Zeitung Heute : In eigener Sache

Die Kontrahenten stehen ganz am Anfang – und schon gibt es Ärger. Der Wahlkampf um das Weiße Haus hat seinen ersten Skandal. Die Angehörigen der Opfer vom 11. September werfen dem Amtsinhaber Geschmacklosigkeit vor. Der Herausforderer schaut gelassen zu.

Matthias B. Krause[New York]

AMERIKA IM WAHLKAMPF

Von Matthias B. Krause,

New York

Die Bilder blitzen jeweils kaum länger als eine Sekunde auf den Schirmen auf: Stars and Stripes vor dem Gerippe eines zerstörten Gebäudes – Männer tragen einen mit einer Flagge zugedeckten Körper auf einer Bahre – ein Mann und ein Mädchen hissen die amerikanische Fahne. Die Anspielung auf die Terroranschläge des 11. September in den Spots, die US-Präsident George W. Bush zum Auftakt seiner 200 Millionen Dollar teuren WiederwahlKampagne ausstrahlen ließ, hätte kaum deutlicher ausfallen können. Seine Botschaft: „Steady leadership in times of change“ – eine standfeste Führung in sich ändernden Zeiten.

In 16 Bundesstaaten und auf vier landesweit zu empfangenden Kabelsendern wurden die beiden Wahlkampfspots zum ersten Mal ausgestrahlt – und lösten einen Sturm der Entrüstung aus. Hinterbliebene und die größte Feuerwehrgewerkschaft warfen Bush vor, die Tragödie, bei der mehr als 3000 Menschen starben, zu missbrauchen. Von allen Seiten wurden Rufe laut, die Filme zurückzuziehen. Das lehnte das Bush-Team strikt ab. Gleichwohl war Karen Hughes, eine von Bushs wichtigsten Wahlkampfmanagern, den ganzen Tag damit beschäftigt, die Wogen zu glätten. „Ich denke, es ist sehr geschmackvoll gemacht“, sagte sie in einem ihrer unzähligen Interviews im Frühstücksfernsehen, „es ist eine Erinnerung an die Erfahrung, die wir als Nation teilen. Der 11. September ist nicht einfach eine Tragödie der Vergangenheit, er hat unsere Zukunft mitbestimmt.“

In New York, wo der Aufschrei besonders laut war, sprang Ex-Bürgermeister Rudolph Giuliani für seinen Parteifreund mit starken Worten in die Bresche: „Das ist ein Teil der Verdienste von Präsident Bush und es ist ein Teil der Geschichte. Er hat damals so einen guten Job gemacht, es wäre fast eine Irreführung, die Bilder vom 11. September nicht zu bringen.“ Der Präsident selbst sammelte in Kalifornien Wahlkampfspenden und nahm mit keinem Wort Stellung zu der Debatte.

Die Führungsqualitäten, die er zur Überraschung vieler nach den Terroranschlägen gezeigt hatte, spielen in seiner Wahlkampfstrategie eine entscheidende Rolle. So findet auch der Nominierungskongress der Republikanischen Partei kurz vor dem Jahrestag des 11. September in New York statt – und der verantwortliche Gouverneur George Pataki setzt alles daran, Bush zu ermöglichen, dann den Grundstein für den Freedom Tower am Ground Zero legen zu können.

Vielen Angehörigen ist die politische Instrumentalisierung der Terroranschläge jetzt schon zuwider. „Mir geht nicht in den Kopf, dass Bush die Ereignisse als eine positive Reflexion seiner Regierung begreift“, sagt etwa Mary Fetchet, deren Sohn Brad in den Türmen des World Trade Center starb. „Wir hatten so viele Kämpfe mit ihr in allen Belangen, die die Familien der Opfer betreffen – und dann den Tod unserer geliebten Menschen als politische Plattform zu nutzen, das ist widerwärtig.“

Auch die 260000 Mitglieder starke International Association of Fire Fighters, die den demokratischen Kandidaten John Kerry unterstützt, findet, dass Bushs Verdienste keineswegs nur glanzvoll sind. Die Regierung habe die Feuerwehr nicht mit adäquaten Mitteln unterstützt, um deren Organisation und Ausrüstung zu verbessern, kritisierte Sprecher Harold Schaitberger. Der Verband stößt sich vor allem an dem Bild des Toten in einem der Werbefilme: „Das ist absolut erbärmlich.“ Er fordert, die Spots unverzüglich zurückzuziehen. Die Gruppe „The September 11th Families for Peaceful Tomorrows“ verbreitete ein Statement, wonach Bush noch im Januar versprochen hatte: „Ich habe ganz und gar keine Ambitionen, das Thema politisch zu nutzen.“

Die Demokraten lehnten sich derweil gelassen zurück und sehen dabei zu, wie das Bush-Team versuchte, sich aus der Affäre zu ziehen. Nur Jim Jordan, der einen Teil von Kerrys Vorwahlkampf gemanagt hatte, sagte: „Wir debattieren hier nicht die nationale Sicherheit – wir sprechen über eine Geschmacklosigkeit und den Willen, die Angehörigen für politische Zwecke zu missbrauchen. Von ihnen der Unsensibilität angeklagt zu sein, ist eine schlechte Sache – egal, wie du später versuchst, es zu drehen.“

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