Zeitung Heute : In einem fernen Land

Das Saarland scheint vielen vor allem weit weg zu sein – Namen, Daten, Fakten zum Kennenlernen

Dagmar Dehmer Stefan Jacobs

Das Saarland hat gewählt. Was macht das Saarland eigentlich aus?

Ganz weit im Westen, aber ein bisschen wie im Osten – das Image des Saarlands, in dem an diesem Sonntag etwa 818000 Menschen zur Wahl eines neuen Landtages aufgerufen waren, ist nicht das beste. Und nur teilweise richtig.

Steckbrief: Mit 2569 Quadratkilometern – knapp drei Mal so groß wie Berlin – ist das Saarland Deutschlands kleinstes Flächenland. Es ist hügelig und zu fast einem Drittel von Wald bedeckt. Von den 1,1 Millionen Einwohnern des Saarlands leben 182300 in der Hauptstadt Saarbrücken. Die Saarländer sind überwiegend katholisch, wovon die CDU bei Wahlen bis Ende der 70er Jahre profitierte.

Wirtschaft : Als das Saarland 1957 unter deutsche Verwaltung gestellt wurde, war das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik bereits in vollem Gange. Den Rückstand konnte das Saarland nur langsam aufholen, belegte im Ländervergleich meist den letzten Platz.

Die Industrie war und ist geprägt von Steinkohle und Stahl – einschließlich dessen Weiterverarbeitung in Autoindustrie und Maschinenbau. 23 Prozent der Beschäftigten waren im vergangenen Jahr im verarbeitenden Gewerbe der Autoindustrie tätig; 42 Prozent der Umsätze der Industrie wurden in dieser Sparte erzielt. Allerdings musste gerade die Kfz-Branche hohe Einbußen hinnehmen, die Umsätze sanken um 20,2 Prozent, im Auslandsgeschäft sogar um 32,3 Prozent.

Anfang der 60er Jahre arbeiteten in der Kohle- und Stahlbranche noch mehr als 100000 Menschen, heute sind es nicht einmal mehr 19000. Die hoch subventionierte Steinkohleförderung wurde stark verringert, so dass von einst 18 Bergwerken nur noch zwei übrig sind. Eins davon soll demnächst geschlossen werden.

Das Bruttoinlandsprodukt sank nach einer überdurchschnittlichen Wachstumsphase im vergangenen Jahr um 1,1 Prozent und damit stärker als im bundesweiten Durchschnitt. Die Arbeitslosenquote lag Ende Juli dieses Jahres bei 9,3 Prozent, also 1,2 Prozentpunkte über dem Mittel der westdeutschen Bundesländer.

Finanzen : Im Jahr 1992 verklagte das Saarland wegen seiner extremen Haushaltsnotlage den Bund erfolgreich auf Milliarden umfassende Sonderzahlungen. Die chronische Geldnot des Landes ist damit allerdings nicht behoben, der Schuldenberg von zurzeit 7,5 Milliarden Euro in den vergangenen Jahren sogar gewachsen. Eine Prognose des Bundesfinanzministeriums sagt dem von Steuerausfällen und steigenden Sozialausgaben belasteten Land fürs Jahr 2007 sogar einen Schuldenstand von 8,8 Milliarden Euro voraus.

Geschichte: Acht Mal wechselte das Saarland in den vergangenen 200 Jahren seine nationale Zugehörigkeit. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde es teils von Frankreich und teils vom Völkerbund verwaltet. Die fünfzehn Jahre als Teil Frankreichs haben die Saarländer offenbar als große Schande empfunden. 1919 hatten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs entschieden, dass das Saarland mit seiner Kohle- und Montanindustrie 15 Jahre lang zu Frankreich gehören sollte – als Reparationsleistung. Dann sollten die Saarländer über ihre weitere Zukunft abstimmen dürfen. Am 31. Januar 1935 wollten 91 Prozent der Saarländer nur noch „heim ins Reich“ – so hatte der Slogan der Nationalsozialisten gelautet. Die Rückkehr in eine Diktatur,deren Konturen sich 1935 deutlich abzeichneten, war den Saarländern lieber als das Verbleiben in der französischen Demokratie.

Anfang 1945 besetzten US-Truppen das Land, nach Kriegsende wurde es wirtschafts- und außenpolitisch Frankreich angegliedert. 1955 lehnten 67,7 Prozent der abstimmenden Saarländer (die Beteiligung lag bei 96,9 Prozent) das „Saarstatut“ ab. Danach wäre das Saarland einem Kommissar der Weteuropäischen Union (WEU) unterstellt worden. Nachdem die „Saarfrage“ 1956 in einem deutsch-französischen, dem so genannten Luxemburger Vertrag geregelt war, wurde das Saarland am 1. Januar 1957 als elftes Bundesland in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert.

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