Zeitung Heute : In einem unbewohnbaren Land

Autobomben, Killerschwadronen, Selbstmordattentäter – fast 500 Tote in den letzten drei Wochen. Leben im Irak ist Leben im Inferno

Susanne Fischer[Suleimanijah]

Seitdem er vor sechs Monaten zum zweiten Mal binnen eines Jahres in den Irak geschickt wurde, hat sich Sergeant Ian Smith (Name geändert) von der 10. Mountain Division bemüht, in Telefonaten und Briefen nach Hause gelassen zu klingen. Doch seit einigen Wochen ist es mit der Fassung vorbei. Smith, 31, flucht, klagt, verzweifelt am Telefon oder am Computer, wann immer er zwischen zwei Einsätzen für eine schnelle Dusche ins Camp Victory, das große US-Militärcamp am Bagdader Flughafen, zurückkehrt und sich kurz bei seiner Familie meldet. Die jüngste E-Mail an seine Frau klingt wie ein Hilfeschrei: „Ich muss hier raus! Ich habe das Gefühl, um mich herum ist alles vergiftet. Ich ertrage es nicht länger.“

Sein Truppenführer liegt seit drei Wochen im Koma. Ein irakischer Scharfschütze hat ihm in den Nacken geschossen, als sie in der Nähe des berüchtigten Folter-Gefängnisses Abu Ghraib unterwegs waren. Um den Scharfschützen zu finden, ging die Einheit verstärkt auf Patrouille – und verlor wenige Tage später zwei Männer durch einen am Straßenrand versteckten Sprengsatz. „Um mich herum ist nur noch Tod und Zerstörung“, schreibt Smith seiner Frau.

Dabei hat die US-Armee noch die geringsten Verluste zu beklagen. Irakische Polizisten, Soldaten, Nationalgardisten, Journalisten, Hausfrauen beim Einkauf, Männer auf dem Weg zur Arbeit starben zu Hunderten seit der doch so lange erwarteten Regierungsbildung in Bagdad am 28. April. Jeglicher Optimismus, der nach den halbwegs friedlich verlaufenen Wahlen Ende Januar zu spüren war, hat sich verflüchtigt, jede Hoffnung, dem Terrorismus durch politischen Fortschritt das Wasser abzugraben, auch.

Das monatelange Tauziehen um die Macht hat jenen in die Hand gespielt, die den politischen Prozess ohnehin ablehnen und mit Gewalt stoppen wollen. Auch das Ergebnis der Regierungsbildung ist zur Friedensstiftung nur bedingt geeignet. Die Religiöseren unter den Schiiten mögen sich mit dem neuen Premierminister Ibrahim al Dschaferi am Ziel ihrer Wünsche sehen. Doch anders als sein Vorgänger Iyad Allawi, der als säkularer Machtmensch selbst in Sunnitenkreisen Respekt genoss, ist der Chef der islamischen Dawa-Partei vielen Irakern suspekt. „Dies ist keine richtige Regierung“, sagt die Juristin Dina al Mumeyes aus Bagdad. „Viele Iraker betrachten Dawa als eine extremistische Partei. Wir warten sehnsüchtig auf die nächste Wahl. Dann machen die Sunniten mit. Die haben ihre Lektion gelernt.“

Drei Monate Machtvakuum haben das Land an den Rand der Unregierbarkeit gebracht. Für immer nehr Menschen sind weite Teile des Irak nicht mehr betretbar. Oft scheut Dina al Mumeyes schon die Fahrt von Adhamiya nach Yarmuk, von einem sunnitschen Viertel in Bagdad in ein anderes, weil der Weg quer durch die Stadt führt, vorbei an zahlreichen amerikanischen Kontrollpunkten, von denen jeder in jedem Augenblick zur tödlichen Falle werden kann.

