Zeitung Heute : In forscher Manier

Warum die Arbeit mit Stammzellen international eine große Hoffnung ist und die deutschen Chancen dabei eher schlecht stehen

Hartmut Wewetzer

Anfang des Jahres begann auch in Deutschland das Stammzell-Zeitalter. Oliver Brüstle, Mediziner an der Bonner Universität, bekam Post aus Israel und konnte als erster hier zu Lande mit importierten embryonalen Stammzellen forschen. Mit jenen Zellen also, für die der Bundestag im April 2002 einen schmalen gesetzlichen Korridor geschaffen hatte. Noch hält der deutsche Stammzell-Kompromiss. Ungeklärt aber ist zum Beispiel die Frage, ob ein Deutscher auch im Ausland an Stammzellen forschen darf, die nach dem Stichtagsdatum gewonnen worden sind. Antwort: jein. Geteilter könnte die Welt nicht sein: Ein schwedischer Wissenschaftler bekommt Fördermittel und vielleicht sogar Auszeichnungen, während sein deutscher Kollege, der im gleichen Labor in Schweden arbeitet, mit einer mehrjährigen Gefängnisstrafe rechnen muss. Politische Beobachter werteten die Rede von Justizministerin Brigitte Zypries im Oktober in der Berliner Humboldt-Universität als Rütteln am Status quo in der Stammzellfrage. Die Ministerin hatte in ihrer Rede in Frage gestellt, ob ein im Reagenzglas gezeugter Embryo bereits Menschenwürde nach Artikel 1 des Grundgesetzes zukommt, weil er sich nicht von sich aus zu einem Menschen entwickeln könne und dazu einer Frau bedürfe. Damit werde der Embryo „vom Menschen zu Material“, entrüstete sich die CDU-Politikerin Maria Böhmer. Und mit ihr viele andere.

Das deutsche Stammzellgesetz bleibt also unangetastet. Sehr zum Kummer, vermutlich, von Gerhard Schröder. Denn der sieht sich als Modernisierer, ganz wie sein Vorbild, der britische Premierminister Tony Blair. Großbritannien hat ein ausgesprochen liberales, aber genau reguliertes Gesetzeswerk zur Forschung mit embryonalen Stammzellen. Erlaubt ist den Forschern fast alles, wenn es sachlich gut begründet wird.

Deutschen Wissenschaftlern gelang dafür die größte Sensation des Jahres in der Stammzellforschung. Hans Schöler und seine Mitarbeiterin Karin Hübner züchteten an der Universität von Pennsylvania Mäuse-Eizellen aus (männlichen) embryonalen Stammzellen. Die Eizellen aus dem Reagenzglas könnten nun dazu dienen, eines Tages das therapeutische Klonen zu ermöglichen. Und was sagt Schöler? „Ohne Zustimmung der deutschen Gesellschaft mache ich mit menschlichen Zellen gar nichts, auch nicht in den Vereinigten Staaten.“ Ein braver Deutscher, selbst in der Fremde.

Hier zu Lande beschwört man lieber die Kraft der „adulten“ Stammzelle. Also von jenen ethisch unverfänglichen Zellen, die wir alle in uns tragen und die dafür sorgen, dass verbrauchtes Gewebe durch neues ersetzt wird. Ärzte der Düsseldorfer Uniklinik etwa glauben, dass Blut-Stammzellen eines Herzkranken seiner Muskelpumpe wieder neue Kraft verleihen, wenn man sie in die Herzkranzgefäße spritzt. Kommentar des Stammzellforschers Jürgen Hescheler von der Uni Köln: „Wir haben das bei Mäusen versucht. Aber wie haben keine einzige Blut-Stammzelle gefunden, die sich in eine Herzzelle umgewandelt hätte.Die Forschung lebt eben von der Hoffnung. Allerdings: Wenn die Hoffnungen auf die embryonalen Stammzellen sich erfüllen, ist es wohl auch mit dem deutschen Sonderweg aus.

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