Zeitung Heute : In einem Bayerischen Rehabilitationsprojekt soll das Internet den neuen Start ins Leben erleichtern

Martin Busche Henriette Seyfferth

In Herzogsägmühle, 80 Kilometer südlich von München, möchte man Urlaub machen. Die Wiesen sind grün, die Berge hoch, die Luft ist klar. Eigentlich müsste nur noch der Bärenmarken-Teddy aus der Werbung die Milch vorbeibringen, dann wäre die Idylle perfekt. Dort, wo Großstädter Entspannung suchen, versuchen 500 Menschen mit psychischen Problemen ihr Leben zu meistern. Das Diakoniedorf Herzogsägmühle ist ein Rehabilitationsprojekt. Auf den ersten Blick eines von vielen. Auch hier werden gebrauchte Briefmarken gesammelt und wiederverwertet, bekommen Menschen eine Berufsausbildung oder finden Schutz vor den Unbilden der Gesellschaft. Doch in Herzogsägmühle hilft das Internet dabei.

Seit 1997 gibt es das Projekt Herzogsägmühle Online. Notiz genommen hat die Internet-Community davon bislang kaum. "Wir wollen unseren Klienten durch Internetkenntnisse einen neuen Start ins Leben erleichtern", beschreibt Projektleiter Andreas Kurz die Ziele der Initiative, in deren Zentrum das öffentliche Internetcafé steht. Die Räume sind hell und freundlich, drei Computer laden zum Surfen und Chatten ein. Die Nutzung des Cafés und der Computer ist kostenlos, die Öffnungszeiten sind für dörfliche Verhältnisse ungewöhnlich lang: Geschlossen wird um 20 Uhr. Beliebteste Disziplin ist das Chatten. Im Gespräch mit anderen Onlinern in aller Welt fühlen sich auch diejenigen wohl, die im wirklichen Leben unter Kommunikationsproblemen leiden.

"Beim Chatten sind alle gleich", erzählt Susen (Name von der Redaktion geändert). "Hier fragt mich keiner, was ich bin, wo ich herkomme, warum ich hier bin." Auch Projektleiter Kurz schwört auf die Segnungen des Chats: "Viele unsere Klienten sind selbstbewusster geworden, seitdem sie gelernt haben zu chatten." Benachteiligten Menschen den Zugang zur Technologiegesellschaft zu ermöglichen ist eines der erklärten Ziele der Arbeit, die aus ganz praktischen Übungen besteht: Wie erreiche ich die Bahnauskunft im Netz und bestelle eine Fahrkarte, welche Internetadresse hat das Arbeitsamt, und wie funktionieren E-Mails?

"Warum soll das Internet nur Abiturienten zur Verfügung stehen?", fragt Kurz, schränkt aber gleichzeitig ein, dass nicht alle Herzogsägmühler am Computer arbeiten können. Einige wollen nicht, andere sind intellektuell nicht in der Lage, die Computerwelt zu verstehen.

Entstanden ist die Idee für Herzogsägmühle Online 1995. Damals fiel den Sozialarbeitern auf, dass ihre Computerkurse nur diejenigen ansprachen, die sowieso den Unterschied zwischen Bites und Bytes kannten. Völlige Newcomer bleiben außen vor, teils aus Angst vor der Maschine Computer, teils, weil sie glaubten, vor den Computerfreaks nicht bestehen zu können. Für eine Einrichtung wie Herzogsägmühle eine fatale Entwicklung, schließlich sollen hier benachteiligte Menschen in die Gesellschaft integriert werden. Stattdessen werden sie mal wieder ausgeschlossen. Darum mussten neue Konzepte her. Solche wie Herzogsägmühle Online.

Doch alle guten Ideen wären am Geld gescheitert, hätte die bayerische Landesregierung nicht im selben Jahr "Bayern Online" gestartet und Internet-Zugänge gerade im ländlichen Raum massiv bezuschusst. Herzogsägmühle ist europaweit einmalig. Sozialarbeit mit Internet betreibt keine andere Einrichtung auf dem Kontinent. Dennoch sind in Herzogsägmühle nicht alle Träume wahr geworden. Ursprünglich wollte Herzogsägmühle auch Telearbeitsplätze für seelisch kranke Menschen schaffen. Doch es mangelte an Aufträgen. Andreas Kurz trägt es mit Fassung: "Es kann nicht alles gleich klappen. Hauptsache, die Saat ist gesät".

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