Zur Sorge um die Sicherheit gesellt sich das Gefühl, den neuen Volksvertretern gehe es weniger um den Aufbau einer Demokratie als vielmehr um die Sorge für die eigenen Pfründen. Selbst in Kurdistan, so gern als zukunftsweisendes Modell für einen demokratischen Irak gepriesen, ringen die beiden herrschenden Parteien PUK und KDP seit Monaten um die Details der Machtverteilung. Die Eröffnung des Regionalparlaments in Erbil musste deshalb mehrfach verschoben werden. Kurden, die im Moment in großer Zahl aus Europa und aus den USA in ihre Heimat kommen, um die Chancen zu eruieren, dort etwas aufzubauen, stellen nach wenigen Wochen frustriert fest, wie fest das Wirtschaftsleben in der Hand der Parteien liegt. „Wenn du hier keine Kontake in die Partei hast, bist du verloren. Wie soll ich etwas aufbauen, wenn jeder erst mal die Hand aufhält und verlangt, beteiligt zu werden?“, klagt Arey Baram, der als Übersetzer mit der US-Armee nach sieben Jahren in den USA nach Kurdistan zurückgekommen ist. Bleiben will er nach allem, was er gesehen hat, auf keinen Fall.

Wie Hohn muss das terrorisierte Volk die Worte der US-Außenministerin Condoleezza Rice empfinden, die bei einem Kurzbesuch im Nordirak Anfang vergangener Woche die Menschen um mehr Geduld bat und von „beachtlichen Fortschritten“ sprach. Fortschreitend sind derzeit allein die Totenzahlen: Fast 500 Tote seit dem 28. April. Die Blutspur zieht sich von Basra im Süden bis Erbil im kurdischen Nordirak. 20 „feindliche Vorfälle“ verzeichnen die Sicherheitsdienste derzeit täglich allein in Bagdad.

„Wer hier lebt, weiß, dass er jeden Moment sterben kann“, sagt der Logistikchef einer internationalen Hilfsorganisation in Bagdad, dessen Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden soll. Er organisiert und begleitet Transporte durch das ganze Land und weiß: Jede Fahrt kann die letzte sein. Er fährt trotzdem. Geht trotzdem aus, sitzt trotzdem abends an der Uferstraße in Bagdad im Fischrestaurant. „Was bleibt uns anderes übrig? Wir haben nur dieses eine Leben. Und wer sagt uns, dass es je besser wird?“

Der Schuldirektor Najib al Hassouna hat sich von seiner Schule an der Landstraße nach Falludscha an eine Schule in Bagdad versetzen lassen, weil der Weg zur Arbeit zu gefährlich war und die Schule mehrfach in die Schusslinie von Gefechten zwischen Terroristen und US-Soldaten geraten ist. Viel Glück hat ihm der Wechsel nicht beschert. Erst wurde sein Sohn entführt. Kaum hatte er ihn für 3000 Dollar Lösegeld glücklich lebend ausgelöst, verschwand sein Bruder. Und als der Bruder gegen 20000 Dollar Lösegeld wieder frei war, eröffneten amerikanischen Soldaten das Feuer auf al Hassouna, als er auf der berüchtigten Flughafenautobahn zu seiner neuen Schule unterwegs war. Er gab Gas, kam mit dem Schrecken, aber einem stark demolierten Auto davon.

Das Gefühl, Tote auf Abruf zu sein, hat sich tief in die irakischen Seelen eingenistet. Als die Journalistin Sahar Hussein vor ein paar Tagen in Bagdad von einem Interview nach Hause fuhr und plötzlich zwei Autos die Straße blockierten, schloss sie innerlich mit dem Leben ab. „Ich war fest davon überzeugt, mein letzter Augenblick sei gekommen.“ Eine berechtigte Angst, wurden doch allein am vergangenen Montag sechs irakische Journalisten ermordet; hingerichtet, weil sie ihre Arbeit machten. Im Irak zu leben heißt derzeit, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Doch Sahar hatte Glück. Es waren keine Kidnapper, sondern Ortsfremde, die nach dem Weg fragen wollten.

