrkamp-Verlag und diese Zeitung gemeinsam? Alles Kultur? Alles Berlin? Da kommen wir der Sache näher. Trennung ist das Verbindende – die Damen und Herren ziehen um. Ägyptens sagenhafte Herrscherin thront bald im Neuen Museum auf der Museumsinsel, Suhrkamp kehrt Frankfurt und Bankfurt den Rücken, um in der Hauptstadt einen Neubeginn zu wagen, Barenboims Staatsoper wechselt, wenn auch nur vorübergehend, vom Lindenboulevard in die Bismarckstraße, ins so oft schon totgesagte Schiller-Theater. Und der Tagesspiegel? Kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen, eine Zeitungsproduktion ohne Potse und eine Potse ohne Presse.

Doch es ist wahr. Heute, da diese Abschiedstränen verdrückt werden zwischen Bergen von Umzugskartons, an einem bereits leer geräumten Schreibtisch, in einem Haus, das sich Etage für Etage in ein Geisterhaus verwandelt – heute, also gestern, am 1. Oktober, um historisch exakt zu sein, war der letzte Tagesspiegel-Tag in der Potsdamer Straße. Nach 55 Jahren. Ende 1954 kamen hier – oder muss man bereits sagen, dort? – die ersten Exemplare aus der Rotation. Seit 1973 (kleiner Umzug nach nebenan) residierte die Zeitung in jenem Gebäude, das die Mitarbeiter liebevoll „Bulgarien“ nannten; das Feuilleton wurde gelegentlich auch als „Oper Plowdiw“ bezeichnet. Wahrscheinlich hängt das mit dem balkanischen Multikulti-Charakter der Potsdamer Straße zusammen, deren rauer Charme so inspirierend war. Der Kosename Potse spiegelt es wieder, dieses Joseph-Roth-Gefühl, die Poesie des Großstadtpflasters. Ein Umzug ist ein Versprechen. Zum Anhalter Bahnhof geht die Reise, an den Askanischen Platz. In ein wunderschönes Haus aus der Gründerzeit, wo einst Ingenieure neue Maschinen entwarfen. Was kann einer Zeitung Besseres passieren, als Tradition zu atmen und Gegenwart zu gestalten! So wie unsere neuen Nachbarn vom Gropius-Bau und Hebbel am Ufer.

Die letzten Umzugswagen rollen vom Hof. Die letzten Zeilen werden geschmiedet für die große Umzugsbeilage, die am Sonntag erscheint. Dann sitzen wir drüben, nicht weit übrigens vom, ja doch, Potsdamer Platz. Adieu und hallo. Man bleibt sich treu. Rüdiger Schaper

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