Der Tod ist allgegenwärtig im Irak. Er kommt in Gestalt von Autobomben, Selbstmordattentätern und Killerschwadronen. 50 Männer, mit Augenbinden und auf den Rücken gefesselten Händen, wurden letzte Woche in Bagdad und Umgebung gefunden – getötet jeweils mit einem Kopfschuss. Ihre Mörder haben sie auf einer Hühnerfarm abgelegt, andere auf einem leeren Grundstück mitten in Bagdad, am Straßenrand oder in einer Garage. Wer die Toten sind, warum sie sterben mussten, ist bislang nicht bekannt.

Vieles deutet darauf hin, dass es sich um Auseinandersetzungen zwischen bewaffneten Sunniten- und Schiitenmilizen handelt, bisweilen auch um gezielte Akte der Provokation, um einen Bürgerkrieg zwischen den Volksgruppen anzuzetteln. Wie ein Schwelbrand lauert die Gefahr eines solchen Kriegs – allzeit bereit, bei der geringsten Sauerstoffzufuhr aufzulodern.

So wie nach dem Tod des schiitischen Studentenführers Masar Sarhan in Bagdad vor drei Wochen. Sarhan, der unter dem Saddam-Regime zwei Brüder verlor, die wegen ihrer verbotenen Mitgliedschaft in der islamischen Dawa-Partei hingerichtet wurden, hatte nach dem Wahlsieg der Schiiten an der Bagdader Universität Plakate des Dawa-Vorsitzenden Ibrahim al Dschaferi geklebt. Um das Ende der Unterdrückung der Schiiten zu feiern, organisierte er außerdem ein kleines Fest auf dem Campus, verteilte Süßigkeiten und Flugblätter. Über das Fest soll es zu einem Streit mit einem sunnitischen Professor der Universität gekommen sein, einige Stunden später wurde Sarhan geköpft aufgefunden. Als sein Tod bekannt wurde, stürmten wütende Studenten das Büro des Professors, zerschmetterten Scheiben und warfen Möbel um. Ein Leibwächter des Professors verhinderte Schlimmeres, aber erst das Einschreiten der Polizei konnte die rasende Menge stoppen. Seither halten die Proteste an. Inzwischen fordern die schiitischen Studenten alle ehemaligen Baathisten unter den Professoren zum Rücktritt auf; eine Forderung, die von den Sunniten unter den Studenten zurückgewiesen wird. Die Stimmung an der Universität ist auf das Äußerste gespannt.

Das Gleiche gilt für Kirkuk, die umstrittene Öl-Stadt im Nordirak. Dort gründen arabische Siedler angeblich Milizen, um der Dominanz der kurdischen Peschmerga entgegenzuwirken. Und ein Vertrauter des radikalen Schiitenführers Muktada al Sadr soll dem Präsidenten Jalal Talabani gedroht haben, eine Million Menschen für einen Marsch nach Kirkuk zu mobilisieren, würden die Kurden versuchen, Kirkuk ihrem Gebiet anzugliedern.

Die Regierung, ängstlich bemüht, jeden Auslöser für Spannungen zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden zu vermeiden, schreibt alle Untaten unterschiedslos „den Terroristen“ zu, vorzugsweise ausländischen Kämpfern um den längst zur Legende gewordenen Abu Mussab al Sarkawi.

Doch die Wirklichkeit ist, soweit sich das in den Wirren der Anarchie erkennen lässt, vielschichtiger. „Die Terroristen“ gibt es nicht im Irak, so willkürlich und wahllos das Töten auf den ersten Blick wirkt. Die Strategie – durch breit gestreuten Terror das Land unregierbar machen – mag bei verschiedenen Gruppen die gleiche sein. Die Ziele sind es nicht. Islamistische Extremisten, die Friseure hinrichten, weil sie Bärte scheren, haben wenig bis nichts gemeinsam mit militanten Baathisten, die vom Wiederaufleben des alten Regimes träumen. Beide wollen die neue Regierung aus dem Amt und die Amerikaner aus dem Land bomben. Doch wo die Baathisten einen Irak wie zu Zeiten Saddam Husseins anstreben, beherrscht von einer Partei und von Sunniten, schwebt den Islamisten eine Zweitauflage des Taliban-Afghanistan vor.

„Wer als Friseur in Bagdad überleben will, hängt mittlerweile ein Schild ins Fenster: keine Kurzhaarschnitte, keine Gesichtshaarentfernung“, erzählt der Journalistikstudent Hissam al Jasseri (Name geändert) aus Bagdad. Schon ein modisches Ziegenbärtchen könne in manchen Gegenden den Friseur und den Kunden das Leben kosten. „Unsere Islamisten sind noch schlimmer als früher die Taliban in Afghanistan. Denn sie haben sich mit den Ex-Baathisten verbündet und profitieren von deren militärischer Erfahrung.“

Und dann sind da noch die Dritten im Bunde, die ausländischen Kämpfer. Jene „Terror-Touristen“, die zuverlässig wie die Sonne dort auftauchen, wo es vermeintlich Ungläubige auf heiligem Boden zu bekämpfen gibt. Der Irak ist zum neuen Mekka der Glaubenskämpfer geworden, hat im Dschihad-Ranking Tschetschenien und Kaschmir überholt. Unangefochten an der Spitze liegt der Irak auch als Ziel von Selbstmordattentätern. Offenbar unerschöpflich ist das Reservoir an Todeswilligen, die bereit sind zu sterben, um möglichst viele Menschen mit sich zu reißen.

Wenig nur ist über diese Männer bekannt. Sie hinterlassen kaum verwertbare Spuren, viele sterben, ohne dass ihre Identität jemals eindeutig geklärt werden kann. Gelingt der Polizei die Festnahme von Menschen, die Selbstmordattentate planten, werden diese gern im Fernsehen vorgeführt und von einem nicht sichtbaren Journalisten befragt. Wie authentisch diese Interviews sind, ob der Gefangene freiwillig oder unter dem Eindruck von Folter spricht, lässt sich schwer beurteilen. Meistens handelt es sich um Araber aus einem der Nachbarstaaten, aus Syrien, aus Saudi-Arabien oder Jordanien. Sie erzählen, dass sie aus eigenem Antrieb in den Irak gekommen seien, um hier gegen die Ungläubigen und deren Verbündete zu kämpfen. Und sie berichten, dass sie Unterstützung vom Netzwerk um den Terroristen al Sarkawi bekämen.

Dass es keine Iraker sind, sondern Ausländer, die sich inmitten von Polizeirekruten oder auf einem belebten Markt in die Luft sprengen, glauben die Iraker nur zu gern. „35 Jahre Unterdrückung unter Saddam haben nicht einen einzigen Selbstmordattentäter hervorgebracht“, sagt ein ehemaliger Offizier der Republikanischen Garden, der heute als Fahrer arbeitet.

Doch die Indizien häufen sich, dass es längst nicht mehr nur ausländische Extremisten sind, die ihren Leib zur Waffe machen. In Erbil etwa wurde in den Tagen unmittelbar vor dem Anschlag auf eine Rekrutierungsstelle der Polizei, bei dem zwischen 50 und 60 Menschen starben, eine Terrorzelle ausgehoben. Die Männer sollen mit der Vorbereitung mehrerer Selbstmordattentate befasst gewesen sein – alle waren Kurden, einer von ihnen ein angesehener wohlhabender Mann mit besten Verbindungen in kurdische Sicherheitskreise.

Die verstörendste Enthüllung über die Motive von Selbstmordattentätern aber kam von einem Familienvater, der sich in Bagdad in seinem roten Kia in der Nähe eines US-Checkpoints sprengen wollte. Die Bombe zündete nicht richtig, das Auto fing Feuer, und der Mann wurde von US-Soldaten gerettet. Terroristen hätten seine Frau und seine Kinder entführt und ihm gesagt, er könne sie nur retten, indem er selbst zum Märtyrer werde. Wenn der Mann die Wahrheit gesagt hat, stehen den Irakern noch schlimmere Zeiten bevor.

Susanne Fischer arbeitet als Journalistenausbilderin für das Institute for War and Peace Reporting im nordirakischen Suleimanijah.

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